Alleinsein

Ganz bei sich

Egal ob ein Sabbatical, alleine reisen oder gleich ganz ins Kloster: Es bringt einen weiter, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Zwei Frauen erzählen, wie eine Auszeit ihr Leben verändert hat.

Veröffentlicht am 14.07.2017
Kirsti Ludwig.

Reitlehrerin, Ehefrau und Mutter eines 16-Jährigen. Aber seit ihren Medidationskursen ist Kirsti Ludwig eine andere.


Margit Dittrich, 44, wurde in Paris klar, wo sie wirklich leben will

Es ist merkwürdig, aber schon als Kind träumte ich davon, in Frankreich zu leben. Weil ich spürte, dass ich da hingehöre. Später reiste ich oft nach Paris, Marseille, in die Bretagne und hatte dort immer ein tiefes Heimatgefühl – obwohl ich die Sprache gar nicht beherrsche. In meinem Alltag gab es für diese Sehnsucht keinen Raum.

Ich bin seit 16 Jahren als Coach und Personalberaterin selbstständig und liebe es, andere Menschen voranzubringen und Themen zu entwickeln. Eine klassische Karriere hat mich nie gereizt, obwohl ich spannende Angebote hatte. Ich mag es, Leute zum Strahlen zu bringen – und bleibe selbst lieber im Hintergrund. Seit jeher bin ich auf Leistung gepolt, Verpflichtungen bestimmen mein Leben. Und wenn ich mir mal was gönne, frage ich sofort: Darf ich das? Eigentlich kein Wunder, dass ich selbst oft zu kurz komme.

Vor drei Jahren hatte ich einen Burnout und schwor mir, mehr auf mich zu achten – und landete wieder im selben Fahrwasser. Ich stellte fest, dass auf meiner To-do-Liste kein einziger Punkt stand, der sich mit mir beschäftigte. Ende vergangenen Jahres musste ich mich operieren lassen, ich habe seit 25 Jahren Rheuma. Nach der OP lag ich zwölf Wochen zu Hause und grübelte über verpasste Chancen: Warum habe ich kein Kind adoptiert? Warum habe ich nie Französisch gelernt? Wieso läuft mein Leben so nebenbei? Ich habe einen wunderbaren Mann, ausreichend Geld und Kunden, die mir Blumensträuße schicken. Dennoch war ich nicht wirklich glücklich. In dieser Zeit wurde mir klar: Du musst Französisch lernen, und zwar jetzt! Ich blätterte in meinem Kalender, sechs Wochen konnte ich weg – ich buchte einen Sprachkurs und eine kleine Wohnung in Paris.

In der ersten Zeit dort war ich unsicher und befangen, plötzlich hatte ich die freie Wahl: Baguette oder Sushi, Kino oder Oper? Peu à peu fing ich an, mir etwas zu gönnen. Manchmal legte ich mich nachmittags hin und schreckte sofort hoch: Das geht doch nicht, am helllichten Tag! Erst in den letzten zwei Wochen hatte ich das Gefühl, endlich ganz bei mir zu sein. Ich hatte mittlerweile Leute kennengelernt, war viel unterwegs und genoss die Eindrücke und Inspirationen. Und ich spürte, dass ich für immer in Frankreich leben möchte. Weil ich mich hier so glücklich und gesund fühle wie nirgends sonst auf der Welt. Zufällig habe ich von einer kleinen Pension in Südfrankreich erfahren, die wir kaufen können. Einige Klienten würden mit mir dort weiterarbeiten und an Workshops teilnehmen – und mein Mann kann sich vorstellen, später mit mir dort zu leben. Eigentlich unglaublich.     

Margit Dittrich in Paris.

Margit Dittrich träumt von Frankreich – und ging allein für sechs Wochen nach Paris.


Kirsti Ludwig, 45, hat in einem Kloster zu sich selbst gefunden

Wenn ich nachts wach lag, weil meine Gedanken nicht aufhörten zu kreisen, dachte ich, reiß dich halt zusammen, morgen funktionierst du wieder. Am nächsten Tag bin ich aufgestanden, zu den Ställen gefahren und habe meine Reitschüler unterrichtet, manchmal sieben oder acht am Tag. Am Wochenende habe ich Kurse gegeben und in jeder freien Minute an meinem zweiten Buch geschrieben – über die Ausbildung von Gangpferden. Ständig kamen Mails, Anrufe und Nachrichten, und es schmeichelte mir, so gefragt zu sein. Ich habe selten Nein gesagt, und irgendwann musste ich eine Kollegin bezahlen, damit sie meine zwei eigenen Pferde reitet.

Ich habe mich nach Ruhe gesehnt und wusste, es würde nicht mehr ausreichen, im Garten ein Buch zu lesen. Ich musste meinen Kopf beruhigen und dachte, Meditieren könnte mir dabei helfen. Deshalb habe ich mich im Herbst für einen Kurs in einem Zen-Kloster in Oberbayern angemeldet. Dass alle Teilnehmer vier Tage lang schweigen würden, war mir vorher gar nicht klar.

Ich kam zu spät, saß plötzlich auf einem Kissen und hörte die Meditationslehrerin Nicole Stern sagen, man solle an nichts denken. Klappte natürlich nicht, im Gegenteil. Anfangs wollte ich aufstehen und laut schreien: Ich kann das nicht! Ich spürte den Impuls, sofort wegzulaufen, und hab erst nach einer Weile gelernt, die Gedanken ziehen zu lassen. Die richtige Atmung hilft einem dabei. Nach diesem Retreat habe ich mich so klar gefühlt wie nach einem befreienden Heulen. Ein Gefühl, nach dem ich mich seit- her immer wieder sehne. Ich hatte Abstand zu den Dingen, so etwas wie eine innere Pufferzone.

Vor allem habe ich kapiert, dass ich Ruhe brauche. Zeit, in der ich rumsitze, nichts tue, einfach bin. Oft habe ich dabei Ideen, die ich aufschreibe, manchmal passiert gar nichts. Diese Stunden gehören mir, ihretwegen unterrichte ich heute weniger. Mittwochs habe ich frei und jedes Wochenende, wenn ich keine Kurse gebe. Eine gute Entscheidung, das sagen auch die Leute aus meinem Umfeld: Es hieß immer, ich könne mich gut in meine Schüler hineinfühlen. Seit ich mir selbst mehr Zeit zugestehe, gelingt mir das noch besser. Wenn ich auf dem Reitplatz stehe, schließe ich schon mal die Augen und atme bewusst. Manchmal schaffe ich es tatsächlich, dabei an nichts zu denken.

Inzwischen liegen mehrere Meditationskurse hinter mir, und beim dritten habe ich eine Menge begriffen: Wir sollten uns vorstellen, unsere Leben wären plötzlich vorbei, was würden wir empfinden? Darüber habe ich zwei Tage lang nachgedacht. Ich hatte das Gefühl, dass nichts Ungeklärtes an mir zerrt, keine Gespräche, die ausstehen, keine Träume, die nicht gelebt wurden. Diese Erkenntnis hat mich ehrlich gesagt mehr befriedigt als jedes erfolgreiche Erlebnis im Job.

Kirsti Ludwig.

Reitlehrerin, Ehefrau und Mutter eines 16-Jährigen. Aber seit ihren Medidationskursen ist Kirsti Ludwig eine andere.