Astrologie im Job

Kosmos Büro

Personalchefs mit Pendeln, Investments nach kosmischer Konstellation: Astrologie erlebt einen Boom, auch im Job. Selbst Apple setzt auf die Sterne. Alles eine esoterische Spinnerei? Wohl kaum.

Veröffentlicht am 05.01.2017
Illustration eines Stieres, bekleidet mit einer roten Krawatte.

Ein loyaler Kollege, aber Vorsicht: Bei Stieren knallt's schon mal.


Hätte ein Löwe den Brexit verhindern können? David Cameron, der britische Ex-Premier, ist Waage. Dieses Sternzeichen gilt als entscheidungsschwach, harmoniebedürftig und beeinflussbar. Nicht gerade Eigenschaften, die man braucht, um sich gegen eine Volksmehrheit durchzusetzen. Ob es Camerons Nachfolgerin Theresa May gelingen wird, den EU-Austritt zu managen? Die Frau ist ebenfalls Waage und liebt – glaubt man den Astrologen – Schönheit und Schuhe und geht Konflikten lieber aus dem Weg. Alles Unsinn, oder? 

Natürlich könnte man das alles als Hokuspokus oder schlicht als Zufall abtun. Aber der Trend ist unübersehbar: Gerade wenn es um Job und Karriere geht, sind Horoskope so populär wie nie zuvor. Ob Geldanlage, Karriereplanung oder Personalsuche – ausgerechnet die Sterne werden um Rat gefragt. Seit Sommer veröffentlicht die seriöse Wirtschaftswoche monatlich ein Business-Horoskop. In der europäischen Ausgabe der Bloomberg Businessweek erscheint neuerdings eine Astro-Kolumne. Da liest man zum Beispiel: „Im Juni zahlt sich harte Arbeit endlich aus.“ Im Artikel geht es darum, welcher Tag – astrologisch betrachtet – besonders günstig ist für eine neue Social-Media-Strategie und wann die Fertigstellung der Präsentation absolute Priorität hat. Die Welt wiederum beauftragte letztes Jahr die Star-Astrologin Susan Miller, ein Jahreshoroskop zu erstellen. Die Blattmacher argumentierten, „dass die Voraussagen, die führende Astrologen getroffen haben, nichts mit Hellseherei und Hokuspokus zu tun haben“.

Horoskope – eine esoterische Spinnerei?

Horoskope haben ihren Ruf als reine Unterhaltung oder gar esoterische Spinnerei verloren. So zeigte eine Allensbach-Untersuchung: 1982 gaben nur 50 Prozent der Westdeutschen an, dass sie Horoskope in Zeitungen und Zeitschriften lesen. 2001 war der Wert für Gesamtdeutschland auf 77 Prozent gestiegen. Und laut einer Umfrage von 2012 glaubt jeder vierte Deutsche, dass die Sterne unser Leben tatsächlich beeinflussen. In der Familie, in der Liebe und ganz besonders im Job.

Illustration von einem Steinbock auf einem Bürostuhl.

Der Steinbock ist ehrlich und strebt nach höheren Posten.


Was in fernöstlichen Kulturen längst normal ist – in Indien etwa werden Sterndeuter zu Rate gezogen, wenn der Kurs der Rupie abstürzt, in China bestellen Firmen für ihre Mitarbeiter Glücksbringer –, wird auch in unserer Business-Welt immer ernster genommen. Woran liegt das? Warum tracken wir unser Leben von der Pulskontrolle bis zur Rentenkalkulation – und gestehen gleichzeitig Sternen plötzlich Einfluss darüber zu? Scheint schizophren. Was suchen wir da oben? Ganz einfach: Antworten, weil uns der tägliche Entscheidungsdruck überfordert. Die Pädagogin Sarah Pohl sagt: „Sich an Horoskopen zu orientieren ist psychologisch der Versuch, Druck rauszunehmen und Autorität abzugeben.“ Sie arbeitet in Deutschlands einziger parapsychologischer Beratungsstelle in Freiburg und hat Erfahrung mit Phänomenen und Verhaltensweisen, die rein rational nicht zu erklären sind. Die Frankfurter Managementberaterin Felicitas von Elverfeldt hat beobachtet, dass vor allem Menschen, die im Beruf einem hohen Risiko ausgesetzt sind oder große Unsicherheiten managen müssen, für Aberglaube empfänglicher seien.

