Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Der Babyjoker

Bevor Sie vor Rührung Tränen vergießen – Vorsicht. Männer wissen: Sich als Vater um sein krankes Kind zu kümmern pusht die Karriere. York Pijahn bleibt deshalb gern zu Hause

Veröffentlicht am 25.11.2016

Karrierekiller Kind? Nicht für die neuen Väter!


Seit ich mit meiner Freundin ein Kind habe, gibt es einen Zettel, der über Leben und Tod entscheidet. Darüber, ob meine Woche toll wird. Oder eine Wattwanderung durch die Hölle. Der Zettel ist in optimistischer Sozialpädagogenschrift beschrieben und hängt am Eingang des Kindergartens, wo wir unseren Sohn jeden Morgen abliefern. Auf dem Zettel stehen die Namen der Krankheiten, die zurzeit dort grassieren. Ich nenne ihn die Todesliste. Es gibt in Kindergärten ungefähr so viele Krankheiten wie in der Kanalisation von Kalkutta: „Wir haben Maul- und Klauenseuche, Masern, Windpocken, Läuse, Scharlach“ steht da zum Beispiel. Oder „Magen-Darm-Grippe, Röteln, Mumps“. Sie haben eigentlich permanent alles. Man liest diesen Zettel und fängt sofort an, sich zu kratzen.

Weil unser Sohn pausenlos Krankheiten von der Todesliste aufliest und dann nicht in den Kindergarten darf, muss entweder meine Freundin mit ihm zu Hause bleiben und von dort aus arbeiten. Oder eben ich. Der „Mad Men“-Macho in mir hofft immer, dass meine Freundin irgendwie freiwillig zu Hause bleibt. Weil sie es mit ihrer Mutterehre nicht vereinbaren kann, ein Kind in Not zurückzulassen. Aber leider, leider hat meine Freundin ein Herz aus Granit. Und findet, „dass auch du mal deinem Chef sagen kannst, dass du zu Hause bleibst, weil das Kind erkältet ist und ich nicht immer die Arschkarte ziehen will. Nice try übrigens mit der Mutterehre, du hattest mich beinahe.“

Und so sitze ich regelmäßig pampig zu Hause statt im Büro, während unser Sohn, kaum raus aus der Lepra-Baracke von Kindergarten, auffallend gesund durch die Wohnung marodiert. So lief es bei uns viele Monate – bis mir mein Kumpel Felix, Vater einer dreijährigen Tochter, einen genialen Psycho-Schachzug beigebracht hat, der laut Felix unter arbeitenden Vätern zurzeit der Karriere-turbo ist. Trommelwirbel: der Babyjoker. Während Telefonkonferenzen an Homeoffice-Tagen sperre ich unseren Sohn nicht mehr in einen schalldichten Raum. Sondern nehme ihn auf den Schoß und lasse ihn krakeelen und mit Sachen schmeißen. Manchmal trete ich absichtlich etwas Rumpelndes durch die Wohnung. Das Klangbild macht jedem Telefongesprächspartner klar: Dieser Übermann kümmert sich nicht nur um seine Arbeit. Nein! Er stemmt sich dem Kinderchaos entgegen und bäckt wahrscheinlich morgens noch Dinkelbrot in Herzform, dieser geile Typ. Er hilft seiner Frau bei ihrer Karriere, weil er auf eine so umwerfende, selbstlose Art gleichberechtigt ist. Manchmal muss ich fast ein bisschen weinen vor Rührung.

Während Frauen, die wegen ihres kranken Kindes regelmäßig zu Hause bleiben, laut meiner Freundin „als verpeilte Muttis und latent unzuverlässige Sabberlatz-Ladys durch die Betriebshier­archie purzeln wie Gepäck, das von einem abfahrenden Zug rutscht“, ist es für Männer, kein Witz, genau umgekehrt. Der Babyjoker bringt einem so viel Sozialpunkte und Kollegensympathie, als hätte man die Patenschaft für mehrere Dritte-Welt-Dörfer übernommen. Man ist für immer bei den Guten gelandet. Einer meiner Chefs, Vater von drei Kindern, hält mich mittlerweile für Gandhi.

Während meine Freundin vor Arbeitsbeginn zwanghaft darauf achtet, keine halb gekauten Speisereste von unserem Sohn an der Kleidung zu haben, habe ich mich bei dem Gedanken erwischt, ob es eigentlich karrierefördernd für mich sein könnte, meine Kleidung dezent mit Leberwurstresten zu dekorieren. Ich werde das morgen vor dem Spiegel mal testen. Unser Sohn ist nämlich krank. Und ich Glückspilz bleibe zu Hause.