Ästhetik

Schönheit rettet uns

Guter Geschmack gilt als Zeichen von Eitelkeit. Warum bloß? Ein Plädoyer für mehr Stilbewusstsein — gerade in Zeiten des Umbruchs.

Veröffentlicht am 10.08.2017
Pfau.

Wie wichtig ist Schönheit?


Man hat plötzlich Angst und weiß nicht, wovor. Kennen Sie das Gefühl?“ – „Sicher.“ – „Wenn ich das Gefühl kriege, dann hilft nur eins: in ein Taxi springen und zu Tiffany fahren. Das beruhigt mich sofort. Es ist wie eine einsame Insel, da kann einem gar nichts Schlimmes passieren.“

Schönheit ist heilsam

So geht der Dialog zwischen Holly Golightly und ihrem Liebhaber Paul in „Frühstück bei Tiffany“. Zum Juwelier zu fahren verschafft Audrey Hepburn als Holly tiefen Trost, auch wenn sie sich dort gar nichts leisten kann. Auf die Idee, diese Gefühlsregung niedlich bis oberflächlich zu finden, kommt man wohl nur im eher genussfeindlichen Deutschland. Wer sich hierzulande von schönen Dingen hinreißen lässt, macht sich der Exzentrik, wenn nicht gleich der Dekadenz verdächtig. Warum bloß?

Schönheit ist nicht überflüssig, sondern heilsam. Ein Kleid zu tragen, in dem man sich gefällt, stärkt das Selbstbewusstsein. Frische Blumen, strahlendes Wetter, blühende Kirschbäume heben die Laune. Eine fragile Skulptur kann einen zu Tränen rühren. Und wer schon einmal im Zustand emotionaler Aufgewühltheit begonnen hat, seine Wohnung aufzuräumen, alle Kleider neu zusammenzulegen, das Bett zu beziehen und die Fenster zu putzen, weiß, dass äußere Ordnung innere Klarheit schafft.

„Gibt es denn etwas Wichtigeres?”

Viel drängender als das Phänomen, dass jemand Trost vor Schmuckauslagen sucht, ist also die Frage, was eigentlich mit Menschen los ist, denen Ästhetik völlig egal ist. Oder mit den Worten von Kunstsammler Simon de Pury: „Der Geschmack eines Menschen ermöglicht einen Blick in seine Seele. Wenn sich beim Geschmack Abgründe auftun, lässt das für die Seele nichts Gutes vermuten.“ Das klingt elitär und abgehoben, aber nur im ersten Augenblick.

In der Wochenzeitung Die Zeit berichtete vor einer Weile die Kriegsreporterin Andrea Böhm von ihrer Beobachtung, dass Menschen selbst in größter Not nicht auf Schönheit verzichten können: „Was ich auf meinen Reisen lerne, ist das Bedürfnis, die eigene Würde zu beweisen, wenn man buchstäblich im Dreck sitzt. Und da kann ein wenig Make-up oder ein schickes Jackett eine große Rolle spielen.“

Andrea Böhm berichtet von bettelarmen Männern im Kongo, die dennoch täglich feine Anzüge tragen wie eine Rüstung gegen das Elend. Oder von einer aus Syrien vertriebenen Frau, die im Flüchtlingslager einen Kosmetiksalon eröffnet und auf die Frage nach dem Warum erstaunt antwortet: „Gibt es denn etwas Wichtigeres als Schönheit?“

Ästhetik – ein Grundbedürfnis?

Der Psychologe und Sozialwissenschaftler Frank Berzbach ist überzeugt davon, dass Ästhetik ein menschliches Grundbedürfnis ist. Das äußere Auftreten verleihe innere Haltung und umgekehrt, schreibt Berzbach in seinem Buch „Formbewusstsein – Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge“ (Verlag Hermann Schmidt). Nur würden Menschen den Stellenwert des Äußeren oft unterschätzen: „Wir achten im Alltag viel zu wenig darauf, wie wir Dinge tun.“ Sein Buch sei deshalb eine Attacke auf die „Unkultur unbedachten Handelns“.

Formbewusstsein bezieht sich für Frank Berzbach auf jeden Bereich des Alltags: wie wir uns kleiden, einrichten, ernähren, wie wir mit anderen Menschen umgehen. Neben abendländischen Theorien aus Soziologie und Kunstwissenschaft bezieht sich der Forscher besonders auf fernöstliche Lehren.