Job nach Mondphasen

Tatsächlich ist die Idee, bei den Sternen Hilfe zu holen, so alt wie die Menschheit. Früher wurde der Job auf dem Feld anhand der Mondphasen organisiert. Die bestimmten, wann gesät und geerntet, wann geackert und gepflügt wird. Auch nach Unglück und drohenden Katastrophen wurde der Himmel abgesucht. Heute sind die Situationen im Arbeitsalltag zwar anders gelagert, aber durchaus von existenziellen Ängsten geprägt. Wird mich die Unternehmensfusion den Job kosten? Was passiert, wenn ich mit dem neuen Chef nicht klarkomme? Mittlerweile gibt es sogar astrologische Unternehmensberater. Einer davon ist Christof Niederwieser aus Trossingen in Baden-Württemberg. Er ist überzeugt: „Astrologie ist ein hervorragendes Instrument, um die Menschen mit den Anforderungen des Unternehmensalltags besser in Einklang zu bringen.“ Das Horoskop zeige einen Handlungskorridor auf, in dem wir gestalten könnten.

Vor allem aber gäben die Sterne Auskunft über die Anlagen und Begabungen, die ein Mitarbeiter oder Bewerber mitbringt, glaubt Christof Niederwieser. „Jemand mit einer starken Jungfrau-Betonung etwa verfügt meistens über eine sehr detailreiche analytische Wahrnehmung“, so der Astrologe. Er habe das Potenzial zu einem hervorragenden Spezialisten für Aufgaben, bei denen ein hohes Maß an Genauigkeit notwendig sei. Löwen wiederum seien laut dem Astrologen und Autor Norbert Giesow geborene Chefs und Autoritäten. Einen Widder und einen Schützen in ein Büro zu setzen könnte Probleme verursachen. Beide sind freiheitsliebend und benötigen Platz. Steinböcke wiederum brauchen die Möglichkeit aufzusteigen. „Wer sich bei jedem neuen Mitarbeiter die Mühe machen würde, dessen Horoskop zu berechnen, würde genau erkennen, wer zu wem passt und wer nicht“, sagt Norbert Giesow.

Illustration von einem Löwen auf einem roten Stuhl.

Trägt das Chef-Gen in sich: Der machtbewusste Löwe.


Selbst Apple setzt auf die Sterne

Auch bei wichtigen Präsentationen sei ein Blick in die Sterne nützlich. So habe Apple sein neues iPhone jüngst in der Phase des rückläufigen Merkurs vorgestellt, einer Zeit, die laut Norbert Giesow „Missverständnisse produziert und der Vergangenheit verhaftet ist“. Für den Astrologen liegt auf der Hand, warum die Einführung kein Scoop war und es drei Wochen später für Apple besser gelaufen wäre. Um ähnliche Turbulenzen zu vermeiden, haben sich andere astrologisch coachen lassen. Der Verleger Axel Springer hat schon in den 50er-Jahren bei wichtigen Entscheidungen grundsätzlich seine Wahrsagerin Ina Hetzel hinzugezogen. Deren Vorhersagen notierte er in einer schwarzen Kladde, die er angeblich immer bei sich trug. Der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan soll wichtige Entscheidungen mit einer Astrologin in San Francisco abgeklärt haben – auch weil das seiner Frau Nancy so wichtig war.

