Die neuen Karriere-Jetsetter

Bin gleich wieder da

Sie bereisen die ganze Welt, um am Wochenende nachhause zu ihren Familien zu kommen: die neuen Karriere-Jetsetter – berufstätige Mütter, die Kind und Job vereinbaren wollen. Kann das funktionieren? Drei Frauen erzählen.

Liliana Cacopardo

Lebensmodell: Unterwegs.


Mailand, Paris, Pirmasens

Die Lage von Pirmasens ist durchaus praktisch für Liliana Cacopardo. Die 39-Jährige ist seit zwei Jahren Chefdesignerin von Peter Kaiser, dem Schuhhersteller mit Firmensitz in der rheinland-pfälzischen Kleinstadt an der französischen Grenze. Für das Unternehmen reist die gebürtige Hamburgerin regelmäßig in Modemetropolen, sichtet neue Materialien, trifft sich mit Lederlieferanten und lässt sich von Trends inspirieren, die sie in den Straßen sieht. Etwa zehnmal im Monat bricht sie dafür auf, manchmal nur für einen Tag, manchmal für die ganze Woche.

Die schmale Frau mit dem vollgepackten Terminkalender, die zuvor als rechte Hand von Domenico Dolce bei Dolce & Gabbana arbeitete, liebt ihren Job als Designerin. Genauso wie den als Mutter von zwei Kindern, 6 und 9. „Früher war das einfacher, da konnte ich die Kleinen einfach mitnehmen ins Büro und auf Reisen“, erzählt Liliana Cacopardo. Heute geht das nicht mehr, sie müssen zur Schule, in den Sportverein, zum Musikunterricht. Ein organisatorisches Großprojekt, das nur deshalb gelingt, weil ihr Ehemann als Freiberufler seine Arbeit flexibel einteilen kann. Zur Not kommt die Großmutter aus Hamburg oder Freunde helfen aus.

Den Überblick behält Liliana Cacopardo trotzdem. Zwischen Meetings verschickt sie ständig SMS („Sportsachen mitnehmen“, „Kindergeburtstag am Nachmittag“), aber auch einfach Nachrichten, die ihrer Familie signalisieren sollen: In Gedanken bin ich bei euch. Oft verzichtet sie auf die Übernachtung im Hotel und nimmt den letzten Flieger nach Hause, um wenigstens zum gemeinsamen Frühstück da zu sein. Ja, manchmal sei sie müde, sagt Liliana Cacopardo. Der Spagat zwischen fürsorglicher Mutter und Karriere-Jetsetterin nagt an den Reserven. Aber noch, meint sie, reiche die Energie.

Anti-Stress-Tipps

  • Ein mit den wichtigsten Dingen fertig gepackter Koffer, den man vor einer Reise nur noch um die Kleidung ergänzen muss. Das spart Zeit und man vergisst nie Dinge wie Puder, Wimperntusche oder Kleiderbürste.
  • Die Zeit im Flieger nutzen, um Nachrichten und Mails an Freunde und Familie zu schreiben, die man nach der Landung sofort losschickt.
  • Am Wochenende Anrufe einplanen, etwa bei der Großmutter, die man über soziale Medien nicht erreicht.

Designerin Liliana Cacopardo.

Sammelt Inspirationen und Flugmeilen: Liliana Cacopardo.


Von Berlin nach China

Im Handgepäck hat Andrea Harre immer Gummistiefel und eine wasserfeste Jacke. Für die Innenarchitektin geht es von der Landebahn meist direkt zum Meeting und anschließend auf die Baustelle. Da wären High Heels und Blazer nichts, sagt die 47-Jährige. Von Berufs wegen reicht ihr Pragmatismus bis in die blonden Haarspitzen. Seit über 20 Jahren plant und gestaltet die mehrfach ausgezeichnete Interior-Designerin Hotels, Geschäfte, Büros. Einige ihrer Kunden sitzen in Deutschland. Für einen anderen flog sie kürzlich nach China, um dort ein gigantisches Schulungszentrum zu realisieren. „Das ist anstrengend, aber ich brauche das“, erklärt Andrea Harre. Die Schwierigkeit besteht für sie auch nicht darin, die eigene Work-Life-Balance im Griff zu haben.

Die eigentliche Herausforderung ist für die Single-Frau, ihre beiden Söhne, sieben und 14 Jahre alt, quasi nebenbei zu erziehen. Kommentare wie „Das kann doch nicht funktionieren“ kennt Andrea Harre natürlich – und widerlegt sie beharrlich. Ein Nine-to-five-Job in ihrer Heimatstadt Berlin käme für sie nicht infrage. Sie ist überzeugt, eine abwesende Mutter, die in ihrer Arbeit aufgeht, ist besser als eine, die zwar ständig zu Hause, aber unglücklich ist.

