Ein Startup gründen

Der Boss bin ich

Zwei von fünf Unternehmen werden inzwischen von Frauen gegründet. Vom Vergnügen – und den Schwierigkeiten –, sein eigenes Ding zu machen.

Veröffentlicht am 19.08.2016

Die Idee: Ein Online-Kunsthandel

Lea Lange, 27, gründete Ende 2013 Juniqe, einen Online- Shop für junge und urbane Kunst. Die Idee dazu kam ihr beim Einrichten ihrer Berliner Wohnung. Was hängt man an die Wand? Auf Ikea, "den größten Kunsthändler der Welt", hatte sie keine Lust, "die Motive sieht man doch in jeder zweiten Wohnung". Teure Galerien und billige Poster-Shops gab es viele, aber dazwischen – nichts! 

Woher kam das Geld?
Durch frühere Jobs und über Freunde hatte Lea Lange Kontakt zu sogenannten Business Angels. Dieses Netzwerk nutzte sie: "Wir präsentierten unsere Idee, die man so überzeugend fand, dass wir einen sechsstelligen Betrag einsammeln und zeigen konnten, dass das Konzept funktioniert." Im Januar 2014 ging juniqe.com an den Start, bereits ein halbes Jahr später stiegen weitere Investoren ein. "Inzwischen haben wir 35 Mitarbeiter und bieten Werke von 300 Künstlern an." Und täglich werden es mehr, weil Lea Langes Leute ständig die Szene nach neuen Talenten durchforsten. 

Kunstfrau: Die Hamburgerin Lea Lange hat nach ihrem Studium bei einem Online-Shopping-Club gearbeitet. Davon profitiert sie heute.


Größter Albtraum in der Gründungsphase?
"Das ganze Computer-Thema", stöhnt Lea Lange. Da niemand von ihnen einen IT-Background hatte, heuerten sie externe Programmierer in der Ukraine an – das war günstiger als Fachleute vor Ort. Sie kommunizierten per Skype und in holprigem Englisch, eigentlich schon kompliziert genug. "Und in der Phase, in der wir einen Optik-Relaunch der Seite geplant hatten, war eine Woche lang der zuständige Mitarbeiter abgetaucht." 

Das bescheuertste Vorurteil über Gründerinnen?
Der Klassiker: Frauen auf dem Chefsessel? Muss man nicht ernst nehmen. "Dabei gibt es so viele, die Beachtliches auf die Beine gestellt haben. In Deutschland beispielsweise die Dawanda-Gründerin Claudia Helming", sagt Lea Lange. 

Ziele für die Zukunft?
Schon jetzt macht Juniqe 40 Prozent des Umsatzes in anderen Ländern, das soll weiter ausgebaut werden. Nur ihre Work-Life-Balance muss besser werden: "Ich arbeite sechs Tage die Woche und hatte letztes Jahr gerade mal fünf Tage Urlaub."

Prognose*: Die Gründerin beherrscht die Spielregeln für einen erfolgreichen Web-Auftritt. Entscheidend wird sein, ob es auf Dauer gelingt, die Kunden im Internet zu akquirieren. 

Die Idee: Ein Jobportal für Teilzeitstellen

Die Berlinerinnen Anna Kaiser, 31, und Jana Tepe, 28, gründeten im Oktober 2013 die Jobsharing-Plattform Tandemploy. Auslöser war der Moment, als in ihrer früheren Firma eine "Doppel- Bewerbung" auf ihrem Schreibtisch landete. "Zwei Frauen wollten sich zusammen eine Vollzeitstelle teilen", erinnert sich Anna Kaiser. Sich einen Job teilen? Dieser Gedanke ließ sie und ihre befreundete Kollegin nicht mehr los. Sie sprachen mit Unternehmern und Arbeitgebern und starteten eine Online-Umfrage. Das Ergebnis: Jobsharing gab es bis dahin in Deutschland nur als Zufallsprodukt. Der Charme dieses Prinzips: "Bei uns finden Menschen einen perfekten Partner, mit dem sie sich einen Job teilen können, und treffen auf Unternehmen, die Jobsharing offen gegenüberstehen", erklärt Jana Tepe. Zwei Angestellte bedeuten schließlich doppelt so viel Energie und Wissen. Urlaubslücken und Krankheitsausfälle kann der andere füllen. Anna Kaiser verspricht: "Wenn sich zwei Mitarbeiter eine Stelle teilen, hat der Chef am Ende 150 Prozent Arbeitskraft."

Perfect Match: Anna Kaiser (links) und Jana Tepe (rechts) leben ihre Jobsharing-Vision vor: Sie teilen sich den Chefposten.


Ist die Tandemsuche wie Online-Dating? 
Die Online-Plattform ist für Bewerber gratis. Sie füllen einen Fragebogen aus, der auch Wünsche bei der Arbeitszeit berücksichtigt. "Passen zwei Bewerber zusammen, gibt es ein Match – ja, wie beim Online-Dating", erklärt Anna Kaiser. "Die beiden lernen sich kennen und entscheiden selbst, ob sie sich auf eine Tandemstelle bewerben." Unternehmen wiederum bezahlen für eine individuelle Jahresmitgliedschaft.

Woher kam das Geld?
Durch das EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie hatten die beiden Berlinerinnen 100000 Euro zur Verfügung und konnten ein Jahr lang die Plattform programmieren und Business Angels suchen. Dann stellten sie auf startnext.de ihre Idee vor und sammelten weiteres Geld über Crowdfunding.

