Dorothee Achenbach im Poträt

Wieder auf den Beinen

Als ihr Mann, Kunstberater Helge Achenbach, wegen Betrugs verurteilt wird, folgen Pleite, Scheidung und der ganz große Absturz. Wie hat die Kunsthistorikerin Dorothee Achenbach das alles überstanden?

Veröffentlicht am 24.07.2017
Porträt Dorothee Achenbach.


Dorothee Achenbach wartet an einer ruhigen Ecke, man steigt zu ihr in den kleinen schwarzen BMW. Die 54-Jährige guckt nett, hübsche Lachfältchen umrahmen flinke Augen, dann gibt sie Gas. Man wird in den Sitz gepresst, die Frau fährt wie der Teufel. Sie redet, gestikuliert, schießt in eine Linkskurve. So viel Temperament hätte man ihr gar nicht zugetraut.

Auf Fotos wirkt die Kunsthistorikerin eher glatt und emotionslos, wie ein Mensch ohne Ecken, Kanten, Brüche, Lebensspuren. Als hätte es diesen fundamentalen Absturz in ihrem Leben nicht gegeben, die Angst, die Wut, die Scham, den Schmerz. Oder als versuche sie, den erlittenen Gesichtsverlust durch eine perfekt sitzende öffentliche Maske zu verbergen. Und während man mit Dorothee Achenbach zu ihrer neuen Wohnung in Meerbusch bei Düsseldorf düst, überlegt man, was man bisher von ihr weiß.

Der Aufstieg und Fall der Dorothee Achenbach erinnert an eine griechische Tragödie, die ein findiger Krimiautor in die moderne Glitzerwelt der Reichen und Schönen verlegt hat, wohl wissend, dass er mit diesem Traumstoff jede Menge Kohle machen kann. Um viel Geld geht es hier tatsächlich, sowie um Gier und Betrug und Liebe und Verrat. Aber der Reihe nach.

Das Vorzeigepaar Achenbach

Mit 27 trifft Dorothee, frisch promoviert, in München den elf Jahre älteren Kunstberater Helge Achenbach, der bereits sechs Kinder von drei Frauen hat. Dorothee und Helge heiraten, bekommen einen Sohn und eine Tochter, ziehen nach Düsseldorf. Helge wirft den Karriere-Turbo an, berät große Firmen und reiche Privatleute beim Aufbau von Kunstsammlungen, jongliert mit Millionen.

Die Achenbachs avancieren zum Vorzeigepaar, tummeln sich auf roten Teppichen, schmeißen glamouröse Feste. Nicht wenige staunen damals über diese Konstellation: Was will die schlanke, topgestylte Frau von dem korpulenten Mann, der übergroße Sakkos trägt und frisurtechnisch auf Alt-Hippie macht? Die Lady und der Lebemann, die Schöne und der Geldsack – amüsant sind solche Paarungen allemal, liefern sie doch den Stoff, der die Fantasie anheizt und die Klatschspalten füllt.

Dann der Absturz: Im Sommer 2014 wird Helge Achenbach verhaftet. Er soll seinem Freund und Kunden Berthold Albrecht – dem 2012 verstorbenen Mit-Eigentümer von Aldi Nord – Kunstwerke und Oldtimer zu überhöhten Preisen verkauft haben. Kläger sind Albrechts fünf erwachsene Kinder. Witwe Babette Albrecht sagt im Prozess gegen Helge Achenbach aus.

Er ist teilgeständig, wird wegen Betrugs zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt und muss 19,4 Millionen Euro Schadensersatz an die Aldi-Erben zahlen. Seitdem sitzt Helge Achenbach im Knast, sein Besitz wird aufgelöst. Mitgefangen, mitgehangen – Dorothee Achenbach und die Kinder fallen tief. Gerichtsvollzieher, Gefängnisbesuche, Verkauf des Zuhauses, eingefrorene Konten. Dann die Scheidung im Herbst 2016: Nach 25 Jahren Beziehung hat Dorothee genug, auch weil sie herausgefunden hat, dass ihr Mann jahrelang fremdging.

Racheengel, Opferlamm oder Krisengewinnerin?

