Raus aus der Mid-Career-Crisis

Das Leben neu denken

Endlich einen Job mit Sinn – diesen Wunsch hegen immer mehr Menschen und entschließen sich für eine zweite Karriere ab Mitte Dreißig. Wenn nötig auch ohne Geld und Prestige.

Maria Christina Gabriel

Hochgefühl: Menschen zu helfen macht Maria Christina Gabriel glücklicher als die Arbeit in der Medienbranche.


„Das Schönste an meinem Job ist, dass sich der Stuhl dreht.“ 9,99 Euro kostet der Kaffeebecher mit diesem Spruch. Er soll müde Arbeitnehmer durch den Tag retten. Wer sich Morgen für Morgen ins Büro schleppt, kann es mit Humor versuchen. Oder eine ehrliche Rechnung aufstellen: 2900 Tage verbringen wir im Schnitt im Beruf. 70000 Stunden, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen, wenn man im Job keine Erfüllung findet.

Judith Mangelsdorf ist Diplompsychologin und geht am Berliner Lehr- und Forschungszentrum für Positive Psychologie der Frage nach, was das Leben lebenswert macht. „Ein Drittel aller Menschen arbeitet nur, um Geld zu verdienen“, sagt sie. Die Zahl stamme aus Yale, wo man auch herausgefunden hat, dass das zweite Drittel im Büro ranklotzt, um Karriere zu machen. Und der Rest? „Erlebt den Beruf als Berufung“, so Judith Mangelsdorf. „Psychologisch betrachtet ist ein Job erfüllend, wenn er uns das Gefühl gibt, etwas Wertvolles für andere oder einen höheren Zweck zu leisten.“ Theoretisch, so die Expertin, könne jede Tätigkeit sinnstiftend sein. In der Praxis entscheiden sich aber immer mehr Menschen für einen Beruf mit klarem gesellschaftlichem Mehrwert.

Mitten in der Mid-Career-Crisis

Die Suche nach einem Job mit Sinn treibt vor allem Menschen um, die mitten in der Mid-Career-Crisis stecken. Maria Christina Gabriel war eine davon. Nach dem Studium arbeitet die heute 34-Jährige bei Magazinen. Design, Architektur und Wohnen sind ihre Themen. Die Suche nach schönen Fotos und Produkten bestimmt den Alltag: „Das hat mir gelegen, aber manchmal fühlte ich mich leer.“ Um Deadlines einzuhalten, eignet sie sich einen „eher männlichen Leistungsethos“ an – strukturiert vorgehen, stark sein, abliefern. Maria Christina Gabriel passt sich ihrem Umfeld an.

Irgendwann kann sie ihre innere Stimme nicht mehr ignorieren und erkennt, was sie will: Menschen ermutigen und stärken. Die Tochter einer Astrologin vertraut auf ihre Talente: „Empathie, Kom- munikation, Feinfühligkeit.“ 2014 macht sie sich als Mentorin selbstständig. In Gesprächen hilft sie anderen, deren Berufung nachzuspüren, und kann bald davon leben. Bin ich glücklich oder nur bequem? Wer will ich sein? Wo will ich hin? Die großen Fragen beschäftigen ihre Klienten – aber eigentlich eine ganze Generation.

„Menschen zwischen 15 und 35 sind heute nicht mehr bereit, ihr Leben der Arbeit unterzuordnen“, hat Judith Mangelsdorf festgestellt. „Die Generation Y sucht nach sinnerfüllter Arbeit, die ihr Raum lässt, Lebensträume zu verwirklichen.“ Dafür spricht der Erfolg von talents4good.org, der ersten deutschen Personalvermittlung für Jobs im sozialen Bereich. „Der Zulauf von Unternehmen und Bewerbern ist groß“, sagt die 35-jährige Mitbegründerin und Geschäftsführerin Anna Roth-Bunting. „Selbst Fach- und Führungskräfte, auf die wir spezialisiert sind, fragen sich: Was mache ich hier eigentlich? Und wem nützt das?“

Typische Auslöser des Sinneswandels: das erste Kind

Gerade nach einschneidenden Erlebnissen wie Scheidung, Krankheit oder der Geburt des ersten Kindes sehnten sich gut ausgebildete Leute nach einem Beruf, der mehr hinterlasse als ein volles Konto. Brotlos sei ein gemeinnütziger Job aber keinesfalls, stellt Roth-Bunting klar. Viele soziale Organisationen seien in Sachen Bezahlung nah an Unternehmen dran.

Saskia Bruysten (l.) und Sophie Eisenmann

Doppelt gut: Saskia Bruysten (l.) und Sophie Eisenmann machen heute sich und andere glücklich.