Wenn die Vielfliegerin sich mehrmals im Monat mit ihren Gummistiefeln aufmacht, hilft ein gut eingespieltes Betreuungssystem, dass der Alltag der Kinder reibungslos klappt: Zwei Väter, drei Großeltern und einige enge Freunde kümmern sich um die Söhne. „Meine Jungs fühlen sich wohl in diesem Patchwork-System“, sagt Andrea Harre, „sie kennen es nicht anders.“ Auch sie selbst habe so ihre Flexibilität trainiert, schließlich handhabt jeder ihrer Unterstützer den Alltag anders, als sie es vielleicht tun würde. Allerdings, gesteht sie, „so ein Leben funktioniert nur, wenn man nicht kleinkariert ist“.

Anti-Stress- Tipps

  • Während man aufs Boarding wartet, nicht arbeiten. Lieber entspannt durch die Buchläden am Flughafen bummeln. So viel Zeit muss sein.
  • Im Flieger den Laptop im Handgepäck verstauen und die Zeit zum Nachdenken nutzen.
  • Zu Hause auch mal fünfe gerade sein lassen. Selbst wenn es anders läuft als gewünscht.

Innenarchitektin Andrea Harre.

Auf der ganzen Welt unterwegs: Andrea Harre.


15 Länder in 15 Wochen

Drei Tage Shanghai, weiter nach Singapur, dann Mexiko City und Bangalore. Wenn Nora Schneider von ihren Einsätzen erzählt, fragt man sich, wie man dieses Pensum schafft, ohne umzukippen. Die 33-Jährige ist Consulting Manager bei einer der weltweit größten Technologieberatungen und erklärt ihren Klienten, wie sie den digitalen Wandel zu ihrem Vorteil nutzen. Dafür verlässt sie jeden Montagmorgen ihre eineinhalbjährige Tochter und ihren Mann, wenn es noch dunkel ist. „Donnerstagabend komme ich zurück“, sagt Nora Schneider, aber da sei die Kleine schon im Bett. Der Abschied falle jedes Mal schwer, die Sehnsucht nach ihrer Familie begleite sie auf den Langstreckenflügen. Doch wenn sie beim Kunden ankommt, fesselt sie der Job – dann ist sie voll konzentriert bei der Sache.

Ehemann Stephan managt den Alltag, bringt die Tochter zur Krippe, auf den Spielplatz oder wiegt sie in den Schlaf. Der Bundeswehrsoldat nutzt seine Elternzeit, um sein Lehramtsstudium abzuschließen. „Eine Win-win-Situation“ nennt die Job-Nomadin das. Noch während der Schwangerschaft hat ihr jetziger Arbeitgeber die Betriebswirtin abgeworben, sechs Monate nach der Geburt stieg sie wieder Vollzeit ein. Es sei ihr Traumjob. Sie habe sich vorher gut überlegt, ob sie mit den Strapazen umgehen könne, sagt sie. Was sie vorher nicht oder nicht richtig einschätzen konnte, war die Belastung für die Familie. Dass sie mit ihrem Mann seit elf Jahren zusammen ist, hat ihnen vermutlich größere Krisen erspart: „Wir sind ein eingespieltes Team.“ Trotzdem gab es anfangs Streit, über die Unordnung zu Hause zum Beispiel. Inzwischen hält sie sich zurück, denn sie hat kapiert: „Wenn wir uns sehen, gibt es Wichtigeres als den Staub unterm Sofa.“

Tochter Ronja freut sich meistens lautstark, wenn ihre Mutter heimkommt. Manchmal ignoriert sie sie aber auch bewusst. „Das tut weh“, gesteht die Managerin. Die Zeit, die ihr für Ronja fehlt, versucht sie mit viel Vorlesen, Spielen und Singen an den Wochenenden auszugleichen. Unterwegs hält sie über Skype Kontakt und ist so beispielsweise beim Abendessen dabei. Wie lange sie noch so weitermachen will, kann sie nicht genau sagen. „In zwei Jahren wird mein Mann sein Studium beenden“, sagt Nora Schneider, „dann müssen wir neu überlegen, was für uns sinnvoll ist.“

Anti-Stress-Tipps

  • Im Terminkalender feste Gesprächstermine für die Familie reservieren. Die sollten unantastbar sein und von der Firma akzeptiert werden.
  • Ein Schrittzähler zeigt, ob man sich neben all den Meetings und der Zeit im Flieger auch genug bewegt – oder ob man nach der Arbeit vielleicht noch einen Spaziergang machen sollte.
  • Ein Kopfkissenspray mit einem vertrauten Duft lässt die Hotelbettwäsche nicht so fremd riechen und man schläft besser ein.

Consulting Manager Nora Schneider.

Für Nora Schneider startet die Woche mit dem Weg zum Flughafen.


Text: Julia Meyer-Hermann


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