Wie konnte es nur soweit kommen?

Alle wollen Bier – schon immer!

Nicht nur zum Oktoberfest ist Bier beliebt. Weil es berauscht, satt macht und verbindet. Eine kleine Kulturgeschichte des Gerstensaftes

Veröffentlicht am 28.09.2016
Bierflasche in Wasser


BIS 1700 v. Chr.

Der Zufall will es, dass ein paar Sumerer im alten Mesopotamien Brot in einer Schale Wasser vergessen. Es beginnt zu gären und, blubb, das Bier ist geboren (und der erste Rausch). Dass ihnen ihr neues Gebräu heilig ist, zeigt der „Codex Hammurapi“, eine babylonische Sammlung von Rechtssprüchen mit der quasi ältesten Schankordnung der Welt. Hier steht unter anderem: Wer panscht, wird in seinem Fass ertränkt oder bekommt so lange Bier in die Kehle gegossen, bis er erstickt.

Mittelalter
Im Mittelalter ist man praktisch andauernd betrunken, sogar die Kinder. Durch den hohen Kaloriengehalt gilt das „flüssige Brot“ als wichtige Nahrungsergänzung. Damit schummeln sich selbst Mönche durch die strenge Fastenzeit. Nach dem Motto „Flüssiges bricht das Fasten nicht“ gönnen sie sich am Tag fünf Liter ihres kräftigen Klosterbräus.

Um 1500
An der Rezeptur hapert’s noch, im Braukessel landet alles Mögliche: Hafer, Hirse, Bohnen und Erbsen, dazu Pech, Ochsengalle, Schlangenkraut, harte Eier, Ruß und Kreide – die reinste Alchemie. Jeder hat ein eigenes abenteuerliches Patent, um Bier „trincklich“ zu machen. So schmeckt’s dann auch. Bis Herzog Wilhelm IV. am 23. April 1516 den Landtag einberuft und das Reinheitsgebot erlässt. Neben Wasser und Hefe sind nur noch Hopfen und Malz erlaubt. Gott erhalt’s!

19. Jahrhundert
Das Bier bringt die Menschen zusammen. Seit 1810 werden auf der Münchner Wiesn beim Anstoßen soziale Grenzen überwunden. Der Gerstensaft wird Modegetränk bei Intellektuellen, Studenten und Künstlern. Und in Biergärten singt ganz Deutschland ein Prosit auf die berühmte bajuwarische „Gemüüühtlichkeit“. Komponiert hat das „Oans, zwoa, gsuffa“-Trinklied allerdings Bernhard Dietrich, ein Sachse.

Heute
Knapp 100 Liter Bier aus 1388 Brauereien trinkt der Deutsche jährlich – 45 Liter weniger als in den 70ern. Mixgetränke mit Aromen wie Apfel und Waldmeister sollen den Trend wieder umkehren. Zurzeit besonders beliebt: Craft Beer wie das Rauchbier „Smoked Porter“ oder das stark gehopfte „Arrogant Bastard Ale“. Von Berlin bis München rühren Hipster sogar eigenhändig ausgefallene Kreationen im Suppentopf zusammen. Klingt wieder nach Mittelalter, aber wem’s schmeckt … Übrigens: Der Mythos, dass Bierkonsum und Bierbauch zusammenhängen, wird mittlerweile angezweifelt. Darauf einen Schluck. Oder zwei.