Beziehung zu dritt

Meine Frau, ihr Freund und ich

Theoretisch ist fast jedes Beziehungsmodell denkbar. Aber wie fühlt es sich tatsächlich an, wenn die Ehefrau noch einen anderen Mann liebt?

Veröffentlicht am 05.12.2016
Partnerschaft zu dritt

Ein kompliziertes Beziehungsmodell, wenn die Ehefrau einen Partner außerhalb der Ehe hat.


Auf der Fahrt in den Urlaub erzählt mir meine Frau von ihrer Sorge, schwanger zu sein. Gerade war ich noch damit beschäftigt, bei den gelangweilten Kindern auf dem Rücksitz für Ruhe zu sorgen, und jetzt das. Ohne sie anzusehen, ist mir klar, was sie mir damit sagen will. Das Kind wird nicht von mir sein. Sondern von ihrem Freund. Das tut weh, aber nicht so sehr, wie man denken sollte. Die zynischen Kommentare, für die ich sonst gefürchtet bin, verkneife ich mir. Ja, meine Frau hat einen Freund, den sie regelmäßig sieht. Nein, ich habe damit kein Problem.

Meine Gelassenheit verdanke ich hauptsächlich der Tatsache, dass ich nicht betrogen wurde. Lange Zeit sah es so aus, als wäre es eine normale Freundschaft zwischen Philip und ihr. Ich habe wohlwollend zugesehen, wie sie in seiner Gegenwart aufblühte, hörte zu, wenn sie oft und viel von ihm sprach. Ein paarmal hatte ich dabei die Gelegenheit, Philips Frau kennenzulernen. Die beiden sind genau wie wir seit 15 Jahren verheiratet. Ich fand sie nett, aber die ganz große Verbindung habe ich nicht gespürt. Wir können beide gut mit den Kindern umgehen. Alles fühlte sich nach einer lockeren, unbeschwerten Freundschaft an. Bis zu diesem Wochenende im Mai letzten Jahres, das wir jeweils mit dem Partner des anderen verbracht haben. Meine Frau und Philip brachen zur ersten Motorradfahrt der Saison auf. Ich mag keine Motorräder. Deswegen fragte ich seine Frau, ob sie das Wochenende mit mir und den Kindern verbringen möchte. Wollte sie. Das hat alles verändert.

Für mich war es ein Abenteuer, ein einmaliger Seitensprung. Ich war der Betrüger, der Verführer – ganz wie man es sehen möchte. Für Philip und meine Frau war Sex nur der letzte logische Schritt in einem langen Prozess des Kennenlernens.

Das Geständnis

Nie werde ich den Moment vergessen, als wir uns am Sonntagabend wiedersehen und jeder sofort sein „Vergehen“ gesteht. Wir sitzen uns gegenüber, sie sagt: „Du zuerst!“ Ich beginne zu erzählen. Diese kompromisslose Ehrlichkeit hat unsere Beziehung schon immer ausgemacht. Ich hätte nicht einen Tag leben können, ohne ihr die Wahrheit zu sagen. Sie übrigens auch nicht. Sie ist mit Philip zusammen, weil sie in ihm einen Menschen gefunden hat, der ihr die Ruhe geben kann, die sie im Alltag sonst nicht hat. Bei ihm kann sie sich anlehnen und guten Gewissens schwach sein. Das kann sie bei mir nicht. Was wäre ich für ein Mensch, wenn ich der Frau, die ich liebe, diese Möglichkeit missgönnen würde? Logisch, dass man dabei auch schwanger werden kann. Kein Grund zur Panik. Und genau das sage ich ihr, nachdem ich den ersten Schreck überwunden habe. „Das kriegen wir hin.“ Ich lächle sie an. Sie lächelt zurück. Die Fahrt ist noch lang, die Kinder sind endlich eingeschlafen. Gott sei Dank!

Der Urlaub ist wunderbar. Wetter und Stimmung sonnig. Glückliche Kinder. Eltern happy. Es ist schön zu sehen, dass man als Familie und als Paar noch funktioniert. Wenn die Kinder schlafen, steigen wir mit unseren Cocktails in der Hand über die Feuerleiter aufs Hoteldach und schauen auf die Welt. Baden nachts im Meer und turteln wie frisch verliebt am Pool. Natürlich reist Philip in Gedanken mit. Manchmal frage ich mich: Wäre sie jetzt lieber mit ihm hier? Ich verdränge den Gedanken. Natürlich denkt sie an ihn. Warum auch nicht? Eines Morgens dann Entwarnung: nicht schwanger. Sie sagt: „Weißt du, ich glaube zur Geburt hätte ich dich mitgenommen, nicht Phi­lip. Seltsam, oder?“ Ja, das ist es. Aber es zeigt vielleicht nur, dass man Liebe durchaus auf mehr als zwei Schultern verteilen kann. Und überhaupt: Was ist schon normal?