Dass sich wirtschaftliches und humanes Handeln nicht ausschließen müssen, haben auch Saskia Bruysten und Sophie Eisenmann, beide 36, erkannt. Früher waren sie das, was man high performer nennt: BWL-Studium, Auslandsaufenthalte, gut bezahlte Beraterjobs. Es war ein vielversprechendes Leben, das in geraden Linien verlief, aber am Ende keinen rechten Sinn mehr ergab. „Wer in der freien Wirtschaft arbeitet, kann nicht übersehen, wie ungleich Reichtümer verteilt sind“, sagt Saskia Bruysten. Ihr sei schließlich klar geworden, wie übervoll ihr Glückskonto sei und dass sie gern etwas zurückzahlen würde. Ex-Kommilitonin und Freundin Sophie Eisenmann kam damals zum gleichen Schluss: „Nach vier Jahren im Siemens-Consulting hatte ich das Gefühl, viel gelernt, aEber nichts bewirkt zu haben.“

„Dafür lieben wir, was wir tun“

Eine Begegnung mit dem Wirtschaftsprofessor und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus aus Bangladesch bringt Klarheit. Als einer der Begründer des Mikrofinanz-Gedankens inspiriert er die Businessfrauen zu einer ambitionierten Idee: „Wir investieren in Sozialunternehmer in Entwicklungsländern und verschaffen den Ärmsten der Welt Zugang zu Energie, sauberem Trinkwasser, Nahrungsmitteln und eigenem Einkommen.“ Das Trio gründet Yunus Social Business. Als sogenannter Social Business Venture Capital Fond gewährt die gemeinnützige GmbH sozialen Unternehmen aus aller Welt bezahlbare Kredite. „Das Geld ist geliehen, nicht geschenkt“, sagt Sophie Eisenmann. Das sei den Kreditnehmern genauso wichtig wie den Investoren.

Was sie der Kapitalismus gelehrt hat, setzen Saskia Bruysten und Sophie Eisenmann heute in einem anderen, sinnvolleren Kontext ein. Sie finanzieren zum Beispiel ein ugandisches Unternehmen, das Schulen im Land mit sauberem Wasser versorgt. Oder argentinische Kartoffelbäuerinnen, die Rücklagen für ihre Familien bilden. Die Yunus-Gründerinnen selbst übernachten heute nicht mehr in schicken Hotels, „sondern bei Freunden auf der Couch. Dafür lieben wir, was wir tun.“

Die Sehnsucht nach neuen Aufgabe

Bleibt die Frage, wie umsetzbar der Wechsel vom Durchschnittsarbeitnehmer zum Weltverbesserer ist. Wenn weder Startkapital noch Wagemut vorhanden sind, braucht es kleine Schritte. „Sich ehrenamtlich zu engagieren ist ein Anfang und macht auf Arbeitgeber Eindruck“, sagt Jobvermittlerin Anna Roth-Bunting, warnt aber davor, sich aus einer Laune heraus im sozialen Sektor zu bewerben. Das wirke unfokussiert. „Für potenzielle Umsattler bieten wir Intensiv-Workshops an, die Einblick in den Sektor und Entscheidungshilfe gewähren.“ Ähnlich funktioniert On Purpose: ein einjähriges Programm für Fach- und Führungskräfte, die Erfahrung im Social-Enterprise- und Nachhaltigkeitssektor sammeln wollen. Wer nach zwei bezahlten sechsmonatigen Arbeitseinsätzen, diversen Trainingseinheiten, Mentoring-Programm und Coaching feststellt, dass der Job mit Sinn nicht zwingend sozial sein muss, hat nichts verloren – außer Zeit.

Patricia Woerler-Horzon

Art-Direktion und Medizinstudium – ein Knochenjob, den Patricia Woerler-Horzon da meistert.


Auch Patricia Woerler-Horzon hat sich für einen „sanften“ Umstieg entschieden. Die Art-Direktorin lebt ein Leben, wovon viele träumen: Berlin, schicker Altbau, Vorzeigejob – „Ich wollte am Puls der Zeit sein“. Nach dem Studium am berühmten Londoner Central Saint Martins College steht ihr die Designwelt offen. Das funktioniert, bis sie die Mittedreißig-Marke knackt. „Da war eine wachsende Sehnsucht nach einer neuen Aufgabe, einer wertvollen“, so beschreibt es die 40-Jährige. Als sie ihren Sohn eines Tages in die Notaufnahme bringen muss, erinnert sich Patricia Woerler-Horzon, dass sie Medizin schon als Kind faszinierend fand, „aber lange fehlte mir dafür die Ernsthaftigkeit“. Sie schreibt sich nebenberuflich für ein Studium ein. Und pendelt ab sofort zwischen Home-Office, Campus, Uniklinik und Kinderhort. „Das kostet Kraft, aber der Umgang mit Patienten berührt mich. Wenn ich an die Zukunft denke, sehe ich Chancen. Für mich und für andere.“

Text: Ina Küper-Reinermann


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