Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Silvester allein mit Kind – Cheers!

Die Freundin ein Partymonster, man selbst eher Feiermuffel. So geht es unserem Kolumnisten; deswegen verbringt er Silvester daheim nur mit seinem Sohn – ob das wohl gut geht?

Veröffentlicht am 31.12.2016
Illustration von einem Vater und dessen Sohn gemeinsam eine riesige Cola trinkend.

Eine Cola-Party: Silvester allein mit dem vierjährigen Sohn.


Meine Freundin ist 42 Jahre alt. Feiert aber, seit ich sie kenne, als sei sie für immer 24. Sie ist ein Monster. Ich habe mich früher immer gefragt, wer eigentlich nach der Arbeit zu Afterwork-Partys geht? Die Antwort: meine Freundin. Und wer zu Ü40-Partys? Meine Freundin. Wo sie ist, ist es immer Kurz-vor-Polonaise. Wenn sie mal den Löffel abgeben sollte, werden ihre letzten Worte sein: „Und? Wo gehen wir jetzt noch hin?“

Mit einem Partymonster zusammen zu sein ist einerseits toll. Weil man neben so jemandem nicht DVD-guckend auf dem Sofa festklebt. Andererseits hat meine Freundin so viel Partyenergie, dass jeder neben ihr wie ein Reha-Patient wirkt. Wenn ich von einem Fest um zwei Uhr früh nach Hause will, ruft sie jedes Mal auf dem Weg zum Ausgang „Den Song noch!“ und schiebt sich zurück zur Tanzfläche. Während ich mir dann um halb drei allein und etwas pampig ein Taxi rufe. Und jetzt? Ist Silvester.

Da wir keinen Babysitter für unseren vierjährigen Sohn gefunden haben und für meine Freundin an Silvester die Mutter aller Partys vom Stapel läuft, geht sie allein mit ihren Freundinnen aus. Und ich feiere mit unserem vierjährigen Sohn. Silvester zu Hause mit Kind: mal einen Gang runterschalten, Brettspiele, Butterkekse, um 21 Uhr mit Benjamin-Blümchen-Becher aufs neue Jahr anstoßen. Alles super. Alles gelogen.

Denn mein Zwergen-Ego, das Angst hat, als antriebsloser Strickjackenvatti verachtet, abgehakt, betrogen, verlassen zu werden, will meiner Freundin beweisen, dass wir hier zu Hause unendlichen Spaß haben. Sohn und ich, die Zwei-Mann-Rakete. Klingt stressig? Sie haben ja keine Ahnung. Phase 1: Cola für alle. Warum einen Vierjährigen, dessen härteste Drogenerfahrung bisher Dinkelreiswaffeln sind, nicht mal ein bisschen hochfahren? Ich mache Rülpsvideos von uns und schicke sie an meine Freundin. SMS meiner Freundin: „Muss der nicht langsam ins Bett?“ Wenn du wüsstest, Schätzchen. Phase 2: Rammstein auf Fankurvenlautstärke. Toll, unser Sohn hat die Botschaft dieser Band sofort verstanden und beginnt mit dem Abriss unseres Wohnzimmers, während er sich bis auf Socken und Unterhose auszieht. Ich will mich nicht lumpen lassen und folge seiner Anweisung, mich auch „nacki!“ zu machen. Wenn jetzt die Polizei klingelt, muss ich erst viel erklären und dann lange ins Gefängnis. Aber das Video von unserem tanzenden Sohn ist der Wahnsinn. Senden. SMS von meiner Freundin: „Was macht ihr da?“ Video-Antwort unseres Sohnes mit überschlagender Stimme: „Nacki-Kacki.“ Kacki? Oh, tatsächlich. Phase 3: Warum Kinder an Silvester nur mit Wunderkerzen abspeisen? Wir werfen Knaller vom Balkon, die stark genug sind, einen kleinen Dackel zu sprengen, einer landet in einer Spaziergängergruppe in Lodenmänteln. „Habt ihr sie noch alle da oben?“ Ich schreibe ein harmloses „Wir knallern“ an meine Freundin. Keine Antwort. Phase 4: Schaumbad mit allem Schwimmbaren, was Playmobil je gebaut hat. Sieht sicher super auf dem Foto aus, auch wenn es sich anfühlt wie baden in einer Müllkippe. Es ist nach 23 Uhr, unser Sohn ist zerstört. Trotzdem: Foto senden. Im Zebra-Bademantel schläft er auf dem Badevorleger fast ein. SMS von meiner Freundin: „Hier ist es ganz okay; ihr lasst es ja ordentlich krachen.“ Antwort-SMS: „Bester Abend ever!“

Und dann – ist es Mitternacht. Unser Sohn pennt in seinem Kinderzimmer, ich sitze vor dem Fernseher, meine Freundin ruft an. Man hört ihre Stimme über unfassbar laute Musik und Böller hinweg. Wir stehen auf der feinen Zeitlinie zwischen den Jahren. „Frohes Neues!“, sagt sie. Noch mehr Böller. „Ich vermisse euch.“ Na endlich. Und dann schiebt uns die Zeit von ganz allein in ein neues Jahr. Vor dem Fenster ist der Himmel voller Lichter. „Ich dich auch.“