Die beiden versuchen gegen alle Wi­derstände ihre Liebe weiterzuleben. Sie halten zueinander, obwohl fast alle Freunde und Verwandten die Beziehung verurteilen. Ja, auch Philips Frau. Das imponiert mir. Ich will den beiden nicht im Weg stehen. Im Gegenteil. Ich versu­che sie zu unterstützen. Mache meinen Platz frei, wenn die beiden sich sehen wollen. Natürlich frage ich mich oft, warum ich keine Eifersucht empfinde. Liegt es an der Selbstverständlichkeit, mit der die beiden ihre Beziehung füh­ren? Liegt es daran, dass ich keine Angst habe, verlassen zu werden? Liegt es da­ran, dass er und ich so verschieden sind, dass ich kurz nach meinem ersten Zu­sammentreffen mit ihm zu meiner Frau sagte „Ich glaube, der spricht chinesisch“? Philip ist ein Macher, einer, der die Din­ge in Ordnung bringt. Ich weiß, dass die beiden, sobald man sie allein lässt, den Duschvorhang aufhängen, der schon zu lange am Boden liegt. Ich bin eher chao­tisch, mit mir kann man lachen und verrückt sein. Unreif sein. Kind sein, wenn die eigenen Kinder endlich schlafen.

Der emotionale Auszug

Es ist trotzdem ein komisches Gefühl, morgens die Tasche zu packen und am Abend nicht nach Hause zu können, weil er da ist. Meistens vergesse ich irgendei­ne Kleinigkeit. Das Deo. Die Zahnbürs­te. Deswegen habe ich mir im Büro eine Notfallkiste eingerichtet, die ich für solche Fälle rausziehen kann. Es ist jedes Mal ein Auszug im Kleinen. Auch emo­tional. Man gibt etwas her. Man stellt sich vor, was wohl passiert, wenn man nicht da ist. Was wohl passiert, wenn sie zusammen ins Bett fallen.

Genauso der morgendliche Ab­schied von den Kindern. Nor­malerweise sage ich: „Bis heute Abend, ihr Lieben.“ An Tagen, wenn Philip zu Besuch kommt, sage ich nichts. Wenn sie es bemerken, dann flüstere ich verschwörerisch: „Heute Abend kommt Philip.“ Und obwohl ich nach ihren Aus­sagen der beste Papa der Welt bin, freuen sie sich trotzdem über die Abwechslung. Sie mögen ihn. Nicht als Ersatzvater, sondern als Mensch, den man abends noch ein bisschen nerven kann, bevor man ins Bett muss. Ich mag ihn übrigens auch. Ich kann mir gut vorstellen, was meine Frau an ihm findet. Das macht natürlich vieles leichter. Die beiden zu­sammen zu sehen hat etwas Beruhigen­des. Zwei Menschen, die irgendwie zu­sammengehören. Das habe ich ihnen auch schon gesagt.

Wohin ich gehe, wenn ich nicht nach Hause kann, weil Philip da ist? In schö­nen Sommernächten liege ich oft in mei­nem Schlafsack an einem See. Genieße die Stille und das Alleinsein. Sehe, wie morgens die Sonne aufgeht, und springe einmal ins kalte Wasser. Für diese Art von Romantik brauche ich niemanden an meiner Seite. Eineinhalb Stunden später sitze ich in der Arbeit, als sei nichts gewesen, und grinse in mich hinein. Ein herrliches Gefühl! An anderen Tagen besuche ich Freunde, lade mich zum Übernachten ein. Für mich sind diese Tage und Nächte ebenfalls ein Ausbruch aus dem Alltag. Meine neue Freiheit. Ein Weg zu mir selbst.

Die Ehe neu entdecken 

Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird. Manchmal habe ich Angst vor dem, was es aus mir macht. Habe Angst vor einer schleichenden Ent­fremdung, die man erst bemerkt, wenn es zu spät ist. Darf ich mir jetzt eigentlich auch eine Freundin suchen? Wir haben darüber geredet. Seit ich angedeutet habe, dass ich mich natürlich moralisch nicht mehr so sehr an sie gebunden füh­le, haben diese Gespräche an Schärfe gewonnen. Das Leben bleibt lebendig und darf sich auch gern so anfühlen. Plötzlich wird am Abend wieder gelacht, geweint, geredet. Und RTL hat seitdem zwei Zuschauer weniger. Ich lerne den Menschen, mit dem ich seit so vielen Jahren verheiratet bin, gerade neu ken­nen. Wir stellen mit Entsetzen fest, wie wenig man wirklich voneinander weiß. Und wie sehr wir beide das gern ändern möchten. Zusammen.

Heute ist es wieder so weit. „Bis mor­gen“, sage ich noch, umarme sie schnell und setze mich ins Auto. In ihren Augen liegt wie immer ein Anflug von schlech­tem Gewissen und das leise Gefühl, et­was Unrechtes zu tun. Ein bisschen schwingt vielleicht auch die Sorge um mich mit. Wo wird er bleiben heute Nacht? Es geht mir gut. Mach dir keine Sorgen. 

(Protokoll: Max Ernst)