Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Der Dauermieter

Unser Autor ist der Letzte in seinem Freundeskreis, der immer noch zur Miete wohnt. Muss jetzt eine Immobilie her? York Pijahn über dauerhaftes Mieten als Preis für die ewige Freiheit.

Veröffentlicht am 11.08.2017

Raus aus der Mietwohnung, rein ins Erwachsensein?


Mein Freund Felix war der erste Vegetarier in meinem Freundeskreis. Und der Erste, der aus Coolnessgründen wieder Filterkaffee getrunken hat. Wobei Felix zu Filterkaffee nicht „Filterkaffee“ sagt, sondern retro home brew. Felix hatte als Erster ein Netflix-Abo und einen Bart. Wenn es so was wie eine Trend-Rakete gäbe, dann säße Felix vorn im Cockpit. Und auch beim neusten Trend in meinem Freundeskreis war Felix der Erste. Vor drei Jahren hat Felix eine Wohnung gekauft. Und vor drei Wochen auch noch ein zweites Apartment, das er jetzt vermietet. „Als Anlage.“ Ich war gleich auf den seriösen Aktendeckelsound des Wortes Anlage neidisch, auf die Aura des finalen Erwachsenseins, das seine Zeit nicht in der Gegenwart verdödelt, sondern in die Zukunft blickt. Mein Freund Felix hat jetzt zwei Berge Schulden – aber eben auch zwei Wohnungen. So wie mittlerweile viele in meinem Freundeskreis. Während ich? Miete zahle.

Ich habe mich von Felix kurzzeitig anstecken lassen, als es um Veganismus ging, hatte eine von ihm inspirierte Bart-Phase, während der ich allerdings nicht cool, sondern laut meiner Freundin wie ein westfälischer Landwirt aussah, der ein Dschihadisten-Praktikum macht. Und jetzt also: Wohnung kaufen. Um zu verstehen, wie Felix das gemacht hat, sitze ich bei ihm in der Küche, trinke home brew, der nach dem Warmhalteplatten-Filterkaffee meiner Mutter schmeckt, und höre zu.

Seine neue Wohnung habe „300“ gekostet, was die coole Abkürzung für 300 000 Euro ist und auf Las-Vegas-Pokertisch-Art nach Weltläufigkeit und Geldkoffer-Sexiness klingt. Super. Die neue Wohnung habe er außerdem nicht renoviert, sondern „schnell ein bisschen flottmachen“ lassen, er habe „da eine fixe Handwerkertruppe an der Hand, der man aber natürlich auf die Finger gucken“ müsse. Ich nicke komplizenhaft und mache ein Wer-kennt-das-nicht-Gesicht, auch wenn die größte Handwerkertruppe, die ich je befehligt habe, ein Einmann-Schlüsseldienst war, der für 150 Euro in 20 Sekunden mit einer Scheckkarte unsere Mietwohnungstür aufgemacht hat. Ich komme mir als Noch-Mieter schäbig und doof vor, wie der Letzte, der keine Aktien hat. Ich habe übrigens keine Aktien. Oh. Gott. Ich kaufe jetzt eine Immobilie und lasse mir von meiner Bank Infomaterial schicken. Pappfolder, die Paare in leeren, lichten Altbauwohnungen zeigen, deren Ringel-T-Shirt-Kinder über die abgeschliffenen Parkettböden springen und unheimlich erleichtert aussehen, dass ihre Eltern keine beknackten Mieter mehr sind.

Ich blättere mit meiner Freundin in den Infofoldern, die auf dem Ausklapptisch unseres Balkons liegen. Und spekuliere auf Lob für meine Weitsicht, die Bereitschaft, Kredite aufzunehmen, die Ernsthaftigkeit des Projektes. Wir reden über die Tabellen mit den sechsstelligen Kreditsummen, die Jahrzehnte, während derer wir Schulden hätten. „Die Frage ist doch, wie man leben will“, sagt meine Freundin.

Ich weiß, wie naiv das aus dem Mund von jemandem wie mir klingt, der 44 ist und zwei Kinder hat. Ja, und ich weiß, wie schnell man im Bierwerbungs-Kitsch landet, wenn man das Wort Freiheit in den Mund nimmt. Aber ich möchte die Restfreiheit haben, hinschmeißen zu können. Alle ins Auto zu packen und zu verschwinden. Kopflos, verpflichtungslos, schuldenfrei, morgen. Die Freiheit eines Lebens, das im Kern den Charme des flexiblen Provisoriums behält. Meine Freundin sagt, dass diese Freiheit vielleicht einen Preis hat – drei Bank-Broschüren segeln über den Balkon in die Nacht –, den man jeden Monat überweist. Als Miete.