Anne Hathaway im Porträt

Die talentierte Miss Hathaway

Anne Hathaway ist eine der talentiertesten Schauspielerinnen Hollywoods. Ihr Erfolgsrezept: Immer genau das Gegenteil von dem tun, was andere von einem erwarten.

Veröffentlicht am 18.12.2016
Anne Hathaway.

Von der Disney-Prinzessin zur wandelbaren Charakterdarstellerin: Anne Hathaway.


Sie kann es einfach nicht lassen. Gerade erst hatten wir Anne Hathaway zurück in die Komödienschublade gesteckt. Nicht als ehrgeizige Praktikantin aus „Der Teufel trägt Prada“, sondern als glamouröse Modeportal-Chefin in „Man lernt nie aus“ – mit Robert De Niro als Praktikant. Da erreicht uns die Nachricht, dass ihr neuestes Projekt „Colossal“ eine Art Monster-Movie sei (der Film startet nächstes Jahr in Deutschland). Der spanische Independent-Regisseur Nacho Vigalando nennt sein Werk selbst den „billigsten Godzilla-Film aller Zeiten“. Darin mimt die Schauspielerin eine alkoholsüchtige New Yorkerin, die nicht nur von ihrem Verlobten verlassen wird und zurück in die Provinz zieht, sondern auch noch eine Art telepathische Verbindung zu einer Riesenechse hat, die ganz Tokio zerstört. Und während man noch überlegt, ob das nun Kunst ist oder eher überambitioniert, erklärt die talentierte Miss Hathaway, dass sie diesen Film für ihr 16-jähriges Selbst drehen musste: „Ich hätte den Film damals total cool gefunden“, sagt sie und setzt ihr strahlendstes Breitwandlächeln auf.

Sämtliche Kritiker des Toronto-Filmfestivals feierten ihre darstellerische Leistung in „Colossal“, B-Movie hin oder her. Denn Hathaway ist nicht nur die experimentierfreudigste Wundertüte Hollywoods, sondern auch eine der besten. Seit sie ihre Mutter mit sieben auf der Bühne gesehen hat, will die kleine Anne ans Theater. Sie nimmt Ballettstunden, spielt im Schulensemble, lässt sich zur Sopranistin ausbilden. Mit 16 bekommt sie ihre erste TV-Rolle, mit 19 wird sie mit Disneys „Plötzlich Prinzessin!“ weltberühmt. Doch statt sich sukzessive ein Image aufzubauen und sich gelegentlich vielleicht sogar darauf auszuruhen, lautet das rastlose Motto von Anne Hathaways Karriereplanung: „Du musst immer genau das Gegenteil dessen spielen, was du zuvor gemacht hast!“ So wurde aus dem braven Disney-Girl eine masturbierende junge Frau im Trash-Movie „Havoc“, aus Jake Gyllenhaals forscher Ehefrau in „Brokeback Mountain“ die sinnliche Jane Austen im Biopic „Geliebte Jane“. Und aus der sexy Catwoman in Lack und Leder aus „The Dark Knight Rises“ die bedauernswerte Prostituierte Fantine in „Les Misérables“.

„Zu großen Augen, zu großer Mund, zu kleiner Kopf“

Diese Frau ist einfach nicht zu fassen. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich selbst nicht ganz traut. „Ich weiß, ich habe meine Karriere als Disney-Prinzessin begonnen, aber mein Leben sah ganz anders aus“, sagt sie. Das größte private Drama war sicherlich 2008 die Trennung vom italienischen Playboy Raffaello Follieri, der wegen Hochstapelei und Geldwäsche zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Bis heute schweigt sich Anne Hathaway darüber aus. „Ich will mich über die guten Zeiten definieren“, wehrt sie dann ab. Ihre Kindheit etwa. Aufgewachsen als Tochter irischstämmiger Einwanderer in der Nähe von New Jersey. Grundkatholisches Bildungsbürgertum. Vater Anwalt, Mutter Theaterschauspielerin. Schon als Kind half Anne Hathaway am Wochenende in den Armenküchen der Gegend aus. Sie wollte sogar Nonne werden. Doch als sich ihr Bruder als schwul outet, tritt die Familie geschlossen aus der katholischen Kirche aus. Bis heute engagiert sich Anne Hathaway für Unicef oder Care.

