Die Frauen des Christoph Waltz

Wiener Schule

Wer den österreichischen Leinwand-Giganten Christoph Waltz geprägt hat? Vor allem außergewöhnliche Frauen, wie seine Mutter Elisabeth Waltz-Urbancic. Eine Begegnung in Wien.

Veröffentlicht am 17.12.2016
Christoph Waltz.

Der zweifache Oscar-Preisträger: Christoph Waltz.


Es sind nur wenige Schritte bis zum großen Fenster. Wenn Elisabeth Waltz-Urbancic aus dem Bett steigt, kann sie sich gleich an den Zeichentisch setzen. Von dort aus blickt sie auf einen Garten mit wuchernden Bäumen, Sträuchern und Blumen, die im nächsten Frühling wieder üppig blühen werden. Es ist ihr Lieblingsplatz und der Ort, wo nicht nur sie selbst als Kind spielte, sondern auch ihr Sohn, der zweifache Oscar-Preisträger Christoph Waltz.

Bis vor Kurzem ist die 91-jährige Hausherrin regelmäßig auf die Leiter gestiegen, um die Glyzinien an der Fassade zu schneiden. Das wurde ihr jüngst von ihren vier Kindern untersagt. „Aus Polstern und Decken haben sie früher eine Zirkusmanege gebaut“, erinnert sich Elisabeth Waltz-Urbancic, während sie durch das 170 Jahre alte Anwesen im Wiener Heurigenviertel Grinzing führt. „Martin, der Älteste, war immer der Di- rektor. Nicola mimte mit einem Strumpf über Faust und Arm die Schlange. Hannes war noch klein und krabbelte in der Manege umher.“ Und Christoph, der Drittälteste? Der sei Clown oder Akrobat gewesen und habe mit Feuereifer die tollsten Kunststücke vollbracht.

„Theater, Theater, Theater, es gab nichts anderes zu Hause“, sagte Christoph Waltz einmal in einem Interview und es schwingt jener Unterton mit, für den ihn das Publikum liebt. Irgendwo zwischen feinem Sarkasmus und unerschütterlichem Stolz. Dazu diese Doppelbödigkeit und die Musikalität seiner Sprache. Zusammen mit seinem Schauspiel hat sie ihm den Weg nach Hollywood geebnet. Der Durchbruch kommt 2009, da ist er 53, mit der Rolle des diabolisch-virtuosen Judenjägers Hans Lada in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“. Der Hauch des Altmodischen, der diesen Weltstar umgibt, seine Liebe zur Sprache und ein demonstrativ zur Schau getragenes, fast schon dünkelhaftes Selbstbewusstsein – alles alte Wiener Schule, die ihm in den Genen liegt.

Großmutter Maria Mayen, Star der Wiener Burg

Seine Mutter Elisabeth Waltz-Urbancic ist drei Jahre alt, als sie das erste Mal in der Direktorenloge des Wiener Burgtheaters sitzt und ihrer Mutter auf der Bühne zusieht, der legendären Kammerschauspielerin Maria Mayen. „Die Burg“, wie die Wiener bis heute sagen, ist damals die wichtigste Theaterbühne Europas und Christoph Waltz’ Großmutter in den Zwanziger- und Dreißigerjahren einer ihrer Stars. Sie ist mit dem Psychoanalytiker Rudolf Urbantschitsch verheiratet, einem Kollegen und Freund von Sigmund Freud, der die Abende schon mal bei Familie Urbantschitsch verbringt. Elisabeth ist zehn, als sich ihre Eltern scheiden lassen. Sie studiert später Bühnenbild und -kostüm an der Wiener Kunstakademie, hospitiert in Paris und atmet dort jenen Bohème-Geist ein, den sie auch ihren vier Kindern einimpfen wird. In Deutschland arbeitet sie an den Münchner Kammerspielen mit Leuten wie Rudolf Noelte und Erwin Piscator und heiratet ihren Kollegen Johannes Waltz. Christoph ist sieben, als sein Vater überraschend an Krebs stirbt.

Um das Phänomen Christoph Waltz zu verstehen, hilft es, die Geschichte seiner Mutter zu kennen. Sie erscheint dieser Tage in Buchform: „Vier Kinder und ein Zeichentisch“ (Brandstätter) – die Autobiografie einer echten Persönlichkeit, die längst nicht die einzige starke Frau im Leben des Schauspielers ist.

Während die Mutter als junge Witwe den Familienunterhalt in München verdient, wachsen Christoph und seine Geschwister weitgehend bei der Großmutter auf. Als Grande Dame, die in Österreichs glorreiche k. u. k. Ära hineingeboren wird, legt Maria Mayen großen Wert auf Umgangsformen. Kein Wunder also, dass ihr Enkel Christoph heute durch ausgesuchte Höflichkeit auffällt und dass er das in der Filmbranche übliche Geduze bewusst ablehnt. Trotz strenger Etikette sorgt die Großmutter für eine liebevolle Atmosphäre. Mit den Enkeln geht sie sonntags oft ins Wiener Apollo-Kino zu Eiscreme und „Winnetou“ – „magische Nachmittage“, wie sich Christoph Waltz später erinnert.

