Liebe auf Distanz

Die Fernbeziehungs-Falle

Wenn wir zusammenziehen, ist unser Glück vollkommen, davon sind Long-Distance-Paare überzeugt. Doch die ersehnte Nähe entpuppt sich oft als echte Herausforderung.


Den Weg von der S-Bahn-Station bis zum Terminal 1 des Münchner Flughafens würde Katrin Tauber mit geschlossenen Augen finden. Vier Jahre lang flog die Marketing-Leiterin fast jedes zweite Wochenende nach Berlin zu ihrem Freund, der dort als Programmierer arbeitete. Sie liebte das Kribbeln der Vorfreude auf dem Hinflug – und sie hasste die Traurigkeit auf dem Rückweg, wenn sie wie ein Häuflein Elend auf ihrem Fensterplatz kauerte. In ihrem Kopf kreiste bald nur noch ein Gedanke: Wann ziehen wir endlich zusammen? „Ich sehnte mich so sehr danach, endlich einen normalen Beziehungsalltag erleben zu dürfen“, erinnert sie sich, „ich dachte, es müsste der Himmel auf Erden sein.“ 
Katrin Tauber* und Thomas Heim führten eine Fernbeziehung wie Millionen andere Paare auch. Exakte Zahlen gibt es nicht, weil Liebe auf Distanz statistisch schwer zu erfassen ist. Aber Experten gehen davon aus, dass jede siebte Partnerschaft in Deutschland betroffen ist, Tendenz steigend. Logisch, in einer globalisierten Gesellschaft ist Mobilität gefragt, nicht nur im Job, sondern auch in der Liebe. Dazu kommt, dass immer mehr Paare sich online auf Parship, Tinder und anderen Dating-Portalen kennenlernen, wo man – zumindest theoretisch – überall auf der Welt einen potenziellen Partner finden kann. „Der Radius, innerhalb dessen man sucht, hat sich durch das Internet nicht nur vergrößert, er hat sich aufgelöst“, sagt der Paarforscher Dr. Peter Wendl von der Universität Eichstätt. „Vor allem jüngere Paare kommunizieren heute in Echtzeit, da spielt es kaum noch eine Rolle, ob der eine in Rio de Janeiro und der andere in Hamburg-Eimsbüttel lebt.“
Es mag normal geworden sein, über große Entfernungen hinweg zu lieben, aber ist es wirklich so einfach? Hat räumliche Distanz nicht immer automatisch auch emotionale Distanz im Schlepptau? Katrin Tauber, 38, jedenfalls erinnert sich noch gut an das Gefühl der Fremdheit, jeden Freitagabend aufs Neue: „Anfangs war es ein Kick, doch auf Dauer genügte mir das nicht.“ Den beiden kam der Zufall zur Hilfe. Thomas Heim wurde ein Job in München angeboten. Weil der 44-Jährige Scheu vor der plötzlichen Nähe hatte, nahm er sich erst mal eine eigene Wohnung. „Es war absurd. Obwohl wir endlich in derselben Stadt wohnten, sahen wir uns genauso selten wie vorher. Irgendein Termin kam immer dazwischen. Wir führten im Grunde weiterhin eine Fernbeziehung“, erzählt Katrin Tauber. Vor gut einem Jahr war es dann aber so weit: Sie unterschrieben gemeinsam den Vertrag für eine großzügige Wohnung mit Dachterrasse.

Plötzlich muss man Kompromisse machen

Jetzt hätte alles gut sein können, und das war es auch – ungefähr sechs Monate lang. In dieser Zeit schwebte das Paar buchstäblich auf Wolke sieben: „Es fühlte sich an, als seien wir frisch verliebt. Alles war großartig, der Sex, die Tatsache, an einem Montagabend zu zweit auf der Terrasse zu sitzen, sogar der gemeinsame Abwasch war etwas Besonderes.“ Doch irgendwann sickerte der Streit in ihr Leben. Sie zankten über Banalitäten, über die man als Außenstehender vielleicht schmunzelt, die einen aber zur Weißglut bringen, wenn man tagtäglich damit konfrontiert wird. „Früher fand ich es eher süß, dass Thomas so ein 
Chaot ist“, sagt Katrin Tauber, „auf einmal machte es mich wahnsinnig, dass er alles einfach dort fallen lässt, wo er gerade steht.“ Er wiederum regte sich auf, wenn sie stundenlang mit ihrer besten Freundin telefonierte oder ihre Klamotten auf dem Badewannenrand stapelte.
Alles ganz normal, weiß der Paarforscher Peter Wendl: „Fernbeziehungspaare, die zusammenziehen, erleben die neue Nähe meist sehr intensiv. Danach folgt ein Gefühl der Ernüchterung, manchmal sogar der Desillusionierung.“ An diesem Punkt würden die Vorteile einer Liebe auf Distanz deutlich: Sie gewährt Freiräume, unangenehme Eigenschaften fallen durch die Entfernung weniger auf. „Wenn man zusammenzieht, muss vieles neu verhandelt werden“, sagt der Experte, „der Tagesablauf, Rituale und Hobbys müssen auf das Leben zu zweit abgestimmt werden, das erfordert einige Kompromisse.“ In seinem Buch „Gelingende Fern-Beziehung“ (Herder) rät er dazu, auch kleine, vermeintlich lächerliche Ärgernisse ernst zu nehmen und so früh wie möglich anzusprechen. 
Im Fall von Katrin Tauber und Thomas Heim verhärteten sich stattdessen die Fronten: „Wir stritten immer heftiger, an manchen Tagen sprachen wir so gut wie gar nicht mehr miteinander. Ich dachte immer öfter an Trennung“, erzählt sie. Die Rollen hatten sich zu diesem Zeitpunkt umgedreht: Früher war sie diejenige gewesen, die auf mehr Nähe drängte, während er mit der Distanz gut zurechtkam. Nun war sie schon genervt, wenn ihr Freund auf dem Sofa sitzen blieb, wenn sie ihre Lieblings-DVD in den Recorder legte – ein Ritual aus früheren Solo-Tagen. „Ich explodierte bei jeder Gelegenheit“, gibt sie zu, „ich glaube, es lag daran, dass ich meinen Ärger zu lange hinuntergeschluckt habe.“
Ein Phänomen, dem Florian Klampfer oft begegnet. Der Therapeut berät seit elf Jahren Paare in seiner Berliner Praxis, viele davon in Fernbeziehungen. „Weil sie sich so selten sehen, neigen solche Paare dazu, Probleme unter den Teppich zu kehren.“ Kann man verstehen, wer will schon die kostbare Zeit, die man zusammen hat, mit Streit vergiften? Der Haken: Ziehen die Paare irgendwann zusammen, haben sie nicht gelernt, konstruktiv zu streiten. „Da prallen dann unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander“, sagt Florian Klampfer. Wichtig sei, zu lernen, es nicht gleich als Ablehnung der eigenen Person zu werten, wenn der Partner mal nicht mitzieht.
 