Ihr Motto:
"Egal, wie ernst und kritisch es manchmal ist – wenn wir uns nicht mehr jeden Tag auf unsere Arbeit freuen würden, dann würden wir morgen aufhören", sagt Anna Kaiser.

Prognose*: Tolle Idee, weil es immer schwieriger wird, qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen. Angebot und Nachfrage bzw. zwei Arbeitnehmer zusammenzubringen ist zeitgemäß. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, ausreichend Arbeitgeber als Kooperationspartner zu finden. Denn so finanziert sich das Unternehmen. 

Die Idee: Eine App, die den Zyklus berechnet

Ihre erste Firma hatte die Dänin Ida Tin mit 18. Sie startete ein Schmucklabel in London, eigentlich nur ein Schulprojekt, aber es lief so gut, dass sie quasi aus Versehen Unternehmenschefin wurde. Die Branche lag ihr nicht, sie besuchte die berühmte Querdenker-Businessschule Kaospilots in Aarhus und baute später eine Agentur für Motorradtouren auf. Nach fünf Jahren an deren Spitze wagte sie ein Experiment: Ein Jahr lang fuhr sie allein mit dem Motorrad durch den Südwesten der USA. Dabei dachte sie viel über sich und ihren Körper nach, auch über die Pille, die sie so gar nicht vertragen hatte. Später habe sie viel recherchiert, "bis mir klar wurde, dass seit der Erfindung der Antibabypille in den 1950er-Jahren nicht viel passiert ist. Ich dachte: Wie wäre es, mithilfe von Technik auf einen Blick sehen zu können, ob man gerade fruchtbar ist oder nicht?"

Im "Tin Tank": Ida Tin zusammen mit Kollegen in der Berliner "Firmenzentrale".


Wie die Idee ins Rollen kam:
Sie lernte bei einer Internet-Konferenz Hans Raffauf kennen, der schon länger in der Start-up-Szene aktiv war. Sie wurden ein Paar, bekamen ihr erstes Kind, Elliot, und gründeten Ende 2012 in Berlin das Start-up BioWink. Aus Ida Tins Idee war auch dank der digitalen Revolution ein konkretes Geschäftsmodell geworden: "Clue", eine kostenlose App, die Frauen hilft, ihren Zyklus zu verfolgen.

Digitale Verhütung – funktioniert das?
Die Nutzerin gibt täglich Details zu ihrem Zyklusverlauf, ihrer Stimmung und sexuellen Aktivität ein und erhält einen detaillierten Überblick über fruchtbare und unfruchtbare Tage. Einschränkung: Hundertprozentige Sicherheit hat man mit "Clue" (noch) nicht.

Größter Frust in der Anfangsphase?
"Investoren, die unsere Idee zwar großartig fanden, aber dann doch kein Geld herausrückten."

Das Gute an der eigenen Firma? 
Ida Tin, inzwischen zweifache Mutter, hat beobachtet, dass vor allem im Silicon Valley mehr und mehr Start-ups von Paaren gegründet werden: "Meiner Meinung nach der ideale Weg für Frauen, ihre Business-Ideen zu verwirklichen und gleichzeitig eine Familie zu gründen."

Prognose: Die App setzt auf den Trend "quantified self ", die fortlaufende Messung von Gesundheitsdaten. Entscheidend wird sein, ob es dem Gründerteam gelingt, Investoren (sind fast ausschließlich Männer) vom Produktnutzen zu überzeugen.

Gründerzeit! Die neue Lust am Unternehmertum

Was ist ein Start-up?

Unternehmen, die sich noch in der Gründungsphase befinden. Allerdings ist damit nicht der neue Blumenladen an der Ecke gemeint, es muss schon eine innovative Idee dahinterstecken. 2012 gab es 346 400 Neugründungen, etwa ein Drittel davon durch Frauen. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 35 Jahren. Über die Hälfte sieht im eigenen Business eine attraktive berufliche Alternative. Zu Recht – fast die Hälfte der Start-ups erzielte 2013 einen Jahresumsatz von mehr als 250 000 Euro. Hotspot der Szene: Berlin. Günstige Mieten, Investoren in Geberlaune, außerdem ist die Stadt voller junger Leute, die unkonventionelle Jobs suchen.

Wie kommt man an Geld?


Möglichkeiten gibt es einige, hier nur ein paar:
Eigenkapital: Rund 80 Prozent der Gründer investieren erst einmal eigenes Geld in die Firma.
Business Angels: Wohlhabende Privatleute, die Know-how und Kapital in vielversprechende junge Unter-nehmen in der Gründungsphase stecken und dafür Anteile erhalten. Crowdfunding Eine beliebte Möglichkeit der Finanzierung, bei der viele Geldgeber, die crowd, ein Projekt unterstützen. Wird meist übers Internet organisiert.

Wo kann man sich inspirieren lassen?
Einen guten Einblick geben die Autoren des Buches "New Business Order" (Hanser, 19,90 Euro). Christoph Giesa und Lena Schiller Clausen haben eine Menge Erfahrung in Sachen Start-ups, Segen des Scheiterns inklusive. Mehr Informationen unter existenzgruender.de. 

*Von der Berliner Gründertrainerin Julia Derndinger