Das kunstvolle Anrichten von Speisen auf schönem Porzellan etwa sei in der japanischen Kultur so wichtig wie das Essen selbst. Auch gelte die Verpackung eines Geschenks dort fast mehr als der Inhalt. Spielerei? Verschwendung? Im Gegenteil: Die edle Hülle zeugt von Respekt vor dem Beschenkten, vor dem Moment des Schenkens und damit vor der ewigen Gegenwart, die unser Leben ist.

Was ist guter Stil?

Frank Berzbach räumt auch mit dem Mythos auf, Stil und guter Geschmack seien eine Frage des Kontostands: „Wir wissen alle, wie schief es gehen kann, wenn Leute zu viel Geld haben, aber keinen Geschmack. Guter Stil ist die Stimmigkeit zwischen einer Person und den Dingen, mit denen sie sich umgibt. Und diese Stimmigkeit erfolgt nur aus einem Wissen um die Dinge. Einem Wissen, das sich emanzipiert von den Moden.“

Nur wer über die Dinge Bescheid wisse, könne jene Neigungen, Bekenntnisse und Leidenschaften entwickeln, die individuellen Stil prägen – und dieser wiederum spiegelt die persönliche Haltung zur Welt. Ein Beispiel: Wer ein Band-Shirt bloß anzieht, weil es cool aussieht, aber keine echte Verbindung zu dieser Band, ihrer Musik und ihrer Weltanschauung spürt, wirkt darin schnell verkleidet.

Vielleicht ist das die einzige Stil-Sünde die man sich merken sollte – keine Ahnung zu haben von den Dingen, mit denen man sich umgibt. Glaubt übrigens auch Punk-Ikone und Modedesignerin Vivienne Westwood: „Zu Stil gehört, dass man seine Kleidung und sein Benehmen zur Deckung bringt.“

Weniger ist oft mehr

Tatsächlich beschert der eigene Stil aber nicht nur Souveränität. In einer Zeit, in der Kirche und Parteien ihre Strahlkraft verloren haben, ist er sowohl ein Ausdruck von Zugehörigkeit als auch ein Mittel zur Abgrenzung. Wer klug und überlegt konsumiert, muss nicht in der Masse mitschwimmen und kann frei agieren. Ein handgefertigtes Paar Schuhe eines englischen Schuhmachers mag teuer scheinen, langfristig gesehen kostet es weniger als das siebte Paar Sneaker binnen zwei Jahren. Nachhaltiger ist es auch noch.

Dieses Prinzip ließe sich ewig fortführen: weniger, dafür besser und bewusster essen. Weniger Möbel und Mode anschaffen, dafür hochwertigere und zeitlosere Exemplare. Wer weiß, was die Dinge wert sind, schätzt sie mehr. Das macht glücklich – und Bewusstsein stiftet Sinn.

Echte Lebenskunst

Vielleicht sollte man statt von Stil oder Geschmack von Savoir-vivre sprechen, also echter Lebenskunst. Schon der spanische Aufklärer und Philosoph Baltasar Gracián y Morales betrachtete Geschmack Mitte des 17. Jahrhunderts als Instrument der Klugheit: Wer herausfindet, was er will, macht, was er wirklich will, und muss sich fortan nichts mehr sagen lassen.

Einen eigenen Stil zu entwickeln und bewusst zu kultivieren ist also keineswegs narzisstischer Selbstzweck, sondern ein aktiver Beitrag zum eigenen Leben. Wer versteht, dass die Form, die wir unserem Alltag geben, uns zurückprägt und damit auch die Menschen, die uns umgeben, nimmt positiven Einfluss auf die Welt.

In der deutschen Sprache gibt es trotz des Hangs zur Freudlosigkeit schöne Redewendungen, etwa „Wie man sich bettet, so liegt man“ oder „Das Auge isst mit“. Es wird Zeit, dass man sie wieder häufiger benutzt. Denn die Überzeugung, dass die Dinge des Alltags getrennt voneinander existieren, ist genauso eine Illusion wie die Auffassung, dass unser Ich getrennt von den an deren existiert.

Klingt esoterisch, aber es stimmt: Nicht nur Mensch und Mensch beeinflussen einander, sondern auch Mensch und Ding.