„Ich habe sie sicher vernachlässigt“, sagt Elisabeth Waltz-Urbancic heute. Sie steht vor ihrem Arbeitstisch in Grinzing, auf dem sich Schwarz-Weiß-Fotografien ihrer Kinder den Platz mit Stiften und Blättern teilen – eine zarte Frau, die trotz ihres Alters eine drahtige Energie ausstrahlt. „Dadurch lernten sie aber auch früh, auf eigenen Füßen zu stehen.“

Das Spiel mit der Sprache

Christoph habe erst Arzt werden wollen, dann Architekt, erzählt seine Mutter. Auf dem Gymnasium war er nicht unbeliebt, aber letztlich undurchschaubar, ein Einzelgänger, der durch seinen Witz und seine Schlagfer- tigkeit auffällt. Nach der Matura, bei der er die Abschlussrede halten darf, besucht Christoph Waltz wie sein Bruder Martin das Max Reinhardt Seminar, experimentiert mit der Malerei und spielt Gitarre, um dann doch Schauspieler zu werden. Ihn habe, sagt er in einem Interview, der Mut für etwas anderes verlassen. Ein ty- pischer Waltz-Satz, bei dem man glaubt, für einen Augenblick hinter die Maske zu schauen, wäre da nicht dieser Hauch Ironie. Wer seiner Mutter zuhört, ahnt, wie die Sprache mit ihren feinen Nuancen und den ewigen Zweideutigkeiten im Drei-Generationen-Haus Waltz-Urbancic zelebriert worden sein muss. Als die Großmutter gebrechlich wird, bleibt Christoph zu Hause wohnen und kümmert sich mit seinen Geschwistern um sie.

Mit Anfang 20 verdient er sein erstes größeres Fernsehhonorar. Es zieht ihn nach New York ans Lee-Strasberg-Institut, Talentschmiede von Kinohelden wie Marlon Brando und Paul Newman. Seine Schwester Nicola, zu der er ein enges Verhältnis hat, studiert schon hier. Anfangs teilen sie sich ein kleines Apartment auf der West Side. Es ist Nicola, die ihren Bruder, den ambitionierten Schauspielabsolventen, stützt, als er feststellt, wie schwer der Weg nach Hollywood ist. Christoph Waltz ist fast schon wieder auf dem Sprung nach Europa, da lernt er bei einem Workshop Jackie kennen, Tänzerin und angehende Psychotherapeutin – das erinnert an seinen Großvater. Er mag Frauen, die „klug und wach sind“, sagt er einmal. Alles andere würde bei einem scharfen Denker wie ihm überraschen. Das Paar bekommt drei Kinder und zieht nach London, wo der Schauspieler sein akzentfreies Englisch schult und von wo aus er unkompliziert zu Dreharbeiten nach Deutschland reisen kann. Bei einem dieser Drehs trifft Christoph Waltz 2001, als er noch mit seiner Familie in London lebt, Judith Holste, Kostümbildnerin wie seine Mutter. Sie wird Ehefrau Nummer zwei.

Die Kunst der Inszenierung

Frauen, die die Kunst der Inszenierung beherrschen – sie begleiten das Waltz’sche Leben, und zu gern würde man mit ihm darüber sprechen. Wäre aber sinnlos. Er sei kein Beschreiber, hat er kürzlich erklärt. Sein Privatleben schirmt er ohnehin rigoros ab. Und wenn er doch mal darüber spricht, weiß man am Ende nicht, wie viel man ihm wirklich glauben darf. Schauspielern entspreche eben der Mentalität der Wiener, hat seine Mutter mal erklärt.

Elisabeth Waltz-Urbancic hat ihren berühmten Sohn unlängst in Los Angeles besucht, wo er nun – nach einer Zwischenstation in Berlin – mit seiner zweiten Frau und der gemeinsamen Tochter lebt. Mächtig stolz ist sie auf ihn und erzählt, was eine Fechtlehrerin am Max Reinhardt Seminar, die ihn und den älteren Bruder unterrichtet hat, vor 40 Jahren zu ihr sagte: Beide seien talentiert, aber der jüngere, der Christoph, werde Weltkarriere machen. Er habe sie übrigens ermahnt, nicht mehr alles selbst tun zu wollen. Sie hält sich daran, so gut es geht. Nur das Autofahren will sie sich nicht nehmen lassen. Schließlich müsse sie mindestens einmal pro Woche ins Konzert oder in die Oper.

Als sie ihren Besuch zur Tür bringt, lächelt sie und erwähnt beiläufig, dass Christoph leider auf vielen Fotos so grantig schaue. „Ich hätte es auch gern gesehen, dass er mehr Theater gespielt hätte“, sagt sie zum Abschied. Aber er ist seinen eigenen Weg gegangen. Hat sie ihm ja auch so vorgelebt.

(Text: Uwe Killing)