Problemzone Körpergefühl

Brief an meine Tochter

Kinder kennen keine Problemzonen. Arme sind zum Umarmen da, Beine zum Klettern und der Bauch ist manchmal herrlich kugelrund, weil ganz viel Eis drinsteckt. Unsere Autorin wünscht ihrer Tochter, dass dieses Körpergefühl noch lange anhält.

Veröffentlicht am 02.10.2016


Kleines,

wenn Du diesen Brief lesen wirst, darf ich Dich wahrscheinlich schon gar nicht mehr so nennen. Vielleicht gebe ich ihn Dir, wenn Du 18 wirst. Vielleicht gebe ich ihn Dir auch an dem Tag, an dem ich das Gefühl habe, dass Du ihn gebrauchen kannst, weil irgendjemand etwas Gemeines über Deinen Körper gesagt hat oder wenn Du selbst etwas im Spiegel entdeckt hast, das Dir nicht gefällt. Vielleicht gebe ich ihn Dir auch nie und hebe ihn einfach als Erinnerung auf. Die Chancen dafür stehen gut, denn Du bist ein sehr starkes und selbstbewusstes Mädchen. 

Du hast mir gestern erst gezeigt, wie toll Du schon auf das Piratenschiff klettern und wieder herunterspringen kannst. Du hast mir Deinen neuen Trick beim Rollerfahren vorgeführt. Du hast mir Deinen Lieblingsrock gezeigt, der Dein Lieblingsrock ist, weil er beim Tanzen so toll schwingt. Und wie Du tanzt! Ich könnte Dir Stunden zusehen bei Deinem wildglücklichen Piratentanz, Deinem Drehwurmdrehen. 

Dein Körper besteht wie bei jeder ganz normalen Fünfjährigen aus lauter Vergnügen. Du kletterst auf Bäume, Du schaukelst bis in die Wolken, Du wackelst mit Deinem Po. Du hast so viel Freude daran, diesen Körper zu entdecken und herauszufinden, was er alles kann. Du machst Dir keine Gedanken darüber, was andere über ihn denken könnten. 

Mein Körper ist wie der jeder ganz normalen Frau, die kein Kind mehr ist: Er besteht aus lauter Unzulänglichkeiten. Ich mag meine Schultern nicht, weil sie viel zu breit sind. Ich mag meine Oberschenkel nicht, weil sie nicht so straff sind, wie ich das gern hätte. Ich mag mein Gewicht nicht, das eigentlich immer zu hoch ist. Ich habe mir diese Denkweise schon so angewöhnt, dass sie mir gar nicht mehr merkwürdig vorkommt. Wie gemein es ist, was ich da denke, fällt mir erst auf, wenn ich Dir zusehe. Du fragst Dich nicht, ob Du im Badeanzug Deinen Bauch einziehen solltest. Wenn Du beim Abendessen so richtig reingehauen hast, ziehst Du das T-Shirt hoch und zeigst stolz, was alles in Dir steckt: ganz viele Nudeln und obendrauf noch Erdbeereis, „dicker, dicker Buki“, sagst Du und lachst. Du fragst Dich nicht, wie Deine Beine in Kleidern aussehen, denn das wäre ein absurder Gedanke – aber ist er das nicht auch, wenn ich über meine Beine nachdenke? Neulich bist Du zu mir ins Badezimmer gekommen, als ich gerade aus der Dusche kam. Ich habe sofort meinen Bauch eingezogen, obwohl mir vor Dir nichts peinlich ist, es war ein Reflex. Du kamst auf mich zugerannt, als hätte ich Dich seit Tagen nicht gesehen. Du hast mich umarmt, Deine Nase an mich gedrückt und gefragt, ob Du in meinem Bauch nicht noch einmal wohnen könntest, irgendwann, das wäre doch sehr kuschelig. Dann hast Du den Bauch, in dem Du gewachsen bist und den ich so oft so doof finde, von oben bis unten abgeküsst. „Mein Mamabär“, hast Du gesagt. Und: „Meine schöne Mama.“

Wie viel Liebe in Deinem Blick liegt. Auf die Welt, auf mich, vor allem auf Dich. Ich erschrecke dann manchmal vor meinem eigenen Blick. Und darüber, dass ich, wenn Du dabei bist, Deinen Papa frage, ob ich nicht viel zu fett in dieser Jeans aussehe. Oder wenn ich sage, dass eine Kugel Eis genug sei, mein Hintern müsse ja nicht noch größer werden. Was genau will ich Dir damit denn sagen? 

Sagen möchte ich Dir heute: Dein Körper wird sich verändern, er wird wachsen, älter werden, auch müder, und es wird immer wieder Dinge geben, von denen Du Dir vielleicht wünschst, dass sie anders wären. Ich weiß nicht, ob man es sein Leben lang schafft, immer nur zufrieden mit dem eigenen Körper zu sein, vermutlich nicht – aber vielleicht schaffst Du es ein wenig besser als ich, ihn weitgehend zu mögen. Denn Dein Körper ist nicht nur ein Bauch in einem Badeanzug. Oder Oberschenkel in einem Kleid. Du bist nicht bloß hübsch (auch wenn Du wunderhübsch bist). Du bist eine Erdbeereisesserin, eine Kletterin, eine Kuschlerin, eine Piratin, ein Drehwurm, ein Großherz. Und falls Du das mal vergisst und Dein Blick sich verirrt: Such Dir einen Rock, der so richtig toll schwingt – und dann tanz. Es gibt auf dieser Welt keinen schöneren Anblick. 

Es küsst Dich, ganz inniglich, Deine Mama.