Kein Wunder, dass sie ein ambivalentes Verhältnis zu Flitter und Tand, schnellem Geld und noch schnellerem Ruhm hat. Ihr Misstrauen beginnt schon beim eigenen Aussehen. Während Millionen in ihrem Bambi-Blick versinken, von ihrem perfekten Kirschmund schwärmen und sie als Wiedergeburt von Audrey Hepburn feiern, beschreibt sich Anne Hathaway selbst: „Zu große Augen, zu großer Mund, zu kleiner Kopf.“ Von Mode habe sie sowieso keine Ahnung, sagt eine, für die Valentino höchstpersönlich das Brautkleid entworfen hat und die für Luxusmarken wie Lancôme wirbt.

Die „Ich bin einfach nur ich“-Strategie

Zwei Seelen pochen in ihrer Brust: Auf der einen Seite ist sie eine der großen Abenteurerinnen Hollywoods, die sich in jede neue Aufgabe stürzen wie in einen Abgrund. Auf der anderen Seite ist sie bodenständig und eine solche Perfektionistin, die sich in ihre Rollen regelrecht verbeißt. Wahrscheinlich wirkt sie deshalb im wahren Leben manchmal etwas überehrgeizig und verkrampft. Der amerikanischen Vogue hat sie erzählt, dass sie manchmal Wochen brauche, um nach einem Film wieder sie selbst zu werden. „Für eine Rolle würde
ich beinah alles machen“, sagt sie. Für die Fantine in „Les Misérables“ hungerte sie sich in kürzester Zeit acht Kilo runter, rasierte sich die Haare und absolvierte schon täglch Gesangsstunden, bevor sie überhaupt eine Zusage hatte. „Ich will nicht der größte Star der Welt werden“, betont Hathaway. „Aber ich will die beste Schauspielerin sein, die ich werden kann.“

Es sind Sprüche wie diese, die ihrem Charme manchmal die Leichtigkeit nehmen. Und genau auf diesen kommt es in Hollywood an: Jennifer Lawrence etwa erobert mit ihrer ungezügelten Wildheit die Herzen der Fans, und mit der wunderschönen Natalie Portman will sowieso jeder befreundet sein. Anne Hathaway hat mit ihrer „Ich bin einfach nur ich“-Strategie hingegen die Streberrolle inne. Deshalb wird ihr immer wieder vorgeworfen, nicht authentisch zu sein. Den Preis für diesen inneren Widerspruch muss die Schauspielerin am Tag ihres größten Triumphs zahlen: Als sie für ihre Darstellung der Fantine 2013 den Oscar für die beste Nebenrolle gewinnt, erntet sie gleichzeitig den Shitstorm ihres Lebens. Nicht nur wegen ihrer auswendig gelernten Rede, sondern auch wegen ihrer unvorteilhaften Prada-Robe, die als „Les Nipplerables“ in die Annalen eingeht. Seitdem ist die Welt gespalten in Hathahaters und Hathalovers, die in Foren über dieses Phänomen diskutieren.

Welcome to Hollywood

Dabei ist die Antwort wahrscheinlich ganz einfach: Anne Hathaway macht viele Menschen wütend, weil niemand die eigenen Unsicherheiten und Ängste so ehrlich widerspiegelt wie sie. Damals tut sie das einzig Richtige und zieht sich zurück. „Ich war so viel in der Presse, die Menschen hatten einfach genug von mir.“ Mit der Liebe ihres Lebens, dem Schauspieler und Schmuckdesigner Adam Shulman, 35, bekommt sie im vergangenen März einen Sohn, genießt ihr Leben als Mutter und versichert, dass sie sich nicht mehr darum schert, was andere über sie denken.

Nur den miserablen Oscar-Abend scheint Anne Hathaway noch nicht überwunden zu haben. Dem Guardian sagt sie neulich: „Es war falsch, da in einem Kleid zu stehen, das mehr gekostet hat, als manche Menschen je in ihrem Leben verdienen, und einen Preis zu gewinnen, weil ich Schmerz dargestellt habe, obwohl das jeder empfinden kann.“ Willkommen in Hollywood!

(Text: Nike Vlachos)