Zwei unerwartet selbstironische Bücher schreibt sie über das Erlebte. „Meine Wäsche kennt jetzt jeder“ erscheint Ende 2015. Im März dieses Jahres folgt „Ich liebte Sträfling No 1“ (beide Droste-Verlag), das es in die Spiegel-Bestsellerliste schafft. Aufsehen erregen die Bücher auch deshalb, weil der „Krieg der feinen Damen“, so eine Zeitung, darin ungebremst weiterwütet. Babette Albrecht geht juristisch gegen diverse Textstellen in Dorothee Achenbachs Autobiografien vor, teilweise erfolgreich. Im zweiten Band müssen Passagen geschwärzt werden.

Wer ist Dorothee Achenbach wirklich, fragt man sich, während man neben ihr im Auto sitzt. Eine ausgebuffte PR-Expertin, die ihren Absturz perfekt vermarktet? Racheengel, Opferlamm, strahlende Krisengewinnerin? Oder eine alleinerziehende Mutter, betrogen vom Ehemann und um die letzte Seidenbluse gebracht von einer der reichsten Familien des Landes? Wo endet das Image, wo beginnt der Mensch?

„Ein paar Straßen weiter wohnen einige bekannte Düsseldorfer.“ Dorothee Achenbach deutet vage in die Ferne. Dort stünden große Villen inmitten schöner Gärten. Sie wohne mit ihren Kindern jetzt ganz normal zur Miete: „Es war schwer, eine gute Wohnung zu finden. Viele Vermieter hatten wohl Angst, dass wir nicht zahlen können.“ Sie hält vor einem Mehrfamilienhaus, man betritt einen lichten Raum mit Blick in einen kleinen Garten. Küche, Wohn- und Esszimmer gehen ineinander über. Drei winzige Schlafräume, kein Luxus, gerade deshalb gemütlich. „Bitte Frühstückstisch abräumen!“, steht auf einem Zettel – der mütterliche Appell blieb ungelesen.

Ihre Tochter, 18, ist bei einer Freundin und lernt fürs Abi. Ihr Sohn, 20, der eigentlich in Maastricht studiert, liegt noch im Bett und kuriert eine Grippe aus. Dorothee Achenbach knuddelt ihren Münsterländer Dexter, atmet tief durch und sagt, die Kinder und sie hätten schlimme Jahre hinter sich. „Während Helge im Gefängnis wie unter einer Glasglocke lebte, standen wir draußen ohne Geld da und wussten nicht, womit wir den Kühlschrank füllen konnten.“ 

Der Streit mit den Aldi-Erben nimmt kein Ende

Langsam gehe es bergauf, dennoch: Der Streit mit den Aldi-Erben nehme noch kein Ende. „Einige Verfahren, in denen es um viele Millionen geht, sind noch anhängig.“ Die Witwe Albrecht beziehungsweise deren Anwalt lasse einfach nicht locker: „Aus meiner Sicht muss es auch persönliche Gründe dafür geben, die Art und Weise, wie mit mir und damit der Familie umgegangen wurde, hat mich erschüttert. Allein ums Geld kann es zumindest der Witwe nicht gehen.“ 

Dorothee Achenbach wirkt jetzt ernst, dünnhäutig, sagt immer wieder: „Das dürfen Sie nicht schreiben.“ Man spürt ihre Nervosität, ihre Angst vor dem täglichen Gang zum Briefkasten. Das ist nicht gespielt, womöglich kann sich diese Frau auch gar nicht groß verstellen, jede innere Regung spiegelt sich sofort auf ihrem Gesicht wieder. Wenn sie über ihren Ex-Mann spricht, guckt sie verwundert, fast ein wenig naiv: „Ich konnte mir diese Dimension des Hintergangenwerden nicht vorstellen.“ Nichts habe sie gespürt, weder dass er fremdging noch dass er bei seinen Geschäften die Bodenhaftung verlor: „Ich war mit einem Mann zusammen, den ich nicht wirklich kannte.“

Als sie Helge Achenbach 1991 begegnet, steht sie am Anfang einer brillanten Karriere. „Ich war top an der Uni, eine der Besten in Bayern, Abschluss summa cum laude.“ Danach arbeitet sie im Management einer große  Firma und braucht ganz sicher keinen Sponsor mit Sugardaddy-Qualitäten. „Aber Helge hat ein unglaubliches Akquiseprogramm gestartet und um mich geworben.“ Dieser angstfreie Bauchmensch, der sich nimmt, was er will, fasziniert sie. Heute weiß sie: Genau diese Mir-kann-keiner-was-Haltung wurde ihm später zum, wie sie sagt, „Verfängnis“, ein schöner freudscher Versprecher. 

