Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Das haarige Wunder

York Pijahns Freundin lässt sich die Haare wachsen. Das heißt für ihn: Vorsichtig sein.

Frau Friseur Haare


Ich habe eine sehr schöne Freundin. Mit sehr schönen kurzen Haaren. Als ich sie vor sechs Jahren kennenlernte, sah sie neben jeder langhaarigen Frau aus wie ein sexy Cyborg, der in ein Rudel Plumpsack spielender Hobbits geraten war. Sie war spektakulär. Ich bin ein großer Fan von Frauen mit kurzen Haaren, ich bin ein großer Fan meiner Freundin. Und jetzt lässt sie sich die Haare wachsen.

Sie probiert das alle zwei Jahre; mit einem Hauruck-Enthusiasmus, den man von abnehmwütigen Dicken kennt, die nicht nur auf Kokosnussschokolade verzichten und öfter Rad fahren, sondern sich gleich für den Ironman-Triathlon auf Hawaii anmelden. Meine Freundin will Haare bis zum Hintern. Sie nennt das „Solche Haare!“ und macht dazu irre Wasserfallbewegungen mit den Fingern. „Das ist einfach weiblich“, wobei sie ihre fiktive Haarmatte durch den Raum schwingt wie in einem Milli-Vanilli-Video.

In vier Phasen zum bockigen Bob

Meine Freundin durchläuft dann vier Phasen. Die Spangenphase, in der ihre Haare zwar noch keinen Millimeter gewachsen sind, sie ihre Haare aber – als Startsignal an die Kopfhaut – mit Spangen und Nadeln am Kopf festklemmt. Es gibt Tage, da sieht man mehr Spangen als Haare. Das ist nix, was man so direkt ansprechen sollte. Die Tankwartphase, in der sie sich bunte Tücher in die Haare knotet, mit denen sie im besten Fall wie ei­ne Kibbuz-Traktoristin aussieht. Und im schlimmsten wie eine burschikose Tankwartfrau, die bei der Arbeit Pfeife raucht und sich Chuck nennt. Die Friseurphase, während der sie in extrem hoher Frequenz zum Friseur geht, der aber natürlich nix abschneiden darf, sondern, so vermute ich, eher mit ihr spricht und beruhigende Brummgeräusche macht. Für alle Phasen gilt: Meine Freundin hat extrem schlechte Laune. In den letzten Jah­ren habe ich – Wahnsinn, wie naiv ich da noch war – vorgeschlagen, die Haare einfach wieder abzuschneiden. Keine gute Idee. Bei meiner Freundin führt das jedes Mal zu Trotz – und der vierten Phase des Haarwuchsprojekts: Sie legt sich eine Frisur zu, die ich für mich den „bockigen Bob“ nenne. Eine nach allen Seiten ausgreifende, tierheimhundhafte Nichtfrisur, die der Welt zeigen soll, dass hier jemand einfach mal sein Ding macht. Den bockigen Bob trägt meine Freundin mit einem Haarreif, der sie aussehen lässt wie einen muffigen Teenager, der im Wartezimmer eines Kieferorthopäden hockt.


Aber wie gesagt, den Fehler, „Schneid sie doch wieder ab“ zu sagen, mache ich nicht mehr. Stattdessen benutze ich etwas, was ich das Mon-Chéri-Lob nenne. Man beißt nichtsahnend in Schokolade und wird von einer Ladung fuselig schmeckendem Likör überwältigt. „Du hast jetzt hinten schon einen spitzen Zopf – schade, dass er deinen femininen Haaransatz verbirgt, der mich an eine dänische Kunstturnerin erinnert.“ Das lässt meine Freundin immer zusammenzucken. Super auch: „Du siehst aus wie Susan Sarandon. Extrem gut aussehende Frau, vor allem wenn man bedenkt, dass sie bald 70 wird.“ Oder: „Ist sicher erleichternd, nicht mehr dauernd mit Robin Wright aus ‚House of Cards‘ verglichen zu werden, sondern von der Frisur her das Signal zu senden: Hier ist eine Mutter in den besten Jahren, die einfach mal einen bequemen Allwetterzopf trägt.“

Okay, Allwetterzopf war vielleicht einer zu viel, ich wurde fast geschlagen. All das ist jetzt zehn Tage her, der bockige Bob hängt an allen Seiten und meine Freundin sagt, sie wolle kommende Woche zum Friseur. „Was Neues ausprobieren.“ Was das Codewort für „Haare wieder kurz“ ist.


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