Beziehung statt Kind

Ich habe mich für die Liebe entschieden

Was passiert, wenn man für die große Liebe seinen Kinderwunsch aufgibt? Katherine, heute 46, über eine emotionale Achterbahnfahrt.

Veröffentlicht am 31.05.2017
Mann und Frau halten sich an den Händen.

Das Glück festhalten – auch wenn man dafür einen Lebenstraum aufgibt.


Als ich Bill auf einem Musikfestival kennenlernte, war ich sofort hin und weg. Er war witzig, charmant, souverän, aber mehr als ein kurzes Techtelmechtel wurde nicht daraus. In einem Gespräch hatte er erwähnt, dass Kinder nicht zu seinem Lebensplan gehörten. Zu meinem schon. Und mit 41 konnte ich es mir einfach nicht leisten, noch lange rumzutrödeln. Ich schlug mir den Mann also aus dem Kopf. Ein Jahr später liefen wir uns wieder über den Weg. Meine Knie wurden immer noch weich. So sehr, dass ich überlegte, ob es nicht doch einen Versuch wert wäre. Alles schien so gut zu passen: ein 47-jähriger Single, der wie ich Sport und Natur mag. Und eine 42-Jährige, die sich auf der Suche nach dem Richtigen viel zu lang aufgerieben hatte und sich gedanklich im Kreis drehte: Ist es zu spät? Könnte es noch klappen? Werde ich es bereuen, wenn ich kein Kind bekomme?

Frauen beschäftigen sich viel mit dem Thema Kinderwunsch

Ich kannte viele Frauen, denen es genauso ging, und beschloss, ein Buch über das Thema zu schreiben. Ich sprach mit IVF-Experten, mit Frauen, die es bedauerten, keine Kinder bekommen zu haben, mit anderen, die sich damit arrangiert hatten, aber auch mit solchen, die sich bewusst gegen Kinder entschieden hatten. Ich lernte Frauen kennen, die ihre Eier hatten einfrieren lassen; andere waren mit einer Samenspende Mutter geworden oder hatten sich als Alleinerziehende auf das Abenteuer einer Adoption eingelassen. Ich ließ sogar meine eigene Fruchtbarkeit testen – sie lag etwas über dem Durchschnitt meiner Altersgruppe –, doch für mich kam es nicht infrage, ein Kind allein großzuziehen. Ich wusste jetzt viel über die anderen, doch ich selbst war noch immer ratlos. Ich entschied, die K-Frage noch eine Weile aufzuschieben und zu schauen, wie sich die Geschichte mit Bill entwickeln würde.

Es folgten ein paar sehr verliebte Monate, die wir mit Camping-Wochenenden, Fahrradtouren und Picknicks am Strand verbrachten. Einmal konnten wir zwei Tage nicht aus unserem kleinen Zelt heraus, weil es draußen wie aus Kübeln goss. Auf der Heimfahrt machten wir Witze – wie es wohl wäre, wenn wir einen Schritt weiter gehen und zusammenziehen würden. Aber je näher wir uns kamen, umso drängender wurde für mich die Frage, ob in diesem Leben auch Kinder einen Platz hätten.

„Ich habe keine Zeit mehr”

Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass unsere Nähe, die gemeinsamen Erlebnisse Bills Widerstand aufweichen würden. Ein Irrtum. Kinder waren nach wie vor kein Thema für ihn, er meinte, es wäre unfair, mir etwas vorzumachen. „Gib ihm mehr Zeit“, riet eine Freundin, die mit 42 von einem Mann schwanger geworden war, der lange kein Baby gewollt hatte. „Aber ich habe keine Zeit mehr“, antwortete ich resigniert.

Tatsächlich nicht? Ich kannte die Statistiken, wonach Frauen meines Alters nur noch eine fünfprozentige Chance haben, schwanger zu werden. Aber ich hatte auch gelesen, dass solche Prognosen nicht mehr aktuell seien, weil die Medizin enorme Fortschritte gemacht hatte. Andererseits wusste ich auch, dass nüchterne Zahlen nichts darüber aussagen, welche Abzweigung das Leben nimmt. Während bei manchen Frauen der Mann irgendwann einlenkt, kenne ich auch Fälle, bei denen alles vergeblich war – und das Paar sich trennte, als es für eine Schwangerschaft definitiv zu spät war.

