Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Im Freibadmodus

Köpfer oder auf Nummer sicher mit Füßen voran? Nach Jahren ist unser Kolumnist York Pijahn zurück auf dem Fünfmeter-Brett. Ein Hilferuf aus dem Freibad

Veröffentlicht am 26.08.2016
York auf Fünfmeter-Brett

Spring doch! York Pijahn auf dem Fünfmeter-Brett


Meister! Was is’ jetzt? Springst du oder soll ich dich runterschmeißen?“ Wann habe ich diese Sätze das letzte Mal gehört? Ich würde sagen: 1985 im Freibad des Dorfes, aus dem ich komme. Ich war zwölf und stand auf dem federnden Brett des Fünf-Meter-Turms. In meinem Nacken konnte ich Mirko Kleinekatthöfer spüren, dafür bekannt, dass er alle, die zu lange zögerten, ins Becken stieß. Ich vermute, Mirko hat sich später zahlreicher Gewaltverbrechen schuldig gemacht, trägt jetzt einen Knast-Overall und wird von der Welt durch Gefängnismauern getrennt.

Ich stehe jetzt auf jeden Fall wieder auf einem Fünf-Meter-Turm, in Hamburg. Ich bin 39, hinter mir ein türki­scher Teenager mit sensationellen Muskeln, auf die ich etwas neidisch bin, mit Zickzack-Bart und genug Testosteron im Blut, um damit eine Torero-Schule niederzubrennen. „Alter, was is’ jetzt?“ Ich springe, Füße voran, Arme in die Luft, wie ein Kreuzfahrttourist, der an einer Evakuierungsübung teilnimmt. Meine Freundin wird später sagen, es sei nicht gerade die Cool Water-Werbung gewesen, aber immerhin hätte ich keines der Schwimmflügelkinder versenkt, die unter mir durchs Becken paddeln.

Ich fahre nicht gern in öffentlichen Verkehrsmitteln, weil ich ungern Fremden auf die Pelle rücke, ich bin kein Fan von Bibliotheken, weil ich mir vorstelle, wie jemand das Buch, das ich ausleihen möchte, x-beinig auf dem Klo gelesen hat. Ich hab’s nicht so mit Camping­plätzen. Sprich: Ich bin wählerisch, mit einem Faible für den Spa-Bereich des Lebens. „Ein Mittelschichtskind mit einer Fixierung auf Statussymbole und einem Touch Snobismus“, sagt meine Freundin. Worauf ich hinaus will: Öffentliche Freibäder, in denen man dicht an dicht liegt, schwimmt, duscht, sind nicht meine Lieblingsorte, auch wenn ich als Teenager dauernd in unserem Schwimmbad war. Lange her.

Da bei uns diesen Sommer der Urlaub im Süden ausfällt, gehe ich nach Jahren wieder ins Freibad, jedes Wochenende, jeden Feier­abend, wenn noch etwas Restsonne auf die Liegewiese scheint. Und mit einem Schlag sind sie wieder da, die ungeschriebenen Freibadgesetze, die man seit der Teenagerzeit wie eine nach Chlor miefende DNA im Blut hat. Nummer 1: Duschen, bevor man ins Wasser springt, ist ein Zeichen von Feigheit und Hygienewahn, daher: Köpper trocken, der Rest ist für Rentner. Nummer 2: Immer ohne Flip-Flops zur Pommes-Bude, es sofort bereuen und dann auf den Fußaußenkanten über die glühend heißen Waschbetonplatten laufen. Nummer 3: Bevor man Richtung Becken aufbricht, das Portemonnaie in den Turnschuhen verstecken und das für eine unheimlich originelle Idee halten. Nummer 4: Wenn man die einzige funktionierende heiße Dusche erwischt hat, dort ruhig eine halbe Stunde das Wasser über den Kopf laufen lassen und die durchgefrorenen Kinder mit den hellblauen Lippen, die langsam in die Kälte-Apathie rübergleiten, ignorieren.

Was soll ich sagen? Ich bin in jeder Hinsicht zurück im Freibadmodus, nach meinem etwas uneleganten Auftritt am Fünf-Meter-Turm habe ich Kopfsprünge geübt. Sie haben immer noch was von „Flucht vom untergehenden Schiff“, aber ich habe bereits eine sensationelle Macho-Pose drauf, wenn ich auf dem Fünfer Anlauf nehme. Und Sie ahnen, was ich zu Bade­gästen sage, die nicht springen wollen, ich hinter ihnen stehend, mit Pommes-Atem: „Na? Was ist jetzt mit dir? Springen?“

Mirko Kleinekatthöfer – du wärst stolz auf mich.