Das Phänomen Onsen

Abtauchen auf Japanisch

Baden für die Schönheit und die Entspannung hat in Japan eine lange Tradition. Frauen besuchen dort seit Jahrhunderten die heißen Quellen des Landes: die Onsen.

Veröffentlicht am 19.01.2017
Das „Takaragawa Onsen“ Resort.

Alles fließt: Das „Takaragawa Onsen“ ist ein Resort am gleichnamigen Fluss.


Baden für die Schönheit und die Entspannung – in Japan hat das eine lange Tradition. Frauen gehen dort seit Jahrhunderten ins Onsen, um den Körper gesund und den Geist frisch zu halten. Onsen bedeutet „heiße Quelle“ auf Japanisch, ist aber viel mehr als nur warmes Wasser. Einem alten Volkslied nach kann ein Onsen alles heilen, nur die Liebe nicht. Für die Japaner sind die Quellen zudem eng mit verschiedenen Göttern verbunden.

Im Land der aufgehenden Sonne gibt es jede Menge Möglichkeiten abzutauchen, in insgesamt 30.000 Thermalquellen in mehr als 3000 Kurorten. Dabei scheint das Wasser direkt aus der Hölle zu kommen: Es ist heiß – meistens etwa 42 Grad – und vor allem reich an Mineralien wie Schwefel, Eisen, Calcium oder Kupfer. Deshalb taucht man mal in rostrotes, mal in weißes, dunkelbraunes oder kobaltblaues Wasser ein. Vor dem Badegenuss gibt es allerdings einiges zu beachten.

Zuerst: die gründliche Reinigung

Zunächst einmal geht niemand in Bikini oder Badeanzug in einen japanischen Wellness-Tempel, sondern splitterfasernackt – außer man landet in einem „konyoku“, einem traditionellen, gemischten Bad. Wichtig bei beiden Varianten: die gründliche Reinigung davor. Dabei sitzt man in offenen Kabinen – Schamgefühl sollte man im Onsen mit der Straßenkleidung ablegen und wegsperren – auf einem winzigen Plastikschemel mit Loch in der Mitte und wäscht sich gründlich von Kopf bis Fuß. Einen Bottich warmes Wasser zum Abspülen von Schaum und Dreck über den Kopf kippen, dann darf man (mit hochgesteckten Haaren!) ins Becken. Tattoos tragen in Japan Mitglieder der Yakuza, der Mafia, und neben denen will und kann man nicht entspannen. Deshalb mussten Touristen ihre Körperkunstwerke bislang mit hautfarbenen Pflastern abdecken. Mittlerweile denkt die Regierung in Tokio aber netterweise darüber nach, die Vorschriften für ausländische Gäste zu lockern.

Das Benehmen im Wasser hingegen ist nicht verhandelbar: Reden ist erlaubt, Schwimmen nicht. Dazu sind die Becken eigentlich auch viel zu flach. Trotzdem versuchen es Onsen-Neulinge, sehr zum Erstaunen der einheimischen Badbesucher, immer wieder. Die eigentliche Entspannung im Wasser dauert nur etwa 15 Minuten. Die Zeit reicht aber, um in aller Ruhe durch den aufsteigenden Dampf den Blick zu genießen – je nach Badeanstalt auf den Fujiyama, historische Tempel, verschneite Hänge oder einen rauschenden Wasserfall.

Die Heilwirkung der heißen Quellen

Das rituelle Eintauchen in heißes Wasser sei eine Reinigung der Seele, schwärmt Professor Matsuda Tadanori von der Sapporo International University. Japans Onsen-Forscher Nummer eins untersucht seit fast 20 Jahren die physischen und psychischen Benefits der Badekultur. So stimulieren die verschiedenen Mineralien offenbar den Hormonhaushalt, das heiße Wasser lässt Herzfrequenz und Blutdruck zunächst steigen, dann greift das Nervensystem regulierend ein und der Körper kann regenerieren. Muskelentspannung, eine verbesserte Durchblutung, die Reduktion von Stresshormonen und eine schöne Haut sind nur ein paar positive Effekte des regelmäßigen Abtauchens. Mindestens einmal pro Woche suchen die meisten Einheimischen eine der heißen Quellen auf. Welche die schönsten sind? Darüber können selbst die höflichen Japaner aneinandergeraten. Professor Onsen, wie Tadanori genannt wird, erklärt das „Noboribetsu Onsen“ in der Präfektur Hokkaido zu seinem Favoriten. Hier sprudeln gleich neun verschiedene Wassersorten aus der bizarren Vulkanlandschaft. Chika Kolar aus Kyoto, die jetzt in München lebt, hat einen anderen Favoriten: „Das „Kusatsu Onsen“ in der Präfektur Gunma hat die heißesten Quellen. Bis zu 95 Grad heißes Wasser wird dort erst mit Holzpaddeln bewegt und dabei auf (immerhin noch) 48 Grad runtergekühlt.“ Allein diese „yumomi“ genannte Zeremonie sei schon ein Erlebnis.

Seit zehn Jahren lebt Chika Kolar in Deutschland und besucht die heißen Quellen Japans nur im Urlaub. Dazwischen sind Kurbäder wie das Jod-Schwefel-Bad in Bad Wiessee, das historische Friedrichsbad in Baden-Baden und die Adelindis-Therme in Bad Buchau ihre Lieblingsorte. Mindestens einmal pro Jahr reist die Wahl-Münchnerin aber nach Beppu oder Noboribetsu, um in einem „ryokan“, einem traditionellen Gästehaus, zu übernachten und in den dazugehörigen Bädern zu relaxen. Oftmals haben Hotelzimmer in diesen Unterkünften gar kein eigenes Badezimmer – die würden vermutlich sowieso nicht benutzt. Im Restaurant bekommt man „onsen-manju“ serviert, süße, mit Bohnenpaste gefüllte Küchlein, die in Thermalwasser gedämpft werden und dadurch eine dunkelbraune Farbe annehmen. Oder die berühmten Onsen-Eier, die in den heißen Quellen gegart werden.

Wir müssen den Japanern einfach zustimmen: „Î yu dana“ – heiße Quellen sind großartig!

So geht Onsen:

  1. Erste Herausforderung für Besucher ist, das Onsen zu finden. Auf Karten sind die heißen Quellen als offener Kreis mit drei senkrechten Wellenlinien darüber gekennzeichnet. Die Frauenumkleide ist rot, die für Männer blau.
  2. Die Schuhe, „getas“, müssen vor der ersten Stufe zum Bad ausgezogen werden.
  3. Es wird sitzend geduscht, nicht im Stehen! Gründlich abspülen.
  4. Das große Badetuch ist zum Abtrocknen gedacht, das kleine weiße „tenugui“ zum Schweißabwischen im Becken.