Die Macht des Charisma

Das gewisse Etwas

Ausstrahlung ist mehr als gutes Aussehen und selbst im Digital-Zeitalter so bedeutsam wie nie. Was man mit der Mischung aus Autorität, Empathie und Präsenz erreichen kann? Experten über die Macht des Charisma.

Veröffentlicht am 13.10.2016
Eine Frau macht ein Selfie von sich.

Ein Schuss, ein Treffer: Dabei ist Ausstrahlung mehr als gutes Aussehen.


Dr. Eva Wlodarek
Die Psychologin („Jeder Mensch hat Charisma“, Kösel) gilt als Ausstrahlungs-Guru

Seit Jahrhunderten sprechen die Menschen vom „gewissen Etwas“. Dabei ist Charisma fassbar, messbar und erlernbar. Ausstrahlungsstarke Menschen bringen drei Kerneigenschaften mit: Autorität, Empathie und Präsenz. Mit Autorität ist ein gewisses Selbstvertrauen gemeint. Empathie lässt sich mit Herzenswärme übersetzen und Präsenz bedeutet nichts anderes, als konzentriert Interesse zu zeigen. Selbstdarstellung im Sinne von „Seht her, ich bin so großartig“ hat nichts mit Charisma zu tun. Ein Mensch mit Ausstrahlung ist kein Egozentriker, sondern jemand, der auch andere glänzen lässt, der sich einfühlen und zuhören kann. All das kann man üben. Eine aufrechte Haltung und Blickkontakt suggerieren Autorität. Empathische Menschen zeigen Gefühle, anstatt lässig über alles hinwegzugehen. Und wer präsent wirken möchte, schlägt bei der nächsten Party kein Pfauenrad, sondern feiert andere. Es lohnt sich.

Bibiana Beglau
Schauspielerin („Die Still nach dem Schuss“, „Unter dem Eis“, „Über Barbarossaplatz“)

Charismatische Menschen verändern ihre Umgebung. Um sie herum entsteht eine eigenartige Gelassenheit, als wenn jemand die Lautstärke drosseln würde. Das hat nichts mit Attraktivität zu tun. Ich glaube, eine Aura hat man oder nicht; das lässt sich nicht aneignen, höchstens pflegen. Aber lohnt sich das? Vielleicht. Charismaten haben es im Leben sicher einfacher. Sie haben eine stille Anziehungskraft, während Menschen ohne Ausstrahlung erst mühsam entdeckt werden müssen. Dabei gibt es wunderbare Menschen, die überhaupt kein Charisma haben! Vielleicht liegt die Kunst darin, sich genau so anzunehmen. Wir gehen viel zu sehr davon aus, dass der Andere unsere Fehler entdeckt. Dabei wäre es so viel leichter, sich ohne Scham zu präsentieren. Wer es schafft, sich nicht als mehr oder weniger als sein Gegenüber wahrzunehmen, sich für Fehler und das Fremde zu begeistern, der gewinnt automatisch an Ausstrahlung.

Dr. Birte Gall
Gründerin und Geschäftsführerin der Berlin School of Digital Business

Man könnte glauben, dass Charisma im Zuge der Digitalisierung überflüssig wird. Weit gefehlt! Analoge Kommunikationsfähigkeit ist so bedeutsam wie nie. Der persönliche Bezug, der im Netz fehlt, vermittelt Kunden, Kollegen und Mitarbeitern Sicherheit. Vorausgesetzt, die Glaubwürdigkeit stimmt. Wer online und offline Follower generieren will, muss für ein bestimmtes Wertesystem stehen. „So bin ich und genauso will ich sein.“ Erst wer das rüberbringen kann, wirkt authentisch und schafft Vertrauen. Zwischen dem, was wir behaupten zu sein, und dem, was wir leben, darf kein Bruch entstehen. Anders gesagt: Berufli- ches und Privates müssen stimmig sein – vor allem auf den digitalen Kanälen.

Thorsten Otto
Der Radiomoderator von Bayern 3 ist Autor des Ratgebers „Die richtigen Worte finden“ (mvg)

Jeder kennt Menschen, die ein sonderbarer Zauber umgibt. Blöd nur, wenn der Zauber beim ersten gesprochenen Wort verschwindet. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, was wir sagen, sondern wie wir es sagen! Ohne Leichenbittermiene, mit einem Augenzwinkern. Den Chef im Fahrstuhl zu treffen ist unangenehm – und das darf man zugeben. „Blöde Situation, oder? Sie sind der Chef, Ihnen fällt bestimmt ein, worüber wir reden könnten.“ Scherze auf eigene Kosten, die kommen immer gut an.

