Eine WG mit dem Ex

Aus und doch nicht vorbei

Zusammenleben nach einer Trennung, quasi eine Wohngemeinschaft mit dem Ex-Partner? Das ist gar nicht so absurd, wie es klingt. Ein Erfahrungsbericht.

Veröffentlicht am 04.11.2016

Zwei Zimmer, zwei Bäder – aber den Kaffee trinken sie gemeinsam.


Es ist wieder einer dieser Morgen. Ich sitze mit Paul am Küchentisch, wir trinken gemeinsam Kaffee und vor lauter Heulen kann ich kaum reden. Facebook hat mich gerade netterweise an unseren gemeinsamen Salzburg-Urlaub vor zwei Jahren erinnert. Das soziale Netzwerk hat, sozial wie es ist, ein bisschen in meiner Vergangenheit gekramt, dann hat es in der Timeline Plopp gemacht: Ob ich diesen schönen Moment denn nicht mit meiner Community teilen wolle? Nein danke, möchte ich nicht. Paul und ich, das ist vorbei. Emily heißt die neue Frau in seinem Leben. Wir teilen nur noch die Wohnung.

Es war an Silvester. Raketen krachten in den Himmel und Paul erklärte mir, dass seine Liebe entschwunden sei. Ein Riesenknall, alles funkelte und mir war, als wäre einer dieser Chinaböller direkt in meinem Bauch explodiert. Kurz vor Weihnachten hatte er sich in eine andere Frau verliebt, Emily, eine Lehrerin. Prost Neujahr!

Ich kenne Emily nur von einem verwackelten Bild, das mir Paul auf mein Drängen hin kurz auf seinem Smartphone gezeigt hat. Natürlich bin ich neugierig. Sie ist groß, dünn, platinblond. Ich bin einen Kopf kleiner und dunkelhaarig. Als ich das erste Mal eines dieser platinblonden Haare mit spitzen Fingern vom Polster meines Sofas pickte, war das schrecklich. Es ist immer noch schrecklich. Aber man lernt, damit zu leben.

Eine WG mit dem Ex. Das klingt verrückt, ich weiß. Seit acht Monaten leben Paul und ich dieses, nun ja, Experiment. Es ist zu fünfzig Prozent nüchternem Pragmatismus geschuldet, denn die Mieten in London sind astronomisch und unsere Wohnung lässt sich gut teilen. Die anderen fünfzig Prozent sind dem Gefühl zuzuschreiben, das ich noch nicht aufgeben wollte: Geborgenheit. Paul war die letzten zwei Jahre mein Zuhause gewesen in dieser riesigen Stadt. Das war „Tatort“ am Sonntag, Herbert Grönemeyer, so laut, dass die Ohren waberten, und abends nach der Arbeit, ohne viel nachzudenken, deutsch sprechen.

Nach seinem Geständnis ertrug Paul mein Bombardement an Fragen. Wir redeten und ich merkte, dass mir ein Abschied in homöopathisch kleinen Dosen leichter fallen würde, als das Pflaster mit einem Ruck von der Wunde zu reißen. Sicher, es schmerzt, jemandem nah zu sein, während er schon meilenweit entfernt ist (genauer gesagt: im Bett einer anderen Frau). Trotzdem: Wäre ich ausgezogen, hätte ich Paul aus der Ferne auf ein Podest gestellt, auf dem er mittlerweile vermutlich Goldschimmer angesetzt hätte. Hier, jeden Tag vor meinen Augen, behält er Normalgröße – und schrumpft an manchen Tagen sogar ein bisschen. Für mich funktioniert das besser. Zumindest im Moment. Zumindest glaube ich das.

