Kosmetikboom in Saudi-Arabien

Im Beauty-Mekka

Saudische Frauen geben 70 bis 80 Prozent ihres Gehalts für Beautyprodukte aus. Und das, obwohl sie in der Öffentlichkeit verschleiert sein müssen. Einblick in ein Land voller Widersprüche.

Veröffentlicht am 23.03.2017
Eine Frau mit stark geschminkten Augen trägt eisen schwarzen Gesichtsschleier.

Opulentes Make-up in der Öffentlichkeit – nach konservativer Islam-Auffassung nicht gern gesehen.


Weibliche Schönheit ist in der saudischen Öffentlichkeit weitestgehend unsichtbar – so schreibt es der Islam vor. Sobald Frauen sich außerhalb der eigenen vier Wände bewegen, sind die Abaya, ein bodenlanges schwarzes Gewand, und der Hidschab, das Kopftuch, Pflicht und die Religionspolizei überwacht unerbittlich, dass niemand gegen diese Kleiderordnung verstößt. Viele Frauen verbergen sich zusätzlich hinter dem Niqab, einem Gesichtsschleier, der nur die Augenpartie freilässt. Auch Make-up ist in der Öffentlichkeit nach konservativer Islam-Auffassung nicht gern gesehen. Trotzdem boomt gerade in dem streng religiösen Wüstenstaat das Geschäft mit der Schönheit. Der Umsatz der Kosmetikindustrie hat sich hier in den letzten zwölf Jahren mehr als verdoppelt. Über 500 Millionen Euro geben Frauen jedes Jahr für Beautyprodukte aus. Um die große Nachfrage zu stillen, werden jährlich 44600 Tonnen Kosmetik importiert.

Instagram-Star Alexandra Golovkova.

Instagram-Queen Alexandra Golovkova (l.) gründete ein Modelabel – speziell für muslimische Frauen.


Beim Make-up gilt: Je opulenter, desto besser

Ermöglicht hat dieses Wachstum eine der zahlreichen Reformen des 2015 verstorbenen Königs Abdullah: Seit 2004 dürfen saudische Unternehmen (endlich) auch Frauen als Arbeitskräfte einstellen. Vielleicht liegt es daran, dass die Geschäfte am Make-up-Counter so bombig laufen. Arabische Frauen lieben es, sich zu schminken, und geben im Durchschnitt 70 bis 80 Prozent ihres Gehalts für Beautyprodukte aus. Ganz oben auf der Shopping-Liste: Lippenstifte, Brauenpuder und stark deckende Foundations von Luxusmarken. Während im Westen gerade Nude- und No-Make-up-Looks im Trend sind, setzt man hier auf Opulenz. Muna Abu Sulayman, die als Oprah Winfrey der arabischen Welt gilt, erklärt, dass orientalische Frauen im Vergleich zu Europäerinnen grundsätzlich viel stärkeres Make-up tragen. Auf Arabisch nennt man diese Mehr-ist-mehr-Haltung wishik yohmoul, das bedeutet sinngemäß, dass diese Frauen sich aufgrund ihres Teints und ihrer Gesichtsproportionen mit jeder Farbe und jeder Make-up-Technik schminken können, ohne unnatürlich oder schlecht gestylt auszusehen. Aktueller Make-up-Favorit: der full coverage look, mit dem jeder Makel und jede Pore vollständig abgedeckt werden. „Vor allem bei Frauen, die Gesichtsschleier tragen, stehen die Augen im Fokus. Sie umranden sie mit schwarzem Khol-Kajal, tuschen die Wimpern kräftig und stehen auf hochpigmentierte Lidschatten“, sagt Senior Make-up Artist Vimi Joshi, die im Nahen Osten für MAC Cosmetics arbeitet. Man hat fast das Gefühl, intensive Farben sollen gegen einen reglementierten Alltag helfen. Die wichtigste Beauty-Informationsquelle sind Social Media, vor allem Bloggerinnen. Auf Instagram und Snapchat suchen vorwiegend junge Frauen nach Trends, Techniken wie Contouring und Strobing (das Hervorheben von bestimmten Bereichen mit Highlighter) und die besten mattierenden Kosmetika – denn die Temperaturen auf der arabischen Halbinsel klettern im Sommer auf über 45 Grad.

Amena Khan.

Modest, also sittsam, sollen sich muslimische Frauen kleiden. Für die saudische Öffentlichkeit wäre dieser Look zu aufreizend. 


Ladies only – dann fallen alle Hemmungen

Ein Phänomen, das man aus allen streng muslimischen Staaten kennt: Sobald Frauen unter sich sind, zelebrieren sie ihre Weiblichkeit. Und zwar bei privaten Partys mit ausschließlich weiblichen Gästen. „Da fallen Abaya, Hidschab und Niqab, keine ist verschleiert“, erzählt Vanessa Lindner, die im Management der Kosmetikfirma Annemarie Börlind arbeitet und lange Zeit im arabischen Raum gelebt hat. Inzwischen aber kämen auf diesen Feiern nicht nur die neuesten Designerteile und kunstvolles Make-up zum Vorschein, sondern oft auch das Ergebnis eines chirurgischen Eingriffs. Obwohl sie bis vor einigen Jahren noch verboten waren, sind Schönheits-OPs mittlerweile gang und gäbe. Der arabische Gesichtschirurg Nizar Fakih sagt, die häufigste Operation sei die Nasenkorrektur, seine jüngste Patientin sei gerade mal 16 Jahre alt gewesen. Eine Operation in jungen Jahren? Nicht ungewöhnlich, gutes Aussehen habe inzwischen einen enormen Stellenwert. Auf der Beliebtheitsskala dicht hinter der Nasenkorrektur: Brust-OPs und Fettabsaugungen. Schönheitskliniken schießen vor allem in der Hauptstadt Riad und der relativ liberalen Hafenstadt Dschidda aus dem Boden. In diesen Städten gibt es außerdem Luxuskaufhäuser mit speziellen Ladies only-Stockwerken, in denen Frauen ungestört stöbern und shoppen können. Diese Bereiche sind Orte der Freiheit, aber Gleichberechtigung sieht natürlich anders aus, denn das Leben der weiblichen Bevölkerung ist nach wie vor ziemlich eingeschränkt. Sie dürfen nicht allein aus dem Haus gehen, nicht selbst Auto fahren, nicht ohne Erlaubnis verreisen – um nur ein paar Verbote aufzuzählen, die trotz der Emanzipationsbemühungen der letzten Jahre weiterbestehen.

Inzwischen kümmern sich auch etliche Luxushotels ausschließlich um die Beauty-Belange von Frauen. Es geht vor allem um Gesichtspflege, denn aufgrund des Klimas sind Hautunreinheiten ein großes Thema. Kosmetiklinien wie Dado Sens aus Deutschland sind deshalb Importschlager. Aber während hierzulande Naturkosmetik boomt, interessieren sich Araberinnen kaum dafür, was in den Produkten steckt. „Sie wollen wissen, ob sie effektiv sind und wie schnell sie wirken“, sagt Insiderin Vanessa Lindner. Der Soforteffekt zähle – deshalb boomt in erster Linie exklusives Make-up. Mit der langfristigen Wirkung von Cremes und Seren braucht man diesen Frauen nicht zu kommen.

Eine junge Frau trägt ein rosafarbenes Kopftuch mit passendem Lippenstift.

Schöne Harmonie: Lippenstift und Kopftuch.