Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Autsch, wie Akupunktur

Wegen seines steifen Nackens geht York Pijahn jetzt zur Akupunktur – obwohl er nicht dran glaubt. Kann das gut gehen? Eine Stichprobe.

Veröffentlicht am 09.09.2016

Illustration Fuß mit Akupunktur-Nadel

Aaaah, Hilfe!


Dit werden se gleich spüren. Dit is ne janz, janz wunderbare Sache.“ Ich liege barfuß auf einer mit grünem Leder gepolsterten Pritsche. Kreuzberg, sechste Etage, vor den Fenstern Morgennebel und am Fußende der Lederpritsche: Herr Breker. Herr Breker ist seit heute mein Akupunkteur. Aua! Er hat die erste Nadel in meinen Fuß gestochen, an einen Punkt, der „Tor zu den Tränen“ heißt oder so ähnlich und der mich irgendwie locker machen soll. Bisher tut es vor allem unfassbar weh. Das „Tor zu den Tränen“ hat seinen Namen voll verdient. „Dit is ne janz wunderbare Öffner-Kombination, die ich ihnen da heute steche!“ Herr Breker klingt wie ein beschwingter Sommelier, der einen raffinierten Wein anpreist. Ich zucke, Herr Breker grunzt zufrieden. Er sieht aus wie John Irvings Bruder, den man aus einem fahrenden Zug geworfen hat. Weiße Mähne, abgewohnt, Jeanshemd. Er dreht bestimmt seine Zigaretten selbst, denke ich, und als habe er das mitbekommen, sticht er die nächste Nadel in mich hinein. Aua. Das war Absicht. „Janz, janz wunderbar.“

Ich habe eine tief verwurzelte Verachtung für Alternativmedizin. Meine Mutter, ehemalige Krankenschwester, ist das Bielefelder Sturmgeschütz der Schulmedizin, mein großer Bruder ist Zahnarzt. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Medizin rabiates Handwerk und keine Zauberei ist. Wenn meine Mutter das Wort chi hören würde, wäre ihr erster Impuls, „Gesundheit“ zu sagen und einem ein Antibiotikum in den Rachen zu schnippen, das stark genug ist, um Wundbrand im Endstadium zu stoppen. Und jetzt liege ich hier und lasse mir das „Tor zu den Tränen“ öffnen. Wie konnte es so weit kommen?

Seit zwei Jahren habe ich immer mal wieder einen steifen Hals. Ich behaupte gern, dass das von einer Verletzung beim Boxen käme, weil das männlicher klingt als die trübe Wahrheit: Ich hänge jeden Tag über dem Laptop wie Gollum beim Eisangeln. Ich war bei jedem Arzt, habe mich in brummende Röhren schieben lassen, bekam Spritzen und habe eine spendable Haltung zu hochdosierten Schmerzmitteln entwickelt. „So geht das nicht weiter“, meinte meine Freundin, die auf eine nervige Hippie-Art offen für Therapieformen ist, in denen das Wort „Energie“ vorkommt. Ungefragt hat sie für mich einen Termin bei Herrn Breker ausgemacht.

Ich habe das gleich als Chance begriffen. Nicht um meinen steifen Nacken loszuwerden, sondern um das Weltbild meiner Freundin geradezurücken. Ich werde der Beweis für die Wirkungslosigkeit von Akupunktur sein, mit dieser Haltung liege ich zweimal die Woche auf Herrn Brekers Lederpritsche. Um sicherzugehen, dass die Behandlung nicht wirkt, sabotiere ich Herrn Breker, wo ich kann. Ich habe während der Behandlung per Smartphone meine Mails gecheckt, um den Energie­fluss zu unterbrechen, wobei allein beim Wort „Energiefluss“ ein prustendes Lachen in mir aufsteigt. Und ich habe meinen Akupunkteur gefragt, ob ich zu den Sitzungen eigentlich auch einen Espresso bekäme, worauf der ausgebuffte Hund meinte: „Warum nicht? Zwei Stück Zucker?“

Ich sage das wirklich ungern. Aber zu meiner großen Enttäuschung wirkt die Behandlung trotzdem. Ich habe seit zwei Wochen keinen steifen Hals mehr, was ein Teil von mir als Niederlage empfindet. Von meiner Freundin darauf angesprochen, habe ich erzählt, dass ich auf der Dachterrasse unseres Büros seit neuestem Liegestütze mache, was anscheinend die Boxverletzung und so meinen Hals auskuriert hat. Ich liebe das „Rocky“-hafte an diesem Bild. „Dass es dir besser geht, hat natürlich nix mit der Akupunktur zu tun?“, hat meine Freundin gefragt. „Natürlich nicht“, sage ich. „Natürlich nicht“, sagt meine Freundin.