Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Digital Detox

Dauernd Mails checken, dauernd erreichbar sein – York Pijahn hatte davon die Nase voll. Und hört jetzt auf seine Mutter

Veröffentlicht am 07.10.2016
Gehirn beim Durchlüften

Keine Ideen, keine Konzentration? Dann wird es Zeit, dass die Putzkolonne im Gehirn aufräumt


Und, wie geht es Dir?, fragt meine Mutter. „Gestresst“, sage ich. Stille. Dann antwortet meine Mutter, ich kenne das schon: „Oooch, Mäuselein.“ Sie sagt das immer mit so viel Mutter-Empathie, dass man damit ein ganzes Kinderheim beleuchten und in Weihnachtsstimmung versetzen könnte.

Seit ich vor 16 Jahren ausgezogen bin, telefoniere ich zweimal pro Woche mit meiner Mutter. Vermeintlich, um mich zu vergewissern, dass es ihr gut geht und sie nicht mit ihrem Elektrofahrrad in einen Bielefelder Straßengraben gebrettert ist. Doch in Wahrheit melde ich mich, um mir ihre Kommentare zu meinem Leben anzuhören, die eine Wirkung auf mich entfalten wie eine Kneippkur bei einem rabiaten tschechischen Bademeister. Man wird durchgewalkt und abgeschrubbt. Aber wenn die Schmerzen erst mal weg sind, fühlt man sich besser. Meine Mutter nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihr neuester Kommentar zu meinem Leben: „Dauernd heulst du rum, dass du keine Zeit hast. Wie kann das sein?“

Ja, wie kann das sein? Die Erklärung: Ich habe mir ein Volldampfleben angewöhnt. Ich checke meine Mails schon morgens im Bett. Aus dem Gefühl heraus, nichts verpassen zu dürfen und der Welt permanente, hibbelige Einsatzbereitschaft demonstrieren zu wollen wie ein Jack-Russell-Terrier auf Red Bull. Ich telefoniere beim Fahrradfahren mit Kollegen und meiner Chefin, um eine Allzeit-bereit-Aura zu verbreiten. Ich bin der Geheimagent Jack Bauer des Arbeitslebens. Schneller tippend, noch dauernder erreichbar als die anderen. Der Haken: Weil das alle machen, ist letztlich keiner toller, schneller, besser erreichbar als die anderen. Niemand liegt vorn, alle rennen gleich schnell. Und sind total gestresst.

Meine Mutter hat mir vorgeschlagen, nein, verordnet, Telefon und Computer ab 19 Uhr auszuschalten und morgens erst ab 9 Uhr wieder einzuschalten. Hab ich probiert. Mit dem latenten Misstrauen gegenüber den Ideen einer 76-Jährigen, die kein Handy besitzt, keinen Computer, sondern ein waldgrünes Tastentelefon mit Spiralkabel. Mein Fazit: Es funktioniert, aber es tut weh. Ich fühle mich abgeschnitten und habe abends plötzlich absurd viel Zeit. Ich würde gern behaupten, dass ich die Abende jetzt befreit über Blumenwiesen tanze, den „Herrn der Ringe“ im Original lese oder mir so intensive Hobbys wie Ballonfahren zugelegt habe. Ist aber nicht so. Ich habe stattdessen unsere Bücher nach Farben sortiert, die Joghurts im Kühlschrank nach Verfallsdatum und Farbe (alte Blaubeere vorn, neue Aprikose ganz hinten), weil ich den Anschein von sinnvoller Arbeit aufrechterhalten will, die früher dank Handy immer in den Abend hineingerieselt ist. Währenddessen warte ich jeden Morgen auf eine Mail, die mit dem Satz beginnt: „Verdammt, warum konnten wir dich gestern nicht erreichen, du Lurch? Hier ist alles total den Bach runtergegangen!“ Aber diese Mail kommt nicht.

Mein abends extrem verlangsamtes Leben allein einer Rentnerin aus Ostwestfalen zu verdanken hat etwas Ernüchterndes. Als ob ein jahrelanges Rückenleiden durch Handauflegen auf einer Kirmes kuriert wird. Ich habe mich daher auf die Suche nach einer Studie gemacht und das hier gefunden: Hirnforscher haben ein Areal in unserem Kopf entdeckt, das unsere Gedanken aufräumt und ordnet, das sogenannte Default Mode Network. Es ist, könnte man sagen, die Putzkolonne des Bewusstseins. Und diese Putzkolonne beginnt erst zu arbeiten, wenn wir uns ausruhen und tagträumen, ohne Außenreize, ohne Computer, Termine, Handy. Ich liege jetzt abends öfter auf dem Sofa rum. Ich bin nicht faul, sondern total beschäftigt. Denn meine Putzkolonne macht in diesem Augenblick beim Mäuselein das Licht an.