CEO Andrea Albrecht

Keine Angst vor Testosteron

Frauen in Führung – bei diesem Thema hinke Deutschland noch gewaltig hinterher, findet Andrea Albrecht, seit Kurzem Mutter und CEO der Kreativ-Agentur Leo Burnett. Wie sich die Dinge ändern können? Indem Frauen keine Angst mehr haben, anzuecken.

Veröffentlicht am 05.04.2017
Andrea Albrecht.

Hirn, Herz und manchmal auch die nötige Härte: Das Erfolgsrezept von Andrea Albrecht.


Sie weiß gar nicht mehr, wie oft sie die einzige Frau in Meetings war. Aber an das erste Mal erinnert sie sich ganz genau. Es ist Ende der Neunziger, als Andrea Albrecht, ganz neu im Job, an einer ihrer ersten Konferenzen teilnimmt. „Ich öffnete die Tür und blickte in 40 Männergesichter.“ Die 45-Jährige ist seit vergangenem Jahr Deutschland-Chefin der internationalen Kreativagentur Leo Burnett in Frankfurt. Was auffällt: Sie ist keine, die sich hinter wolkigen Business-Floskeln versteckt, sondern klar und deutlich sagt, was sie will – humorvoll, ohne verbissen zu wirken. Mit dieser Strategie hat sich die Betriebswirtin in den oben beschriebenen Männerrunden durchgesetzt. „Man darf sich von dem Testosteron einfach nicht einschüchtern lassen.“

„Geichberechtigung muss aktiv gelebt werden“

Ihr war schnell klar, dass das Agentur-Business genau ihr Ding ist. Weil es hier nicht so hierarchisch zugeht wie in vielen anderen Unternehmen. Sie wird von Anfang an ernst genommen und nach ihrer Meinung gefragt. Das gefällt ihr. 1997 startet sie in einer kleinen Werbeagentur in Frankfurt, später geht sie nach London und steigt 2005 bei Leo Burnett Deutschland ein. 2007 wechselt sie ins Headquarter nach Chicago. Und staunt über eine ganz andere Unternehmenskultur. „In angelsächsischen Ländern finden es Männer völlig normal, dass Frauen Karriere machen.“ Außerdem würden die ihre Ansprüche viel deutlicher formulieren. Sie ist fasziniert von der Selbstverständlichkeit, mit der sie auf den Chefsessel streben – und von der Infrastruktur, die das ermöglicht. „Es gibt Nannys und Kindergärten mit langen Öffnungszeiten, in einigen können die Kinder sogar übernachten“, erzählt sie. „Arbeitende Mütter werden akzeptiert und unterstützt.“ Klar, setzt sie sofort hinterher, es sei eine andere Frage, ob man es gut finde, seine Kinder rund um die Uhr wegzuorganisieren. Eine klassische Wind-aus-den-Segeln-nehmen-Taktik, sie kennt sich aus auf diesem ideologischen Minenfeld. Andererseits sei man in vielen Berufen, etwa bei Schichtdienst, auf Betreuung angewiesen.

Deutschland hinkt bei diesen Themen hinterher, das ist nichts Neues. Um mehr Frauen in Führungsjobs zu bringen, müssten sich laut der Agenturchefin ein paar Dinge ändern: „Gleichberechtigung muss aktiv gelebt werden, das darf kein Lippenbekenntnis bleiben. Frauen müssen ihre Interessen durchsetzen – und Männer bereit sein, sie in ihre Machtzirkel zu lassen.“ Was sie selbst dafür tut? Die Dinge so unverkrampft wie möglich angehen. Andrea Albrecht fördert beide Geschlechter. Sie glaubt an den Erfolg von gemischten Teams. In ihrem Unternehmen hat man die Frauenquote in Führungspositionen mit fast 40 Prozent bereits erfüllt. Chefinnen prophezeit sie eine goldene Zukunft: „Mit ihrer emotionalen Intelligenz werden sich in einigen männerdominierten Unternehmen neue Perspektiven auftun.“

Selbst ist die Frau

Sie selbst hatte Glück. „Es gab immer jemanden, der mich ermutigt hat, den nächsten Schritt zu gehen“, sagt sie. Angefangen bei ihrer berufstätigen Mutter. Allerdings sei es keine gute Idee, darauf zu warten, dass jemand erkennt, wie gut man ist. „Man muss schon selbst die Hand heben“, sagt Andrea Albrecht. Das falle vielen Frauen nach wie vor schwer. Genau wie die Tatsache, dass man als Chefin hin und wieder harte Entscheidungen treffen muss, die die Harmonie im Team empfindlich stören können. „Das gehört zu den schwierigen Dingen, die man lernen muss.“

Vor einem halben Jahr ist sie Mutter geworden. Zwei Monate nach der Geburt ihres Sohns saß sie wieder in der Agentur. „Das war sportlich, ich musste noch flexibler werden“, räumt sie ein, aber bisher funktioniere es gut. Ihr ebenfalls voll berufstätiger Partner unterstützt sie. Sie hat eine Kinderfrau und verbringt etwas weniger Zeit im Büro. „Ohne den Einsatz der Kollegen wäre das nicht möglich.“ Und wenn sich doch mal das schlechte Gewissen meldet, erinnert sie sich an ihre Zeit in den USA. „Ich kenne dort viele Eltern, die beide viel arbeiten, ohne dass den Kindern etwas fehlt.“ Was sie sich für die Zukunft wünscht, etwa wenn ihr Sohn ins Arbeitsleben einsteigt? Berufstätige Frauen, sagt sie, sollten dann selbstverständlich sein.