Digital-Expertin Magdalena Rogl

Die Zukunft kommt auf leisen Sohlen

Die Arbeitswelt ist im Umbruch, der Digitalisierung sei Dank. Die befeuert zukunftsweisende Karrieren, wie die von Magdalena Rogl, früher Erzieherin, heute Social-Media-Expertin – und das als Patchwork-Mutter. Wie ist sie da hingekommen?

Veröffentlicht am 17.03.2017
Magdalena Rogl

Flexibel, innovativ, ruhelos: Magdalena Rogl.


Nach einem Jahr wie 2016 fallen die Erwartungen an die Zukunft eher bescheiden aus. Umso schöner, wenn sie plötzlich strahlend vor einem steht. Dass sie schon da ist, hat man – wie üblich – nicht bemerkt. Was in diesem Fall aber an der Geräuschkulisse im Foyer der deutschen Microsoft-Zentrale in München liegt und an Magdalena Rogls Schuhwerk. Die 31-Jährige trägt Sneakers, Jeans, dazu Bluse und Blazer. Eine Mischung aus klassischem Business-Outfit und der Kapuzenhaftigkeit ihrer Generation. So sieht sie also aus, die Zukunft der Arbeit.

Zwischen Vollzeitjob und Patchwork-Familie

Ein kluger und allürenfreier Mensch wie Magdalena Rogl würde sich nie als Pionierin des heraufziehenden Berufszeitalters bezeichnen. Aber es spricht eben vieles dafür, dass sie eine ist: ihr Werdegang, die Branche, in der sie sich bewegt, ihr Arbeitszeitmodell. Nicht zu vergessen: die Art, wie sie Vollzeitjob und Patchwork-Familie mit vier Kindern zusammenbringt, zwei eigenen und den beiden ihres zweiten Mannes. Aber darüber spricht sie nicht so gern, „weil es nach Überfrau klingt“, sagt sie. „Das bin ich nicht.“ Dass sie den schicken Titel Head of Digital Channels Microsoft Deutschland trägt, verdanke sie diversen Zufällen. Man ist versucht, die Augen zu verdrehen, wenn sie das sagt. Als würde der größte Software-Konzern der Welt einfach irgendjemandem die Aufgabe übertragen, ihn in den sozialen Medien gut aussehen zu lassen. Zu Magdalena Rogls Verteidigung muss man aber erwähnen: Tatsächlich hatte sie ihr Leben anders geplant.

Die Münchnerin will schon als junges Mädchen Erzieherin werden, geht mit 16 vom Gymnasium ab und macht eine Ausbildung zur Kinderpflegerin. Mit 19 wird sie schwanger, mit 21 heiratet sie, vier Jahre später kommt das zweite Kind. Kurz darauf trennt sich ihr Mann von ihr und plötzlich ist sie alleinerziehend, mit 25. Während sie monatlich weniger als 1000 Euro netto dafür bekommt, sich tagsüber um den Nachwuchs anderer Leute zu kümmern, weiß sie nicht, wie sie in einer der teuersten Städte Deutschlands ihre eigenen Kinder versorgen soll. Also fängt sie an, abends User-Kommentare bei einem Online-Magazin freizuschalten, für 400 Euro im Monat – eine Notlösung, die ihre zweite Karriere ins Rollen bringt.

Nach ein paar Monaten bietet man Magdalena Rogl die Leitung des Community-Managements an. Ohne lang zu zögern, gibt sie ihren Kleinmädchentraum auf, studiert per Fernkurs „Social Media und Community-Management“ und baut die Social-Media-Aktivitäten ihres damaligen Arbeitgebers aus. Im Februar vergangenen Jahres wechselt sie zu Microsoft. Hier verantwortet sie mit ihrem dreiköpfigen Team unter anderem den Twitter- und Facebook-Kanal des IT- Riesen sowie den unternehmenseigenen Blog. Ausgerechnet sie, die früher bei jedem Computerproblem Hilfe von ihrer tech-affinen Schwester brauchte. Auch für eine Frau, die früh lernen musste, dass man lieber keine Pläne machen sollte, weil das Leben sie einem gern vom Tisch fegt, ist das eine Überraschung.

Flexibel, unkonventionell, innovativ

Die Arbeitswelt ist im Umbruch, der Digitalisierung sei Dank. Von den Aufgabenfeldern, die in Zukunft neu entstehen werden, existieren laut Arbeitsmarktexperten 65 Prozent noch gar nicht. Was daraus folgt? Viele der heute 30- bis 40-Jährigen werden früher oder später wohl selbst zu Quereinsteigern. Und die sind gefragt, seit sich herumgesprochen hat, dass sie Flexibilität, unkonventionelle Ideen und innovative Ansätze mitbringen. In der Praxis sieht das so aus: „Mit den pädagogischen Skills einer Erzieherin kann man gut Forumsdiskussionen moderieren oder Mitarbeitergespräche führen“, sagt Magdalena Rogl. „Wie stressig es in meinem neuen Job auch zugeht – das ist immer noch entspannt im Vergleich zur Arbeit mit kleinen Kindern.“ Dabei hat sie mit ihrem Werdegang nicht nur positive Erfahrungen gemacht. Als sie sich 2015 nach etwas Neuem umsieht, wird ihr das angebliche Witz-Studium im Bewerbungsgespräch genauso vorgehalten wie ihre Kinder. „Nur bei Microsoft hat niemand danach gefragt. Hier ging es darum, was ich kann und wie ich das Unternehmen unterstützen will.“ Das gute Gefühl, mit dem sie aus dem Gespräch geht, ist nach einem Jahr im Konzern immer noch da, was vor allem mit dem Arbeitsmodell zusammenhängt, das der Software-Riese bietet. Die Schlüsselbegriffe: Vertrauensarbeitszeit und Vertrauensarbeitsort.