Claudia Kleinert
Die Moderatorin arbeitet auch als Coach. Ihr Buch „Unschlagbar positiv – die Charisma-Formel“ ist eben erschienen (Ariston)

Menschen begeistern, Inhalte verkaufen, in Erinnerung bleiben – das kann jeder! Man muss charmante Persönlichkeiten nur gut studieren und wissen, was sie richtig machen. Wer sich auf einer Büh- ne behaupten oder um eine Stelle bewer- ben will, sollte zuerst seine innere Einstellung überprüfen. Stehe ich hinter mir? Glaube ich selbst, was ich anderen vermitteln will? Wenn Sie der Job nicht überzeugt, wird man Ihnen das im Vor- stellungsgespräch anmerken. Wenn Sie Ihrem Lebensgefährten halbherzig Verbesserungsvorschläge unterbreiten, wird in der Beziehung alles beim Alten bleiben. Das hat viel mit Herzblut zu tun, aber auch mit Selbstsicherheit, die eben störanfällig ist. Bei wichtigen Terminen hilft: aufrecht stehen oder sitzen, Schul- tern straffen, lächeln. Wenn’s drauf an- kommt, ist Shopping übrigens kontra- produktiv. Wählen Sie Kleidung, die sich bewährt hat. Und das ist im Zweifel eher der gewohnte Hosenanzug als ein neues Kleid, das zusätzlich verunsichert.

Samuel Finzi
Der Schauspieler („Kokowääh“, „Flemming“ „Allmen“, „Der Affenkönig“) steht vor der Kamera und auf der Bühne

Für mich bedeutet Charisma, ohne viel Mühe Eindruck zu machen. Lässt sich das erlernen? Schwierig. Natürlich gibt es Techniken, die Selbstbewusstsein suggerieren, Rhetorikkurse und Haltungsübungen. Es gibt Berater, die dir er- klären, in welchem Winkel du zum Publikum oder zur Kamera stehen sollst. Aber letztlich ist das Effekthascherei. Ein Mensch mit Charisma hat eine naturgegebene Energie, die ansteckt. Wer nur auffallen will, kann sich anderer Methoden bedienen. Donald Trump ist nicht die Spur charismatisch, aber von dem Blödsinn, den er in die Welt posaunt, so überzeugt, dass ihm die Menschen scheinbar glauben. Nur die Behauptung, groß zu sein, macht einen Charakter noch lange nicht imposant.

Friederike Bellstedt-Will
Die Schauspieldozentin unterrichtet an der Folkwang Universität der Künste in Essen

Wenn man verallgemeinern könnte, was Charisma ist, würden sich vielleicht alle in dieselben Menschen verlieben. Was den einen reizt, lässt den anderen kalt. Generell wird jemand umso interessanter, je authentischer er ist. An der Uni versuchen wir deshalb, ein Bewusstsein für den eigenen Körper zu schaffen, für Stärken und Schwächen. Was kann ich gut? Was weniger? Wann hört man mir zu? Und wann schalten die Leute um mich herum ab? Ausstrahlung hat derjenige, der auf seine Fähigkeiten vertraut – und Unsicherhei- ten zulässt. Das heißt: sich nicht verstellen, die Stimme verändern oder fremde Gesten einstudieren. Wenn ich eine charismatische Figur auf die Bühne bringe, hat das etwas mit Souveränität, Offenheit und Konzentration zu tun, alles Dinge, die man trainieren kann. Wer den Atem fließen lässt, einem Blick standhält und den Körper öffnet, anstatt verschränkt dazustehen, fängt in kleinen Schritten an, andere in seinen Bann zu ziehen.

Motsi Mabuse
Die Profi-Tänzerin arbeitet auch als Tanzcoach und sitzt in der Jury von "Let's Dance"

Wenn ich um acht Uhr morgens eine sexy Rumba aufs Parkett legen muss, hängt alles von meiner Performance ab. Um andere mitzureißen, braucht man Energie, Begeisterungsfähigkeit und Präsenz. An seiner Ausstrahlung kann man arbeiten, indem man sich mit allen Sinnen auf einen Moment einlässt. Und seine Körpermitte stärkt. Das klingt vielleicht banal, aber Rumpfmuskelübungen sind höchst effektiv, wenn man Haltung und Körperbewusstsein verbessern will. Sich immer neu aufzurichten ist etwas, was ich unsicheren Menschen empfehlen würde. Und: Lass los und fürchte dich nicht zu sehr vor Kritik!

Sacha Schuette
Der Make-up Artist schminkt zum Beispiel Karoline Herfurth und Martina Gedeck

Wer schön ist, hat nicht automatisch Ausstrahlung. Auch wenn manch einer mit beiden Qualitäten gesegnet ist. Die Moderatorin Nazan Eckes zählt zu den charismatischsten Menschen, die ich kenne. Nicht weil sie toll aussieht, sondern weil sie offen und respektvoll ist. Sie gibt dir das Gefühl, dich ihr anvertrauen zu können. Attraktivität hat nicht die gleiche Macht. Auf der anderen Seite kann ein gepflegtes Äußeres helfen, ei- nen souveränen Eindruck zu machen. Man unterschätzt die Wirkung einer Frisur oder eines Lippenstifts. Ein veränderter Look setzt nicht nur bei unserem Gegenüber etwas in Gang, sondern auch in uns selbst. Er kann mutiger machen, vorausgesetzt wir verkleiden uns nicht. Gewaschenes, glänzendes Haar, ein bisschen Rouge, Mascara, Klarlack auf den Nägeln – viel mehr braucht es nicht, um zu strahlen.