Ich zog ins Gästezimmer. Jeder hat ein eigenes Bad, Wohnzimmer und Küche nutzen wir gemeinsam. Als ich eines Morgens aus Gewohnheit nackt von der Dusche in mein Zimmer ging, kam mir Paul entgegen. Wie ein Hase hüpfte ich panisch zurück ins Badezimmer – seitdem vergesse ich die frischen Handtücher nicht mehr im Schrank. An manchen Tagen läuft es reibungslos: Ich nehme sein Auto, wenn er es nicht braucht. Unsere Wäsche stecken wir in eine Maschine, ich hänge auf, er legt zusammen. Manchmal kochen wir abends gemeinsam. Doch das wird seltener.

Wir haben beschlossen, dass wir Regeln brauchen. Emily kommt nur dann zu Besuch, wenn ich nicht da bin. Paul ist unter der Woche häufig bei Emily, manchmal kommt er tagelang nicht nach Hause. Auch das ist eines dieser schrecklichen Gefühle: eine unkontrollierbare Leerstelle.

Emily legt keinen Wert darauf, mich kennenzulernen. Anfangs dachte sie sicher, in einer seltsamen Dreiecksbeziehung gelandet zu sein. In einer ménage à trois, allerdings ohne prickelnden französischen Charme, dafür mit viel Drama. Denn natürlich schießen Paul und ich zwischendurch mit Giftpfeilen aufeinander. In der Küche hängt ein überdimensionierter Fliegenpilz aus Plastik, daneben ein Bild des Performance-Künstlers Yves Klein, der aus einem Fenster springt. Paul sagte mir neulich, dass er diesen Pilz schon immer bescheuert fand. „Klar, du bist ja jetzt auch an Silberrahmen auf viktorianischen Kaminsimsen und an beheizbare Lockenwickler im Wallehaar gewohnt“, blaffte ich zurück. Übersetzt sollte das heißen: Was hat diese langweilige Blondine, das ich nicht habe? In solchen Momenten merke ich: Verdaut habe ich diese Trennung noch nicht. Zummindest noch nicht ganz.

Mit der Liebe ist es nicht so wie mit einem Elektrostecker, den man zieht und dann ist alles aus. Neulich fragte ich Paul, ob es ihm lieber wäre, allein zu wohnen. „Nein“, war seine Antwort, „da sind so viele Dinge, die ich an dir mag.“ Wir sind miteinander vertraut. Aber sind wir auch Freunde? Weiß ich nicht. Paul und seine Ex-Frau reden kein Wort mehr miteinander. Das ist mit gemeinsamen Kindern gar nicht so einfach. Zwischen dem Vater meiner Tochter und mir herrscht erst seit Kurzem Waffenstillstand. Vielleicht haben Paul und ich uns deshalb für Frieden entschieden, weil wir eine Pause vom Krieg brauchten. Auch wenn der Friede nicht ganz echt ist und wir wissen, dass er jederzeit ganz plötzlich zu Ende sein kann.

Ich habe beschlossen, auf unbestimmte Zeit mit dieser Unsicherheit zu leben. Das Gefühl, mental auf gepackten Koffern zu sitzen, könnte mich in Panik versetzen. Tut es manchmal auch. Und meine Freunde schüren sie, wenn sie fragen: „Wieso tust du dir das an? So kommst du nie von ihm los.“ Aber ich höre nicht hin. Der Künstler Francis Picabia hat vor über 100 Jahren geschrie- ben: „Unser Kopf ist rund, damit die Gedanken die Richtung ändern kön- nen.“ Paul war so überhaupt kein Andersmacher. Er hat BWL studiert. Er denkt geradeaus und nicht in Kurven. Mittlerweile sieht er, dass es unzählige Varianten gibt, Turbulenzen zu überstehen, und das vermeintlich Vernünftigste ist nicht zwingend das Beste.

Wenn wir alle anfangen würden, uns unabhängiger davon zu machen, was andere von uns denken, würden wir merken: Das Leben ist ein aufregendes Labyrinth. Manchmal bleibt man stecken oder muss umkehren. Aber ist das nicht viel spannender, als immer nur geradeaus zu gehen?