Mütter vs. Kinderlose

Die Lose-lose-Situation

Die Zwickmühle, in der fast jede Frau irgendwann steckt: Ob man Kinder bekommt oder nicht, am Ende gilt man als überforderte Mutter oder als kinderlose Egoistin. Statements aus der Nahkampfzone Büro.

Veröffentlicht am 26.10.2017


Die Zwickmühle, in der fast jede Frau irgendwann steckt, wird gern als No-win-Situation bezeichnet: Ob man Kinder bekommt oder nicht – am Ende gilt man als überforderte Mutter oder als kinderlose Egoistin. Lose-lose-Situation wäre also treffender. Aber wer will schon als Verliererin dastehen? Da greift der alte Trick: Den Lebensentwurf der Gegenseite abwerten, schon steht man selbst besser da.

Auch die Frauen, die hier zu Wort kommen, schonen die Gegenseite nicht. Weil die anderen nerven, weil sie rücksichtslos sind, weil sie alles nur aus ihrer Perspektive betrachten. Dass das in deutschen Büros Alltag ist, kann man in dem gerade erschienenen Buch „Der tiefe Riss“ nachlesen (Pantheon Verlag).

Darin erklären Susanne Garsoffky und Britta Sembach, was das ewige Genervtsein zwischen Eltern und Kinderlosen anrichtet. Statt Schuldzuweisungen brauche es eine Diskussion über gesellschaftliche Bedingungen und wirtschaftliche Strukturen und außerdem Antworten auf die Frage, wie Eltern, Kinder und Kinderlose zusammenleben können. Man kann bei den folgenden Sätzen also nicken, sich denken „Ha, stimmt“ und – je nachdem, wo man steht – auf Mütter oder kinderlose Frauen herabblicken. Oder man bewegt sich in dem Rechtfertigungs-Mikado einfach mal selbst und spricht mit einer der Nervensägen statt über sie. Gut möglich, dass man dabei ein paar wichtige Einsichten gewinnt. 


Mütter: Von wegen „Sonderurlaub“

„Eine Kollegin sagte mal: ,Du hast es gut. Sechs Wochen Urlaub und als Mutter noch zehn Tage Sonderurlaub.‘ Sie meinte die zehn Tage, die man mit einem kranken Kind zu Hause bleiben darf. Als wäre das Erholung. Hat sie natürlich erst verstanden, als sie selbst Mutter wurde.“ Yvonne M., 42, pharmazeutisch- technische Angestellte

Kinderlose: Kinder sind Privatsache

„Mir geht es mega auf die Nerven, dass Mütter immer glauben, sie haben eine Sonderbehandlung verdient. Dass sie Mütter sind, ist schließlich ihr Privatvergnügen, darauf will ich keine Rücksicht nehmen müssen.“ Marion K., 36, Produktmanagerin


Mütter: Schwanger und Expertin für alles

„Noch nerviger als kinderlose Frauen: Schwangere. Der Kleine ist noch nicht mal auf der Welt, und sie glauben, schon alles über das Leben als Mutter zu wissen – was man tun muss, damit die Beziehung zum Mann nicht leidet, damit Freundschaften nicht auf der Strecke bleiben, damit man bei der Arbeit nicht abgehängt wird. Ich sage da schon gar nichts mehr, sondern denke mir immer: Wir reden einfach noch mal, wenn das Baby dann da ist.“ Celia M., 38, Shop-Managerin

Kinderlose: Die einzige Heldin weit und breit

„Die Arroganz von Müttern ist für mich das Allerschlimmste – manche Frauen mit Familie tun so, als wären sie im Besitz höherer Wahrheiten. Mir ist klar, dass einem der Alltag mit Kindern mehr abverlangt und dass man einen anderen Blick aufs Leben entwickelt. Aber wenn ich erzähle, wie anstrengend es gerade bei mir ist, und eine Mutter dann so ein wissendes, halb belustigtes Gesicht aufsetzt, dann muss ich mich echt zusammenreißen, dass ich ihr keine Beleidigung ins Gesicht schleudere.“ Antje B., 43, Controllerin


Mütter: Die Party ist vorbei

„Früher habe ich mich montags noch an den Gesprächen beteiligt, wer was am Wochenende gemacht hat. Heute gehe ich gleich in mein Büro. Ich kann die gelangweilten Blicke verstehen, wenn ich von Spielplätzen, Familienfeiern und Zoo-Ausflügen erzähle. Gleichzeitig geht mir das ganze ,Ich war auf diesem tollen Konzert und in jener tollen Stadt‘ immer mehr auf die Nerven.“ Julia K., 42, SEO-Spezialistin

Kinderlose: Das Kind ist immer Thema. Immer!

„Neulich habe ich zu einer Freundin gesagt, wie schlimm es wäre, wenn Donald Trump wirklich die ganzen vier Jahre im Amt bleibt. Darauf sie: Der Vincent – ihr zwölfjähriger Sohn – nenne ihn ja immer nur ,Donald Grump‘. Sie macht das ständig, nicht nur bei mir. Immer bringt sie im Gespräch ihre Kids ins Spiel. Fairerweise muss ich sagen: Ich hab das auch schon bei Vätern erlebt.“ Sandra P., 35, Verwaltungsangestellte


Mütter: Denn sie wissen nicht, was ich tue

„Wenn meine kinderlosen Kolleginnen um halb zehn ins Büro kommen, bin ich seit sechs Uhr wach und arbeite eine Stunde. Mittags, wenn sie in der Kantine essen, sitze ich vor meinem sad desk lunch. Und während sie zwischendurch eine rauchen oder in der Kaffeeküche quatschen, versuche ich, so schnell wie möglich mit meinen Aufgaben durchzukommen. Um vier packe ich meine Sachen zusammen, um meinen Sohn abzuholen. Danach kaufe ich oft noch ein, koche und kümmere mich um den Kleinen. Wenn mir noch einmal eine beim Verlassen des Büros ,Schönen Nachmittag‘ hinterherruft, schreie ich.“ Marina C., 37, Marketingreferentin

Kinderlose: Run auf den Urlaub

„Schon möglich, dass Mütter an vielen Stellen benachteiligt werden. Bei einer Sache sind sie aber immer ganz vorne dabei: Ostern, Sommer, Weihnachten, Brückentage haben sie sich längst geschnappt, wenn du noch nicht mal angefangen hast, deinen Jahresurlaub zu planen.“ Anja Sch., 37, Physiotherapeutin


Mütter: Strenge Blicke als Strafe

„Natürlich gehe ich ungern, wenn Aufgaben unerledigt geblieben sind. Aber ich will und muss mein Kind abholen und sehe auch nicht ein, mehr zu arbeiten, als ich bezahlt bekomme. Trotzdem entschuldige ich mich, wenn etwas liegen bleibt; oft ernte ich von kinderlosen Kolleginnen nur ein schmallippiges ,Hm‘ und angestrengte Blicke. Warum sind die Leute sauer auf mich? Warum regen sie sich nicht über den Chef auf, der weiß, dass ich mit 80 Prozent nicht so viel schaffen kann wie eine Vollzeitkraft – und mir trotzdem dasselbe Pensum aufdrückt?“ Veronika L., 43, Kundenberaterin

Kinderlose:  Zu krank für die Kita – aber fit fürs Büro

„Weil der kleine Samuel-Balthasar-Nepomuk aufgrund seiner Streptokokken oder Mumps oder Magen-Darm-Virus – gerne auch alles hintereinander – aus der Kita verbannt und kein Babysitter aufzutreiben ist, wird das hoch ansteckende Kind mit ins Büro genommen. Danke.“ Karin B., 41, Redakteurin