Auszeit von der Liebe

Zusammen, getrennt, zusammen

Wie stehen die Chancen für Paare, die es nach einer Trennung doch noch einmal miteinander versuchen wollen? Kann eine aufgewärmte Liebe doch noch einmal richtig Feuer fangen? Eine Frau erzählt.

Veröffentlicht am 16.10.2017
Zwei Hände reißen an einem Herzen.

Liebeschaos – ständiges Hin und Her belastet eine Beziehung. Oft weiß man aber erst nach einer Auszeit, zu wem man wirklich gehört.


„Wir wünschen dir ein bärenstarkes Jahr!“ 29 Gummibärchen tragen ein kleines Spruchband, mit Stecknadeln halten sie es fest. Jedes von ihnen hat Peter auf einen Pfennig geklebt, damit es nicht umkippt. Als er und ich uns kennenlernten, lebten wir noch in der Zeit der Pfennige. In den späten 80ern war das. Ich heulte damals, als ich diese Gummibärchen-Parade auf meinem Geburtstagsfrühstückstisch sah. Vor Glück. Nach Jahren von Meine-Freiheit-ist-mir-wichtiger-Beziehungen und Ich-ruf-dich-an-Abgängen war da endlich ein Mann, der es ernst meinte, der nicht sofort die Hosen voll hatte, der noch dazu richtig gut aussah, kochen konnte, jungenhaft war und trotzdem erwachsen, nicht nur über sich redete, sondern auch zuhörte, „Cinema Paradiso“ liebte, Joni Mitchell – und mich. Dass ich, die nie an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt hatte, bei ihm binnen Sekunden die Landebahn seiner blauen Augen gefunden hatte, war ein Zeichen. Musste eins sein. Nie im Leben war ich mir so sicher gewesen.

Zusammen sind wir stark 

Es sollten viele bärenstarke Jahre werden. Wir zogen zusammen. Meine Töpfe, deine Pfannen, mein Sofa, dein Couchtisch, meine Bilder, deine Schallplatten. Das passte nicht immer, doch wir machten es passend. Wir schafften neue Dinge an, gemeinsame Dinge. Unser Nest sollte richtig schön werden. Wurde es auch, und wir fühlten uns darin geborgen, gefeit vor den Zumutungen der Welt. Als einer von uns plötzlich ohne Job war, war der andere da. Als wir kurzfristig Schulden hatten, hatten wir zum Ausgleich uns – und damit Unverwundbarkeit im Dauerabo. Wir reisten in der Welt herum, sammelten Erlebnisse, aus denen unsere Erinnerungen wurden, und kamen immer wieder gern nach Hause. 

Elf Jahre später heirateten wir. Das Hippiemädchen in mir hatte das früher nie gewollt, aber als Peter die Frage dann stellte, so ernst und so liebevoll und so zärtlich, rief alles in mir einfach nur Ja. Wir feierten in Andalusien. Ein Fest im Süden. Eine lange Tafel unter Olivenbäumen. Viel Wein, viel Musik, viel Tanz. Schwimmen im Sonnenaufgang. Wieder dieses bärenstarke Glück spüren. Wissen: Wir haben alles richtig gemacht. 

Die Zeit floss dahin. Hochzeits­tage, Geburtstage, Jahrestage. Wir hatten inzwischen ein neues Haus mit Garten, eine neue Küche, neue Jobs. Wir hatten noch immer uns, aber irgendetwas begann, sich zu drehen. Wie ein Wetterhahn, der stets nach Süden geschaut hatte und fast unmerklich Seitenwind bekam. Unsere Gespräche wurden karger, als würden uns im Ehe-Puz­zle immer mehr Wortsteine verloren gehen. Plötzlich waren sie einfach weg, und zunächst suchten wir gar nicht groß danach. Wir teilten uns mit, dass Eier im Kühlschrank fehlten, aber was wir fühlten, behielten wir mehr und mehr für uns. Es gab nicht viel Streit, aber viel Schweigen. Das Ungesagte stieg wie der Hochwasserpegel vor einer Flut, und als die Dämme kurz vor meinem 50. Geburtstag schließlich brachen, war’s zu spät. Er versuchte mit Liebesbekundungen zu retten, was nicht mehr zu retten war.