Starres nine to five gibt es hier nicht. Keine Stechuhr kontrolliert, wann man kommt und geht, auch kein „kritisch dreinschauender Chef“, versichert Magdalena Rogl. Solange sie ihre Zielvorgaben erfüllt, kann sie selbst entscheiden, wann, wie und wo sie ihren Job macht. Denn auch die Präsenzpflicht ist abgeschafft, genau wie der feste Arbeitsplatz. In der neuen Deutschland-Zentrale im Münchner Norden, die im letzten Herbst eröffnet wurde, sucht man sich mit dem Laptop jedes Mal einen neuen Arbeitsplatz (ja, auch die Chefs). Persönliche Gegenstände lagern in Schließfächern. Wer braucht ein Familienfoto auf dem Schreibtisch, wenn man theoretisch jederzeit nach Hause gehen kann, um Kinder und Mann zu sehen? Die 31-Jährige nutzt diese Möglichkeiten regelmäßig. Maximal drei Tage pro Woche arbeitet sie im Büro, den Rest der Zeit im Home-Office oder von unterwegs aus. Die Morgenkonferenz leitet sie gern zu Hause vom Sofa aus, via Skype-Call, im Bademantel. Wenn sie sich an einem Bürotag um 14 Uhr mit einer Freundin auf einen Kaffee in der Stadt treffen möchte, tut sie es. Und Behördengänge erledigt sie jenseits der Stoßzeiten. Das gebe ihr trotz Vollzeitjob ein Gefühl von Freiheit. Dass sie die Stunden abends oder am Wochenende dranhängen muss? Sie sei ja ohnehin ständig online, wenn nicht beruflich, dann privat, was ein Blick auf ihre Twitter-Timeline und ihr Instagram-Profil bestätigt.

Der Schlüssel: Work-Life-Blending

Angestellte, die als kleine Organisationseinheiten funktionieren und dank der Digitalisierung flexibel und selbstbestimmt Projekte stemmen, für die man früher mehrere Abteilungen benötigte, und sich dabei selbst verwirklichen – das ist laut Forschern wie den amerikanischen IT-Professoren Thomas Malone und Mark Gross die Arbeitswelt von morgen. Biorhythmus, Job, Familie und Hobbys, plötzlich passt alles zusammen. Aber wie immer im Leben zahlt man dafür einen Preis. Denn beim Work-Life-Blending, wie es neudeutsch so schön heißt, wenn die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen, wandert das unternehmerische Risiko vom Arbeitgeber zum Arbeitnehmer. Plötzlich ist der Angestellte Entrepreneur seiner eigenen Arbeitskraft und dafür verantwortlich, dass Ziele erreicht werden. So werde aus Selbstbestimmung mit Pech Selbstausbeutung, warnen Kritiker.

Man ahnt, dass da etwas dran ist, wenn Magdalena Rogl sagt, sie habe in ihrem ganzen Leben noch nie so viel gearbeitet wie jetzt. Aber auch noch nie so viel Spaß gehabt: „Man braucht Eigenverantwortung und Selbstdisziplin. Und genug Selbstbewusstsein, das Handy zwischendurch wegzulegen.“ So einfach, wie das klingt, ist es dann aber doch nicht. Als sie sich im letzten Urlaub einloggte, um an einer Präsentation zu arbeiten, erinnerte ihre Chefin sie daran, die Zeit zum Erholen zu nutzen. Aber Digital Detox sei nicht ihr Ding, allein der Begriff nerve, „als sei online giftig“.

Für Magdalena Rogl ist das ständige Online-Sein Ausdruck ihrer Lebenseinstellung: „Ich bin neugierig, mag Menschen und kommuniziere gern. Diese Eigenschaften kann ich hier ausleben.“ Genau wie in ihrem früheren Job und sicher auch in dem, der auf ihren derzeitigen bei Microsoft folgen wird. Denn so, wie die Welt funktioniere, werde sie diesen Beruf in zehn Jahren wohl nicht mehr ausüben, denn die Arbeitswelt werde sich weiterentwickeln, noch schneller verändern – und sie sich mit ihr. Sorgen macht das Magdalena Rogl nicht. Es werde schon was anderes kommen. Trotz der Digitalisierung – oder deswegen.