Man sollte sich über seine Lebensziele im Klaren sein

Das Dilemma, in dem ich monatelang steckte, quälte mich zunehmend. Ich kontaktierte eine Kinderwunsch-Therapeutin, eine Kalifornierin namens Randi Buckley, die ich bei meinen Recherchen kennengelernt hatte und die Frauen dabei hilft, sich über ihre Lebensziele klar zu werden. Die wichtigste Übung bestand in einer Imagination: Ich sollte mir mein zehn Jahre älteres Ich vorstellen und es fragen, welchen Weg ich heute einschlagen soll. Das helfe einem herauszufinden, was man sich langfristig für sein Leben erhofft, sagte Randi. Wenn ich erst wüsste, was ich wirklich will, könnte ich mir die Entscheidung leichter machen. Also fragte ich mein 52-jähriges Ich, welchen Stellenwert Karriere, Finanzen, Partnerschaft und Familie haben würden und was ich tun solle. Ich spürte schnell, was mir am wichtigsten ist: die Liebe – zu einem Mann, aber auch zu einem Kind. Diese Klarheit war einerseits befreiend, aber auch niederschmetternd. Ich liebte Bill und fühlte mich ebenfalls geliebt, doch ich wusste, ich würde insgeheim immer darauf hoffen  dass er seine Meinung ändert. Das würde keinem von uns guttun. Wir redeten die ganze Nacht. Über meine Lebenspläne, über meine Hoffnungen und dass sie sich mit ihm nicht erfüllen würden. Wir trennten uns. 

Es ist noch nicht zu spät für die Liebe

Ich war wieder Single – kam aber keinen Schritt weiter. Es gab einen Mann, der sich für mich interessierte und Kinder wollte. Aber der Funke sprang nicht über. Ein anderer, zu dem ich mich hingezogen fühlte, war nach einer langen Beziehung noch nicht bereit für etwas Festes. Immer öfter ertappte ich mich dabei, dass ich auf Dating-Portalen nach Männern suchte, die Bill ähnelten. Ich konnte ihn nicht vergessen, und es machte die Sache nicht leichter, dass wir uns immer wieder mal über den Weg liefen – und am Ende doch wieder knutschten. Wir konnten nicht voneinander lassen; in seiner Gegenwart fühlte ich mich glücklich und aufgehoben. Nach einem Sommer als Single mit einigen ziemlich seltsamen Dates wurde mir schlagartig klar: Mit 43 ist es womöglich zu spät für ein Kind, aber nicht zu spät für die Liebe. Ich wollte meine Zeit nicht mehr damit vergeuden, nach einem Mann zu suchen, den ich wohl nie finden würde – während Bill so nah und wichtig und richtig war wie kein anderer. 

„Mein Leben ist auch ohne Kind komplett”

Ich überlegte, ob ich mir selbst gegenüber wirklich ehrlich gewesen war. Mir fiel ein, dass ich immer, wenn ich früher gefragt wurde, was ich im Leben will, nicht geantwortet hatte: ein Kind. Sondern: Freiheit, Abenteuer, Liebe, Reisen, Sex. Und vielleicht, dachte ich, ist die starke biologische Komponente nicht zu unterschätzen, wenn das Thema mit 40 so drängend wird. Schritt für Schritt löste ich mich von der Vorstellung, dass mein Leben nur mit einem Kind komplett ist. Bis ich eines Tages tief durchatmete – und Bill anrief. 

Heute bin ich 46 und weiß, dass ich mich richtig entschieden habe. Kürzlich waren wir zum Skifahren in Frankreich und Bill machte mir, völlig überraschend, einen Heiratsantrag. Ja, ich denke manchmal noch an das Kind, das ich nie haben werde. Es gibt auch Tage, da werde ich ein bisschen melancholisch, weil ich lauter glückliche Mütter mit ihren süßen Babys sehe. Aber ich weiß, dass man im Leben nicht immer das bekommt, was man will – aber womöglich das, was man braucht. Ich hätte auch ein unglücklicher Single oder eine frustrierte Alleinerziehende werden können. Es gibt keine allgemeingültige Antwort auf die Frage, ob die Liebe oder ein Kind wichtiger ist. Für mich hat sich gezeigt, dass das, was ich habe, mich glücklicher macht als die Hoffnung auf etwas, was womöglich nie eintreffen wird. Die Liebe, das weiß ich heute, ist ein echtes Geschenk.