Ich wollte nur noch raus aus etwas, das mir zu eng und zu klamm schien. Das von einstiger Fülle nur die leere Hülle übrig gelassen hatte. Loslaufen wollte ich, mitten hinein in das große Aben­teuer Leben. Ohne ihn. Ich packte drei Umzugskisten in mein Auto, fuhr nach ­Italien, für zwei Monate Bologna. Fühlen, wie das ist, allein zu sein, nach über 20 Jahren Zweisamkeitskokon. Peter half mir noch mit den Kartons, und als er mir zum Abschied winkte, weinte er. Ich weinte auch, weil er so verlassen wirkte, und am liebsten wäre ich sofort umgekehrt und hätte ihn in die Arme genommen und gesagt: Alles ist gut! Doch es war nichts mehr gut, also fuhr ich schluchzend über den Brenner und hörte dabei „ A Thousand Kisses Deep“ von Leonard Cohen. 

Getrennte Wege: Neubeginn in Italien

Bologna wurde trotz – oder vielleicht wegen – der Traurigkeit, die ich im Gepäck hatte, ein Fest. Ich lebte auf. Das war endlich wieder ich, die ich spürte – und das teilte ich Peter mit. Wir skypten oft, und weil er mir von seinen Reisen hinreißende Karten schrieb, dachte ich, jetzt könnten wir es vielleicht wieder schaffen. Doch ein halbes Jahr nach meiner Rückkehr schmolzen die Vorsätze wie Vanilleeis in der Sonne. Ich nahm mir eine Wohnung in der Stadt, er sich eine auf dem Land. Es gab keinen Streit beim Aufteilen von Sesseln und Sofa und Schrank und Betten. Bestürzt und behutsam gleichermaßen wickelten wir ein, was wir über die Jahre angesammelt hatten, tranken eine letzte Flasche Rotwein im alten leeren Zuhause und halfen uns tags drauf gegenseitig bei den Umzügen. 

„Wann lasst ihr euch scheiden?“, fragten Freunde. „Ihr solltet einen klaren Schnitt machen.“ Irgendetwas in mir, nennen wir es ruhig mein Herz, bockte – als ob es fühlte, dass unsere Geschichte noch nicht zu Ende war. Wir hielten Kontakt, vorsichtig zwar, am kleinen Finger, der nicht wirklich loslassen wollte. Bis ich drei Jahre später einen anderen Mann kennenlernte und die erste echte Zerreißprobe kam. Einen Sommer lang war ich wie ein verliebter Teenager, um am Ende knallhart auf dem Boden hässlicher Tatsachen zu landen. Ich hatte mich auf einen Narzissten eingelassen, dem ich nicht viel wert war.

Versuch 2.0 – Endlich angekommen 

Als Peter mich vom Flughafen abholte, wo ich nach drei Wochen Albtraumurlaub ankam, fühlten wir plötzlich, was der Satz von den guten und den schlechten Tagen wirklich bedeutete. Auch Peter hatte eine Beziehung gehabt, und selbst wenn diese eher leise ausgeklungen war, waren wir beide danach verletzt, verzweifelt, versehrt. Doch wir hatten immer noch uns. Wir redeten mit Therapeuten – aber vor allem redeten wir wieder miteinander. Wir schonten uns nicht, stattdessen schmissen wir uns Sachen an den Kopf, die richtig wehtaten. Das Verblüffende: Jeder blaue Fleck brachte mehr Heilung. Als wir das erste Mal wieder gemeinsam in den Urlaub fuhren, nahmen wir auch unsere Bedenken mit. Und beschwichtigten uns gegenseitig: Wenn’s schiefgeht, hat danach jeder seine Wohnung, und tja … Es ging nicht schief, sondern gut. 

Mittlerweile sind es viele Urlaube geworden, und wir suchen seit Kurzem ein neues Haus. Eines, in dem jeder eine Tür hat, die er schließen kann, aber den anderen trotzdem in der Nähe weiß. Denn es ist diese Nähe, die wir wollen und brauchen. Das wissen wir inzwischen. Unsere Liebe hat ein festes Fundament, wie die Gummibärchen, die nach wie vor wacker ihr Banner hochhalten. Manchmal muss man eben weggehen, um wirklich anzukommen.  

Ein Paar küsst sich liebevoll auf dem Bahnhof.

Wahre Liebe: Nach langen Trennungen ist die Freude bei einem Wiedersehen groß!