Leben mit Brustimplantat

Das Fremde in meinem Körper

Nach der Diagnose Brustkrebs ist unsere Autorin auf alles gefasst — nur nicht darauf, was es bedeutet, nach der Operation mit einem Implantat zu leben.

Veröffentlicht am 05.09.2017
Diagnose Brustkrebs

Kann sich ein Fremdkörper anfühlen, wie der eigene?


Am Abend vor der Amputation stand ich nackt vorm Spiegel und nahm meine rechte Brust in die Hand. Ich hielt sie wie einen Freund, der Trost sucht. „Mach’s gut“, flüsterte ich und dankte ihr für die gemeinsamen Jahre. Wie so viele Frauen hatte ich in meinem Leben Stunden damit zugebracht, über meinen unperfekten Körper zu jammern. Nur an meinen Brüsten hatte ich nie etwas auszusetzen. Sie waren nicht zu groß, nicht zu klein. Sie hatten mir Lust bereitet und während der Stillzeit meine Söhne ernährt. „Ach, Männer“, dachte ich früher immer, „hört doch auf, den Busen anzubeten.“ Aber sie haben recht. Nie fand ich meine Brüste schöner und war dankbarer für sie als damals vor dem Spiegel. 

Diagnose Brustkrebs

Dass ich Brustkrebs hatte, wurde bei einer Routineuntersuchung festgestellt. Obwohl ich wusste, dass es die häufigste Krebserkrankung bei Frauen ist, dachte ich, mich würde es nicht treffen. Meinte die Arzthelferin, die mich bat, noch einmal ins Behandlungszimmer zu kommen, wirklich mich? Die Radiologin sprach von einer verdächtigen Stelle, erbsengroß, und empfahl eine Biopsie. Ich fragte, ob ich die Stelle sehen könnte. Sie drehte den Bildschirm zu mir, und ich sah einen Schatten in einem weißen Netz, rund wie der Eikokon einer Spinne. „Das ist Krebs?“, fragte ich.

Die Radiologin drehte den Bildschirm zu sich. Ärzte scheuen ja oft davor zurück, schlechte Nachrichten zu überbringen. Das überlassen sie lieber anderen Ärzten. „Wir müssen weitere Tests machen“, antwortete die Radiologin. Mammografie, Sonografie, Biopsie, Kernspintomografie – es war, als würden wir uns bei Google Maps immer näher an das Ziel zoomen. Am Ende hieß es: Die Brust muss abgenommen werden. Und ich musste mir überlegen, wie sie rekonstruiert werden sollte, nachdem ich eben noch über Chemotherapie, Bestrahlung, Amputation und Überlebenschancen informiert worden war. Als hätte ich gerade kein anderes Problem als das Aussehen meines Busens. Folgende Möglichkeiten hatte ich: mit nur einer Brust zu leben, ein Implantat einsetzen zu lassen oder mich einer sechsstündigen DIEP-Flap-Operation zu unterziehen, bei der die Brust mit Eigengewebe aus dem Unterbauch wiederaufgebaut würde. 

Mir gefiel die Idee, allen Konventionen zum Trotz mit nur einer Brust zu leben. Ich schaute mir im Internet Bilder von Frauen an, die sich dafür entschieden hatten. Sie sahen stolz und trotzig aus, als könnten sie einen Marathon laufen. So bin ich nicht. Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt. Hätte ich nur noch eine Brust, würden die Menschen mich anstarren, Mitleid empfinden. „Dann lieber die DIEP-Flap-Methode“, dachte ich – für einen Busen aus eigenem Fleisch und Blut. Er würde sich weich und warm anfühlen wie der Rest meines Körpers. Wenn auch taub. Sind die Nerven einmal durchtrennt, ist die Empfindung verloren. Ich würde mich unter den Achseln rasieren und die Klinge nicht spüren, stellte ich mir vor – und entschied mich doch für das Implantat.