„Meine Profilierungssucht war die Triebfeder des ganzen Schwachsinns. Selbstüberschätzung. Der Wunsch, mit den reichen Familien mithalten zu wollen“, schreibt Helge Achenbach 2015 aus dem Knast. Doch Sucht hat viele Phasen und Gesichter, und es war gerade sein extremer Geltungsdrang, der die Familie rasant auf die Sonnenseite des Lebens beförderte: Nil-Kreuzfahrt mit Gerhard Richter, Küchenparty bei Norman Foster in London, Dinner mit Peter Ustinov in Sankt Petersburg. Die Win-win-Strategie des Power-Couples: Schöne, gebildete Frau kümmert sich um den Nachwuchs, arbeitet als freie Kunstkritikerin und schmückt ihren erfolgreichen Gatten bei seinen Glamour-Meetings mit solventen Kunden. Prächtig auch das luxuriöse Zuhause in Düsseldorf-Oberkassel, „490 Quadratmeter auf fünf Etagen in bester Lage“, wie eine Zeitung mal schrieb.

Auf eigenen Beinen

Als alles zerbricht, muss der massive Statusverlust verkraftet werden, auch wenn Dorothee Achenbach heute sagt: „Ich bin pragmatisch. Die 90 Quadratmeter hier habe ich viel schneller geputzt als unser früheres Haus.“ Sie putzt selbst? Klar, heute schon. Tatsächlich hat diese Frau etwas Preußisches, Diszipliniertes, so einen Ich-zieh-die-Karre-eigenhändig-aus-dem-Dreck-Realismus, der ihr sicher geholfen hat. Ihr Rezept: „Kräfte bündeln, sich auf das besinnen, was man kann.“ Sie gründet die Kunstberatung „Black Label Art Consultancy“ und wuppt inzwischen das Familieneinkommen, manchmal gibt ihr Vater was dazu.

Viel Kraft zieht sie aus ihrem Single-Status: „Als Teil eines Paares nimmt man sich oft zurück. Ich hatte durch dieses Unglück die Chance, mich zu entfalten, und bin heute ein sehr eigenständiger Mensch.“ Und, ja, natürlich habe sie auch das Schreiben innerlich befreit. „Nach dem ersten Buch habe ich viel positives Feedback von Menschen bekommen, die in die Mühlen der Justiz geraten sind“, sagt sie, deshalb habe sie das zweite geschrieben. In diesem Moment läuft ihr Sohn durchs Zimmer und sucht sein Medikament. „Er hat sehr gelitten. Für einen Jungen ist es besonders schlimm, wenn der Vater coram publico so vorgeführt wird“, sagt Dorothee Achenbach leise.

Die Kinder sehen ihren Vater öfter, er ist inzwischen im offenen Vollzug und arbeitet tagsüber in der Diakonie. Auch Dorothee und Helge haben Kontakt. Zum Valentinstag habe er ihr ein rotes Herz aus Nelken geschenkt. Sie glaubt, er habe sie lange zurückgewollt, einem Narzissten wie Helge sei es schwergefallen, zu akzeptieren, dass er verlassen wurde, „dass er das, was ihm gehörte, hergeben musste“, sagt Dorothee Achenbach. Doch sie will ohne ihn weitermachen, sagt sie entschlossen. Dabei wirkt sie sehr bei sich.

Und plötzlich wird einem klar: Diese Frau lässt sich in kein simples Raster pressen. Sie ist PR-Profi in eigener Sache und Betroffene zugleich, Mutter und Businessfrau, Glamour-Lady und Amazone. Sie ist stark, schwach, eitel, bescheiden, ängstlich, mutig und freut sich auf den Neuanfang. Man spürt, dass sie es wirklich will. Geld verdienen. Auf sich selbst vertrauen. Frei sein. Aber jetzt vor allem: mit Dexter Gassi gehen. Rasch läuft sie nach nebenan, schlüpft in ihre Jeans, ruft den Hund, öffnet die Tür nach draußen und macht sich auf ihren Weg.