Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Meine Mädels und ich

Unser Autor ist neidisch auf seine Freundin. Besser gesagt: auf ihre Frauenfreundschaften – mit eigener WhatsApp-Gruppe und monatlichen Verabredungsritualen. Will er jetzt auch.

Veröffentlicht am 17.02.2017
Illustration von Yvonne Kuschel.

Bei Männer- und Frauenfreundschaften gibt es kleine, aber feine Unterschiede.


„Viel Spaß mit den Mädels!“ Keine Ahnung, ob meine Freundin das überhaupt gehört hat. Ich gucke ins Treppenhaus und kann sehen, wie sie die Stockwerke hinunterläuft. Weg ist sie. Meine Freundin hat vier Freundinnen, die sie mindestens einmal im Monat trifft. Die Mädels. Und mit denen sie sich permanent Mails und SMS schreibt. Sie legt sich ihre Termine so, dass sie morgens oft mit einer von ihnen „Highspeed-Kaffee“ trinkt, so nennt sie das. Sie haben eine eigene WhatsApp-Gruppe. Ich sag es ungern, aber: Ich bin sehr neidisch. Und das, obwohl ich sehr gute Männerfreunde habe: Stulli, den ich seit dem Abi, und Felix, den ich seit der Uni kenne und Markus, mit dem ich im selben Boxverein war (was wir permanent erwähnen, um Coole-Sau-Punkte zu sammeln).

Aber es gibt ein Problem. Seit meine Freunde und ich eine Familie haben (oder in Job und Beziehung komplett untergetaucht sind), zerbröseln die Männerfreundschaften. Warum? Weil nicht mehr genug Zeit da ist für all die aufwendigen Freizeitaktivitäten, die Männer immer erst als Vorspiel brauchen, bevor sie erzählen, wie es ihnen geht. Als sich Stulli scheiden ließ, mussten wir uns erst gegenseitig einen Abend lang auf einer Gotcha-Anlage beschießen, bis er auf der Rückfahrt von seiner geschredderten Ehe erzählte. Frauen können all das ohne Warm-up. Bei Elektrogeräten nennt man das „plug and play“. Anschließen, funktioniert. Ich bin neidisch.

Ich imitiere jetzt das feinjustierte Freundschaftspflege-Verhalten meiner Freundin. Ich schicke Stulli eine SMS, in der ich ihm einen sonnigen Tag wünsche. Und in der „Ich drücke dir für die Morgenkonferenz die Daumen“ steht, plus Zwinker-Grinse-Emoticon und angehängtem Foto, auf dem ich das Daumen-hoch-Zeichen mache. In Stullis Antwort-SMS stand „Ja“. Stark, wie viel Irritiertheit man in zwei Buchstaben reinbekommen kann, oder? Felix, dem ich jetzt täglich Anfeuer-SMS für den Arbeitstag schicke, hat erst nicht, dann mit „Alles o.k. bei dir?“ geantwortet. Für eine Männer-SMS ist das schon geschwätzig. Markus habe ich ungefragt meine Lieblings-DVD-Serien per Post geschickt. Er besitzt die meisten selbst, hat sich aber bedankt.

Meine Freundin und ihre Freundinnen leihen und schenken sich nämlich auch permanent überflüssige Sachen, was eine Kaskade von Rückgabeterminen und Revanche-Geschenken auslöst wie bei einem japanischen Staatsbesuch. Alle bekommen dauernd Präsente, bei den Mädels ist immer ein bisschen Weihnachten. Ich habe einen extrem aufwendigen Mail-Verteiler eingerichtet, um ein Geburtstagsgeschenk für Stulli zu organisieren. Auch das – ein Erfolgsmodell der Mädels. Es gibt zwar am Ende ausnahmslos einen Wellness-Gutschein, aber da alle so tun, als ob sie das nicht wüssten, ist man für Wochen in permanentem, wohltuendem Mail-Plaudermodus.

Kurz, ich mache mich derezit zum Deppen. Funktioniert trotzdem. Stulli gibt jetzt Wasserstandsmeldungen, zumindest was die Arbeit betrifft. Markus hat mir meine DVDs zurückgeschickt – und eine von ihm dazugepackt. Felix fragt, ob wir uns „nach all den Mails“ nicht mal wieder sehen könnten … „um mal wieder zu quatschen“. Die Soziologin Ursula Nötzoldt hat einmal gesagt, dass Männerfreundschaften mit den Jahren Frauenfreundschaften immer mehr ähneln. Und dadurch besser werden. Am Mittwoch in zwei Wochen sehen wir uns in Berlin. Stulli, Felix, Markus. Meine Mädels und ich.