Muss ich das?

… eine Immobilie kaufen?

Die Freunde kaufen Wohnungen und bauen Häuser als ließe sich Glück einmauern oder in Beton gießen. Hat man als Mieter Mitte Vierzig etwas verpasst oder ist der Eintrag im Grundbuch gar nicht so erstrebenswert?


Ein Loch im Boden, jede Menge Schlamm – und darüber zwei glückliche Gesichter. Die gehören meinen Freunden Ute und Philipp, die in diesem 
Morast ihr zukünftiges Eigenheim erkennen. Das nächste Paar, das ein Grundstück gekauft und diesen urdeutschen Traum vom Wohneigentum verwirklicht hat. Was folgt, kenne ich nur zu gut als Komparse: Man soll die nächsten zwölf Monate Ah und Oh sagen zu Bauplänen, stundenlangen Debatten lauschen über das richtige Farrow-&-Ball-Grau der Wand und die Breite der Landhausdielen, und irgendwann darf man dafür über Bauschutt zu einer provisorischen Einweihungsparty stolpern, weil das ganze Geld für Fensterrahmen, Dachziegel und geschwungene Treppenläufe draufgegangen ist und es jetzt nicht mehr für Vorgarten, geschweige denn Catering reicht. Meine Freunde sind zu Immobilienhaien mutiert, während ich immer noch im Becken der kleinen Mietfische schwimme. Als Letzte meiner Art versuche ich dort zwischen Neid, der grün wie Entengrütze an mir hängt, und Erleichterung darüber, keinen Betonklotz am Bein zu haben, den Kopf hochzuhalten.

Herr Draghi hat gerade die Zinsen abgeschafft, Beton ist die sicherste Geldanlage, hört man. Und ohnehin wäre es ja viel vernünftiger, jeden Monat einen Kredit abzuzahlen, statt bis ans Lebensende Miete zu überweisen. Plötzlich jonglieren Bekannte, die ihren Rentenbescheid sonst verschämt in der untersten Schublade verstecken, mit Summen im gehobenen sechsstelligen Bereich. Muss ich mich als Mathe-Niete outen, weil ich ein Minus in Millionenhöhe nicht als Plus umrechnen kann, wie es jene 52,5 Prozent der Deutschen tun, die stolz „mein“ vor die Begriffe Haus oder Wohnung setzen?

Ab einem bestimmten Alter werden die meisten Paarbeziehungen in Beton gegossen, je nach Umfrage passiert das zwischen 34 und 42. Und wie früher, als sich Zauberwürfel, Walkman und Rollerskates als Must-have abwechselten, beschleicht einen das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn man jetzt keinen notariell beglaubigten Kaufvertrag anstrebt. Aber dann überlege ich: Wer sagt denn, dass einem in ein paar Jahren der minimalistische Bungalow noch gefällt? Oder dass die einstige Top-Lage nicht plötzlich von hässlichen Bürokomplexen dominiert wird? Ich habe schon etliche Fehlkäufe nach Hause getragen, aber ein doofes Haus? Bei der bloßen Vorstellung fühle ich mich wie vom Bagger überrollt.

Ich bewundere ja alle, die sich auf Jahrzehnte auf einen Ort, auf eine Behausung festlegen. Aber ich weiß nicht, ob ich mit einer Immobilie nicht auch geistig immobiler würde. Zieht man genauso leicht weg, bricht man noch einmal aus seiner Routine aus, wenn der Name im Grundbuch eingetragen ist? Die meisten Freunde fahren nicht mal mehr in den Urlaub, weil die Löcher im Schlamm auch ein Loch in ihre Finanzen gerissen haben.

Obwohl ich Monopoly als Gesellschaftsspiel nie mochte, bedaure ich manchmal, nicht mitzuspielen (oder mitspielen zu können) und aus dieser Gesellschaft von Mikro-Tycoons ausgeschlossen zu sein, meine eigenen 
Baupläne, Fenster, Landhausdielen nicht auswählen zu dürfen. Ich wüsste sogar theoretisch, wie alles aussehen müsste, ich könnte vom Spatenstich oder vom ersten Besichtigungstermin an binnen zwei Tagen den Tadelakt-Experten aus Marokko für das Bad, gekalkte Dielen und das Gewächshaus aus Südfrankreich importieren. Aber ich will mich nicht über mein Lebensende hinaus ruinieren und hoffe einfach mal, dass es immer Vermieter mit Geschmack geben wird. 


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