Die Münchner Psychologin Madeleine Leitner, die Firmen in Personalfragen berät, berichtet über teilweise schon abenteuerliche Auswahlverfahren. Etwa von einer IT-Firma, die „blind“ Bewerber zum Gespräch lud, weil über deren Unterlagen das Pendel an der entscheidenden Stelle zuckte. Das Erstaunliche daran: Die Pendel-Kandidaten machten sich im Gespräch genauso gut wie jene, die aufgrund rationaler Kriterien (Noten, Qualifikation, Erfahrung) eingeladen wurden. Wie kommt das? „Jemand, der als Idealkandidat behandelt wird, blüht geradezu auf“, erklärt Madeleine Leitner – ein Rückkopplungseffekt sozusagen. Wenn einem die Umwelt signalisiert, du bist gut, glaubt man auch selbst daran. Wie beim Taubenexperiment von B. F. Skinner, einem Klassiker der Verhaltensforschung: Den Tieren wurden per Zufallsprinzip Körner in den Käfig geworfen. Nach einer Weile fingen sie an, die verrücktesten Verrenkungen zu machen. Die Tauben hatten Hypothesen entwickelt, warum und wann das Futter kam – obwohl es dafür definitiv kein System gab.

Eine Frage des Glaubens

Bedeutet im Umkehrschluss: Positive Prognosen helfen, entspannter durchs Leben zu gehen. Weil man eher damit rechnet, dass sich die Dinge günstig entwickeln. Also liest man das Jahreshoroskop und freut sich, wenn einem ab Mai eine satte Gehaltserhöhung in Aussicht gestellt wird. Oder die Sterne ab Oktober Ideenreichtum und Gründergeist befeuern. Managementberaterin Felicitas von Elverfeldt bestätigt: „Wenn ich daran glaube, dass mir Erfolg bevorsteht, fühle ich mich sicherer und kann im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeihung auch wirklich mehr erreichen.“ Ein Placebo-Effekt für die Psyche – da spricht doch nichts dagegen.

Illustration von einem Skorpion, der eine Computermaus bedient.

Experte: Dem Skorpion wird kein Projekt zu groß.


Im Büro: Wer kann mit wem?

Widder

Ein impulsiver, selbstbewusster Erfolgsmensch. Im Büro harmoniert er mit den anderen beiden Feuerzeichen Löwe und Schütze – wenn sie ihm genug Freiraum lassen.

Stier

Ein Genießer, der auf Sicherheit bedacht ist. Für viele Kollegen ist er ein Fels in der Brandung. Achtung: Zwei Stiere konkurrieren oft stark.

Zwillinge

Immer in Bewegung, neugierig und witzig. Ein machtvoller Löwe ist ein guter Teampartner – wenn sich der Zwilling loyal zeigt.

Krebs

Durch seine gefühlvolle Art ein beliebter Gesprächspartner. Bei Angriffen fährt er schnell die Scheren aus. Ein Widder im selben Büro? Ist ihm viel zu unordentlich.

Löwe

Liebt den großen Auftritt. Besonders gern ist er mit der ausgeglichenen Waage zusammen – und dem sensiblen Krebs. Mit dem Wassermann könnte es knirschen; der will nämlich auch Ansagen machen.

Jungfrau

Sie ist eher zurückhaltend, bescheiden – aber auch analytisch stark und organisiert. Mag den karriereorientierten Steinbock, der Zwilling redet sie zu oft in Grund und Boden.

Waage

Sie braucht die Harmonie, Konflikte und Druck stressen sie sehr. Die Waage liebt den Löwen, weil auch er ein geborener Smalltalker ist. Der Widder jedoch ist ihr zu aufbrausend.

Skorpion

Strotzt vor Energie und erreicht viel im Job. Neigt zur Eifersucht. Beim feinsinnigen Fisch fühlt sich der Skorpion aufgehoben. Den Löwen findet er zu selbstverliebt.

Schütze

Er ist spontan und liebt Herausforderungen. Mit dem feurigen Widder kann er Großes schaffen. Aber: lieber kein gemeinsames Büro.

Steinbock

Steckt sich ein Ziel, schuftet hart und entspannt erst, wenn alles erledigt ist. Das passt gut zum Widder. Der kommunikative Zwilling strapaziert seine Nerven.

Wassermann

Großes Bedürfnis nach Unabhängigkeit, er ist originell und hat viele Ideen. Harmoniert mit dem Schützen, der Abenteuer liebt. Der Krebs ist davon eher irritiert.

Fische

Idealistisch und mit guter Intuition gesegnet. Der Fisch ist ein beliebter Zuhörer, das wird leider vom Widder ausgenutzt. Mit dem Stier bildet er dagegen ein Dream-Team.

(Text: Christine Weißenborn)