Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Brexit und andere Trennungen

Für unseren Autor fühlt sich der Brexit manchmal wie eine richtig miese Trennung an. Das merkt er immer dann, wenn er mit seiner Londoner Ex-Freundin telefoniert. Gedanken übers Schlussmachen.

Veröffentlicht am 01.09.2017
Der Autor winkt seiner englischen Ex-Freundin aus dem EU-Heißluftballon zu

York Pijhan findet den Brexit so schmerzhaft wie eine Trennung.


Ich habe seit Jahren eine Spezialstrategie zum Überwinden von Trennungen. Nachdem ich verlassen worden bin, melde ich mich einfach regelmäßig weiter. So, als wäre nix passiert. Ich versuche dann, am Telefon zu klingen, als sei ich über die Trennung hinweg. Ich erzähle Alltagsquatsch, den ich zu Heldentaten hochtoupiere. Und hoffe, dass meine Ex-Freundin denkt: „Mann! Warum habe ich diesen Spitzentypen je verlassen?“ Klingt verdreht und nach der Charakterreife eines Zwölfjährigen? Ich weiß. Ich bin eine Vollkatastrophe im Verlassenwerden.

Als sich Polly von mir trennte, war es besonders schlimm. Polly ist Engländerin. Wir hatten uns während eines Uni-Austauschprogramms kennengelernt und waren anderthalb Jahre lang ein Paar. Ein bisschen „Before Sunrise“, ein bisschen „Bonny und Clyde“ auf gebrauchten Fahrrädern. Nach der Trennung litt ich wie Sau. Und rief – im Geiste der Spezialstrategie – mehrmals pro Woche in London an, um hysterisch zu prahlen, wie spitze es bei mir läuft. Der Kontakt wurde ­irgendwann weniger, riss aber nie ab.

Seit einem Jahr führen Polly und ich jedoch etwas, was meine Freundin – die es eh nicht so mit meinen Ex-Beziehungen hat – „die Brexit-Telefonate“ nennt. Und in denen Polly auf ihrem Londoner Balkon sitzend erzählt, wie England seit dem EU-Referendum den Bach runtergeht. Ich weiß jetzt von Pollys italienischen Nachbarn, die Angst haben, ausgewiesen zu werden, von steigenden Lebensmittelpreisen, der schlechten Stimmung in der Kita ihrer Tochter. „Ich wache oft morgens auf und versuche, mich daran zu erinnern, weswegen ich so mies drauf bin – bis mir wieder der Brexit einfällt. Wie eine richtig miese Trennung, die man im Schlaf vergessen hat und die einen morgens einholt, you know?“

Ja, I know. Man braucht die seelische Größe einer alten Tennissocke, um den Brexit (für den meine Ex-Freundin nix kann) und Pollys Trennung von mir (die schon lange her ist) nicht zu vermischen. Doch leider habe ich diese Größe nicht. Meine Gefühle für beide Themenfelder lassen sich mit exakt zwei Worten beschreiben: „Ätschi“ und „Bätschi“. Blödmann-Politikern vertraut, einen großen Schluck aus der Patriotismus-Pulle genommen, und „Rule, Britannia!“ johlend über Bord gesprungen. Selbst schuld. Du weißt ja gar nicht, wie gut du es bei mir hattest, also bei uns in der EU, wollte ich sagen, du herzloses Biest. Mann. Ich bin ein pampiger EU-Bürger, der eine 20 Jahre zurück­liegende Trennung nicht vergeben kann. Ich bin irre. I know.

Im Geiste meiner Spezialstrategie lasse ich davon in unseren Telefonaten nix durchblicken. Sondern schmiere mich durch Sätze, die voll gespieltem Verständnis für das Leben in einem Land sind, in dem alles aus den Fugen zu geraten scheint. Und dann sitze ich neben meiner Freundin am offenen Küchenfenster, ein schöner Abend in Berlin, der Himmel ist noch ganz hell. Wir reden über den Brexit, Trump, das wackelnde Europa. Ich wie immer eifrig – meine Freundin komisch bocklos. „Weißt du, was mich wirklich stört?“, fragt sie und beantwortet die Frage gleich selbst. „Die Häme. Das Grinsen im Mundwinkel, wenn es um die Länder geht, die eine falsche Wahl getroffen haben und darunter jetzt zu leiden haben. Sich auf Facebook die Horrormeldungen über Trump reinzuziehen, als wäre Politik eine Netflix-Serie.“ Ich fühle mich ertappt. Polly hat in ihrem letzten Telefonat übrigens gesagt, dass sie England vielleicht verlassen werde. Ihr neuer Freund stamme aus Dänemark. Sie überlege, mit ihrer Tochter zu ihm zu ziehen.

„A new start, you know.“ Good luck. And all the best.