Komfort geht vor

Als ich mit dem plastischen Chi­rurgen die OP durchsprach, erklärte er mir, es gäbe zwei Formen: rund oder tropfenförmig. Ich dachte an die übertrieben prallen Brüste von Stripperinnen. So wollte ich nicht aussehen. Also die Tropfenform. „Mal sehen“, antwortete der Arzt. Die finale Entscheidung würde auf dem OP-Tisch fallen, ohne dass ich mitreden könnte. Ich schaute auf die glänzenden italienischen Schuhe des Arztes, der meine neue Brust formen würde, und bekam Panik. „Wissen Sie“, sagte ich, „wenn ich ein Paar Schuhe wäre, dann Birkenstocks.“ – „Komfort geht vor?“ – „Unbedingt“, antwortete ich. 

Es dauerte nach der OP Wochen, bis ich den Mut fand, meine neue Brust anzuschauen. Ich erschrak über die wütenden roten Narben, die mit der Zeit verblassen würden. Der Chirurg hatte sich für ein rundes Implantat entschieden und die gesunde Brust leicht geliftet, damit der Unterschied nicht zu groß war. Es sah stimmig aus. Nur das Implantat störte mich. Es fühlte sich hart und fremd an. Jedes Mal wenn ich meinen zehnjährigen Sohn umarmte, prallte sein Kopf gegen das Implantat, und ich zuckte zusammen. Nicht weil es schmerzte, sondern weil die Berührung mich an diesen Fremdkörper in mir erinnerte. Am stärksten spüre ich es bis heute beim Tennis: In dem Moment, wenn der Arm beim Aufschlag durchgestreckt ist und der Schläger den Ball berührt, fühlt es sich an, als ploppe in mir eine dicke Harfensaite. Ich frage mich dann immer, ob sich das Implantat gleich löst und durch meinen Körper wandert bis runter zu den Knöcheln. Meiner Onkologin habe ich nichts davon erzählt. Sie sieht jeden Tag Menschen, die an Krebs sterben. Ich hatte Glück, keine Chemo, keine Bestrahlung, eine Brustamputation und zehn Tage Hormontherapie. 

Die Narbe erzählt meine Geschichte 

Mich über mein Implantat zu beschweren scheint mir kindisch und undankbar. Aber es fällt mir schwer, mit dem Verlust klarzukommen. Man wird nicht darauf vorbereitet, was es bedeutet, mit nur einer Brust zu leben. Man meidet das Thema und versteckt die Narben, ist wehmütig und traurig. Und man vermisst die fehlende Brust. „Ich habe mich plötzlich nicht mehr als vollwertige Frau gefühlt“, heißt es oft. Ich selbst fühlte mich plötzlich nicht mehr als vollwertiger Mensch, weil ich einen Teil meines Körpers verloren hatte, der mir so wichtig gewesen war. 

Mich mit der rekonstruierten Brust zu arrangieren war nicht nur hart für mich, sondern auch für meinen Mann. Manchmal beim Sex verhielt ich mich unmöglich. Wenn er meinen Busen nicht berührte, unterstellte ich ihm Absicht. Berührte er ihn doch, wurde ich wütend, weil ich es nicht wirklich spürte. Das Altern an sich ist eine Herausforderung. Meine neue Brust schien mir eine Beleidigung mehr, mit der ich umzugehen hatte. Beim Umziehen im Fitnessstudio bedeckte ich sie jedes Mal mit einem Handtuch. Inzwischen habe ich mich widerwillig mit ihr abgefunden. 

Ich betrachte mich nicht als Kämpferin, weil ich den Krebs überlebt habe, denn das würde bedeuten, dass jene, die daran sterben, keine Kämpfer sind. Ich habe nicht gegen den Krebs gekämpft. Ich habe kleinlaut jede Anweisung der Ärzte befolgt, um meinem Leben so viele Jahre wie möglich abzuringen. Als es beim letzten Nachsorgetermin hieß, die Brust sei krebsfrei, war ich unfassbar glücklich und dankbar. Rutscht das Handtuch heute runter, und jemand sieht die Narbe, die meine Geschichte erzählt, ist das kein Weltuntergang.