Nette Etiquette

Cool, Old School

Nein, früher war nicht alles besser. Aber es ging manchmal etwas netter und stilvoller zu. Wie wir das wieder hinbekommen? Ganz einfach

Veröffentlicht am 31.08.2016

Erst mal Hallo

„Guten Tag, ich bin freundlich und unbewaffnet.“ Seit Menschengedenken ist das die Essenz jedes Begrüßungsrituals. Warum also schweigen wir andere im Aufzug an, als wollten wir ihnen eins mit der Keule überziehen? Lieber Blickkontakt halten und ein Lächeln hinterherschicken. Schon möglich, dass Ihr Gegenüber Sie für irre hält. Aber vielleicht hat sie oder er ja auch diese Zeilen gelesen.

Vorlesen

Kinder sind sowieso verrückt danach. Erwachsene aber auch. Das belegen die steigenden Absatzrekorde am Hörbuchmarkt. Warum nicht mal dem Partner vorlesen? Egal ob ein Gedicht von Hilde Domin oder den Wirtschaftsteil. Wenn er den Kopf auf Ihren Brustkorb legt und dem sonoren Brummen lauscht, schafft das Nirvana-ähnliche ­ Zustände. Das Schönste daran: Danach sind Sie dran.

Bitte und Danke

Die 86-jährige Britin May Ashworth gab kürzlich bei Google folgende Suchanfrage ein: „Bitte übersetze diese römischen Ziffern MCMXCVIII, danke.“ Durch ihren Enkel erfuhr die Netzgemeinde davon und überschlug sich vor Begeisterung. „Bitte“ und „danke“! Dass es so was noch gibt … Dachte sich auch Google und veröffentlichte die Antwort noch mal extra auf Twitter: „1998. Gern geschehen.“

Mit Tinte schreiben

Der leichte Tintenschimmer beim Trocknen ist hundertmal eleganter als schmierige Kugelschreiberpaste oder Filzstift-Glyphen. Dunkelgrün ist schön, Dunkelblau ein Klassiker. Unter Schwarz leide die Füllfeder, sagen Spezialisten. Unser Favorit: der vergoldete „Excellence A Lack“ von Diplomat, ab 90 Euro.

Abkürzungen

HDL – IDA – OMG! Was das soll? Fragen wir uns auch. Deshalb: Abkürzen sollten Sie bitte nur den Heimweg.

Postkarten

Das Kind strahlt vor der Sandburg. Ein Klick, und schnell ist das Bild zusammen mit ein paar Urlaubsgrüßen per WhatsApp an Familie und Freunde raus. Null Kosten, null Aufwand. Früher verschickte man Postkarten mit vergilbten Rändern und kitschiger Palmenfolklore als gut gelauntes Lebenszeichen. Und erst das Gefühl, eine dieser Karten zu be-kommen! Die Botschaft dahinter: Du bist mir die Mühe wert. Okay, okay: Ist die Sandburg richtig toll, gibt’s eine WhatsApp-Nachricht on top.

Komplimente

Die Reaktion von Doris Durchschnitt aus Niederhinterhausen, wenn man sagt „Wow, schicke neue Birkenstocks“? Verunsicherung, Skepsis, Abwiegeln. Deutschen ein Kompliment zu machen ist ungefähr so sinnlos, wie etwas gegen ihren Thermomix zu sagen. Man kann die überschwängliche Freundlichkeit der Amerikaner für aufgesetzt halten: „I love your nail polish!“ – „Oh, thank you!“ – „Have a nice day!“ Aber es ist, als bekäme man aus heiterem Himmel einen Strauß Gänseblümchen geschenkt. Einfach so. Weil’s
Freude macht. Weil’s schön ist. Der Tag wird heller, die Schritte leichter, die Liebe größer. Die Welt ist
gut. (Apropos: Sie sind eine tolle Leserin!)

Hallo, Nachbar!

Der Albtraum eines jeden Haus­bewohners: die nächste Miet­erhöhung. Doch das Grauen lauert in der Wohnung nebenan. Wir ­huschen an unseren Nachbarn vorbei, als seien sie Zeugen Jehovas, bewaffnet mit dem „Kobold 135“ von Vorwerk. Nehmen Sie ein Glas selbst gemachte Rhabarbermarmelade und klingeln Sie gegenüber. Im schlimmsten Fall hören Sie hektische Schritte hinter der Tür und danach nichts mehr. Im besten Fall gewinnen Sie ein Wohnzimmer dazu.

Zeit für ein Kaffeekränzchen

Keine Ahnung, warum sich der Herrenstammtisch ­gehalten hat und das Damenkränzchen nicht.
Zum Glück lässt sich das gesellschaftliche Kleinspektakel (Halbwissen! Tratsch! Küchenpsychologie!) schnell und einfach wiederbeleben: den Sonntagsbrunch in den Nachmittag schieben und das selbst gemachte Granola weglassen. Stattdessen Kaffee, Kuchen, basta!

Fotoalben

Statt Fotoalben zu verschenken, packen wir tausende Familienbilder in die Dropbox. Geht fix und ist nett gemeint – aber auch so unpersönlich, wie Hochzeitseinladungen im WhatsApp-Gruppenchat zu verschicken. Ja, Bilder auszuwählen, aus­zudrucken und sorgfältig einzukleben kostet Geld und macht Mühe. Hin und wieder Zeit in schöne Erinnerungen zu investieren macht aber auch glücklich. Einen selbst und andere.

Platten auflegen

Dieses warme Knistern, der Moment, wenn man die Nadel senkt, und dazu das leichte Leiern. Sorry, Apple und Spotify, aber manche Songs kann man nur auf Vinyl hören, zum Beispiel Motown-Funk à la Marvin Gaye oder die Folkhymnen von Simon & Garfunkel. Am besten auf dem guten ­alten Technics 1210.

Pfeifen

Nicht auf die Leute. Lieder!

Kirchgang

Muss ja kein Gottesdienst sein. Aber diese kühle, von Weihrauch durchzogene Stille macht was mit einem. Sie werden sehen. Einfach eine Weile auf der Holzbank sitzen und zur Abwechslung nicht so hart zu
sich sein (das erledigt ja schon die Bank).

Cocktailstunde

Praktisch geht anders. Aber stilecht gehört grüner Tee in japanischen Chawan-Bechern aus Arita-Porzellan serviert. Genau wie Mokka in der Demitasse (mit Unterteller!). Und Sekt in Kristallflöten (schon Dom Pérignon wusste, dass Schaumwein durch Fingerwärme am Kelch nicht schmeckt). Und wo wir schon beim Thema Alkohol sind: Was ist eigentlich aus der guten alten Cocktailparty geworden? Für das ultimative „Mad Men“-Feeling empfiehlt sich ein Old Fashioned, der Ur-Cocktail seit Jerry Thomas’ Bar-Handbuch „How to Mix Drinks“ von 1862.

Zutaten: 1 Zuckerwürfel, 2 Spritzer Angostura, etwas Soda, 6 cl Bourbon oder Rye Whisky, gestoßenes Eis, Zitronen­zeste.

Zum Servieren: Edle Tumbler verwenden, etwa aus der „Mixology“-Kollektion von Waterford.