Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Kochen ist das neue Essen gehen

Zu Hause kochen ist das neue Essengehen. Lässt York Pijahn völlig kalt. Er stellt die Mikrowelle an!

Veröffentlicht am 29.09.2017

"Alle kochen wie wild - weil sie zu lahm sind, auszugehen".


Es ist kurz vor Neun am Samstagmorgen. Ich liege halb wach im Bett und höre durchs Telefon die Stimme meines Freundes Stulli. Im Hintergrund ist da so ein Hacken, Klatschen, Knirschen. Es klingt, als ob Stulli einen geknebelten Nackten mit einem feuchten Handtuch schlägt. „Stulli, was machst du da?“ Stulli liebt es, mit mir zu telefonieren, während er in seiner neuen, TV-Show-tauglichen Küche steht und kocht. Stulli liebt Publikum, auch wenn es nur per Telefon zugeschaltet ist und er dann pseudobeiläufig von den Gerichten schwadronieren darf, die er gerade zubereitet. Auch wenn er das nie zugeben würde: Stulli träumt davon, einmal für die Männerkochzeitschrift Beef fotografiert zu werden und unter seinem Bild zu lesen: „Ich schlachte selbst, das entspannt einfach nach einem Tag in der Werbeagentur.“ Stulli, was tust du da? „Ich mache ein Reh."

Ich mache ein Reh. Ich knete Hefezöpfe. Ich braue gerade Bier. Das sind die Antworten, die ich seit neuestem zu hören bekomme. Meine Freunde sind jetzt alle Hobbyköche. Mit einem Faible für möglichst bodenständige Retro-Rezepte und einer Fixierung auf Zutaten, die so klingen, als seien sie aus dem Pausenbrotbeutel einer Trümmerfrau gefallen. Alle lieben Steckrüben, Linsen, rote Bete, als wollten sie die Leitung einer Jugendherbergsküche übernehmen. Alle finden es super – ich finde es fürchterlich. Ich kann nicht kochen, ich bin draußen.

Stulli hat zu Weihnachten einen Fleischwolf bekommen und ein Bild davon auf Facebook gepostet (finde nur ich das seltsam?). Felix fragt seit ein paar Wochen, ob wir statt zum Stehitaliener auf den Markt gehen können. „Auf den Markt gehen“: Hobbyköche sagen das in dem Tonfall, in dem andere Leute „in die Kirche gehen“ sagen. Auf den Markt zu gehen ist das neue Shoppen. Felix trägt für seine Marktbesuche einen Faltkorb mit sich herum und versucht sich auf schleimige Art die Vornamen der Standbesitzer zu merken, um mit ihnen vor mir rumzukumpeln, bevor er an allem Möglichen riecht. Felix, bis vor kurzem noch auf Planet Penne-mit-Pesto zu Hause, sagt jetzt Dinge wie „Wo ist denn noch mal dieser raffinierte Ziegenkäsestand?“ und lächelt dabei das selbstgerechte Lächeln des soeben erweckten Ziegenkäse-Aficionados. Meine Freundin Silke, bis dato auf sympathisch unkomplizierte Art kulinarisch auf Augenhöhe mit einem Lkw-Fahrer und darin meine Verbündete, hat eine Fixierung auf lokale Produkte entwickelt. Und kauft selbst noch so triviale Dinge wie Senf oder Kümmel oder Honig, nur wenn sie „von hier“ sind. Es ist grauenvoll.

Ich weiß, aus mir spricht die quengelnde Stimme des Ausgeschlossenen. Und meine These, dass plötzlich alle am Wochenende wie irre kochen, weil sie zu lahm sind, auszugehen, und zu alt, um in einer Disco nicht vom Türsteher ausgelacht zu werden, hat mir keine Freunde unter meinen Freunden gemacht. Pürierstab statt Party, diese Worte hören Hobbyköche extrem ungern. Ebenso wie den Hinweis, dass danach eigentlich nur noch Brettspiele und Donaukreuzfahrten kommen.

Um mich bei meinen Freunden lieb Kind zu machen, habe ich alle am Samstag zu mir zum Essen eingeladen. Ich habe als kleine Garstigkeit Tiefkühl-Apfelkuchen besorgt, ihn aber in kleine Einmachgläser gemanscht, die Hobbyköche so lieben, dann alles mit übrig gebliebenen Weihnachtskeksen bestreut und am Ende in die Mikrowelle geschoben. Ich habe das Ganze „Lauwarmen Apple Crumble mit Berlin Biscotti Topping“ genannt. Warum bescheiden sein? Es war der Burner.