Freundschafts-Knigge

Lass uns Freunde bleiben

Freundschaften in Zeiten von Facebook und Dauerstress zu pflegen, verlangt Engagement und diplomatisches Gespür. Wie es trotzdem gelingt.

Veröffentlicht am 12.12.2016
Zwei Frauen hüpfen auf einem Bett.

Freundschaften pflegen im Zeitalter von Social Media und Dauerstress– schwierig, aber möglich.


1. Gibt es Anspruch auf die Zeit viel beschäftigter Freunde?

Den Abschnitt zwischen 30 und 45 haben Soziologen „Rushhour des Lebens“ getauft. Termine reihen sich aneinander, Job, Partner und Kinder fordern Aufmerksamkeit. „In dieser Phase haben es Freundschaften schwer“, weiß der Berliner Psychotherapeut und Freundschaftsexperte Wolfgang Krüger. Viele konzentrieren sich auf die, die sie ohnehin täglich treffen, Kollegen im Büro oder Eltern in der Kita. Alte Freunde kommen oft zu kurz, Enttäuschungen und Konflikte sind programmiert. Wolfgang Krüger rät: „Wer mehr Zeit hat, klinkt sich in den Alltag des anderen ein.“ Der kinderlose Single besucht die Mutter von drei Kindern. Die freischaffende Künstlerin richtet sich nach den Terminen der Unternehmensberaterin. Viel verlangt? Ja. Aber nur vorübergehend. Studien belegen: Ab 45 hat man wieder mehr Luft.

2. Freunde vergeben Termine nur noch nach Kalender, Wochen im Voraus. Wie wichtig ist Spontaneität?

Eine Gratwanderung. Freundschaften benötigen feste Rituale und spontanen Austausch. Laut Wolfgang Krüger ist es gut (und realistisch), sich alle zwei Monate zu festen Dates zu treffen, anstatt vergeblich darauf zu hoffen, wie früher samstags um die Häuser zu ziehen. Doch was, wenn ein Freund plötzlich verlassen wird und eine Trösterin oder dringend kompetente Beratung in Sachen Job braucht? „Sobald emotionaler Druck herrscht, will man Freunden davon erzählen“, sagt der Experte, „so schnell wie möglich.“ Das sollte drin sein – zur Not auch am Telefon.

3. Wie gehaltvoll ist Kommunikation über Soziale Netzwerke?

Social Media sind praktisch, um Kontakt zu halten. Vor allem wenn der beste Freund auf einen anderen Kontinent zieht oder sich für ein Sabbatical in Indien entscheidet. Wolfgang Krüger sagt: „Facebook & Co. sind wunderbar zum Organisieren von Freundschaften, aber sie ersetzen nicht den persönlichen Kontakt.“ Das gelte vor allem für Herzensfreunde. Statistisch gesehen hat man von dieser Sorte nur etwa drei im Leben – und die, Achtung!, sollte man nicht nur virtuell treffen.

4. Was, wenn eine Freundin via Ghosting verschwindet?

Unbedingt das Gespräch suchen. Es muss einen Grund dafür geben, dass er oder sie sich zu diesem radikalen Schritt entschließt. Gelingt es, den anderen zur Aussprache zu bewegen, ist Fingerspitzengefühl gefragt: „Oft stecken unterschiedliche Erwartungen oder eine Kränkung dahinter“, so der Experte. Da sei es wichtig, Wertschätzung zu vermitteln, aber die eigenen Wünsche dennoch klar auszusprechen. Herrscht nach zwei bis drei Versuchen immer noch Funkstille, sollte man es dabei belassen, auch wenn’s wehtut.

5. Muss man sich von Freunden, mit denen man nicht mehr zurechtkommt, „trennen“?

Passiert. Ähnlich wie in Partnerschaften kann man sich in Freundschaften auseinanderleben. Wolfgang Krüger rät davon ab, eine flau gewordene Freundschaft wie eine Liebesbeziehung mit einem dramatischen Knall zu beenden. Damit verbaut man sich die Chance, sie eines Tages wiederzubeleben. „Oft kann man sich gar nicht mehr daran erinnern, was einen eigentlich mal dazu bewogen hat, an der Freundschaft zu zweifeln.“ Das Besondere an wahrer Freundschaft: Sie wächst und verändert sich – wie man selbst.

6. Mit der Karriere kommt der Neid. Freunde fragen nach Details zum Gehalt und hilfreichen Kontakten. Soll man Auskunft geben?

Schwierig. Einerseits spricht nichts dagegen, sich in Sachen Karriere gegenseitig unter die Arme zu greifen. Machen Männer schon seit Jahrhunderten. Kommt Neid hinzu, wird es schnell hässlich, denn er hat die Macht, die innigste Freundschaft zu zerstören. Was also tun? Den eigenen Erfolg kleinreden? „Gerade Frauen beherrschen solche Neidvermeidungsstrategien ziemlich gut“, sagt der Therapeut. Eine Lösung seien sie langfristig nicht. Deshalb lautet sein Rat ausnahmsweise: „Schweigen.“ Der Spruch „Bei Geld hört die Freundschaft auf“ sei leider wahr.