Konstruktives Streiten müssen viele erst lernen

Henrike Schönlein und Robert Bromann haben diese Phase hinter sich, weil sie den Mut hatten, sich für eine radikale Lösung zu entscheiden. Die Lektorin und der Finanzmanager kennen sich seit der Schulzeit in Hannover, doch gefunkt hat es erst, nachdem sie vor sechs Jahren über Xing Kontakt aufgenommen und sich bei der Geburtstagsparty eines Freundes wiedergetroffen hatten. Da lebte er bereits in London und sie noch immer in ihrer Heimatstadt. Als sie nach drei Jahren Fernbeziehung schwanger wurde, kündigte sie ihren Job und zog zu ihm. „Mit Kind so weiterzumachen wie bisher konnte ich mir damals nicht vorstellen“, erzählt die 41-Jährige. Doch als die Zwillinge da waren, fühlte sie sich von ihrem Freund alleingelassen. Sie kannte niemanden in London, die Mütter aus der Krabbelgruppe waren ihr fremd und Robert war abends meist zu müde, um sich wirklich auf sie einzulassen. 
Hätten sie so weitergemacht, wäre die Beziehung zerbrochen, da ist sich Henrike Schönlein sicher. „Wir waren zwar nach außen hin eine Familie, aber das Zusammenleben funktionierte überhaupt nicht, weil ich so unglücklich mit meiner Situation war“, erzählt sie. Nach endlosen Diskussionen, bei denen viele Tränen flossen, fassten sie einen Entschluss: Sie würden zurück in den Fernbeziehungsmodus schalten. Sie würde mit den Kindern wieder nach Hannover ziehen, in eine eigene Wohnung im Haus ihrer Eltern – nicht für immer, aber doch für ein paar Jahre. Robert würde an den Wochenenden und in den Ferien bei ihnen sein. „Viele Freunde reagierten verständnislos, wenn wir ihnen davon erzählten“, sagt sie, „die dachten, wir würden uns trennen.“ 
Es mag ein ungewöhnliches Beziehungsmodell sein, doch aus Expertensicht spricht nichts dagegen: „Solange 
es beiden gut damit geht, ist das doch prima“, meint Paartherapeut Florian Klampfer, „schließlich hat jeder Mensch ein anderes Nähe- und Distanzbedürfnis, das sollte man als Außenstehender nicht bewerten.“ Und tatsächlich – fragt man Henrike Schönlein heute, wie es ihrer Liebe geht – antwortet sie: „Es ist manchmal anstrengend, sich über die Distanz nahe zu bleiben, gerade als Eltern, aber wir sind glücklich dabei.“
Und wie steht es bei Katrin Tauber und Thomas Heim? Nach weiteren sechs Monaten herrscht zwar kein Frieden, aber immerhin Waffenstillstand: „Ich glaube, wir sind auf einem gutes Weg“, sagt sie. Einmal pro Woche setzen sie sich zusammen und sprechen über alles, was sie aneinander stört. „Seitdem läuft es harmonischer.“ Solche klärenden Rituale empfehlen auch Paartherapeuten. Was nicht heißt, dass die Partner dadurch nicht mehr aneinandergeraten. Erst gestern habe es wieder geknallt, erzählt Katrin Tauber. „Thomas hatte mal wieder vergessen, was zum Essen einzukaufen.“ Sie haben dann eine Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben und dazu einen Rotwein aufgemacht. Sie grinst: „Es wurde noch ein richtig schöner Abend.“

* Alle Namen von der Redaktion geändert


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