Liebeserklärung an die Hände

Hand auf's Herz

Wenn Hände sprechen: Sie sind Helden, Alleskönner und nur selten arbeitslos. Sie sorgen dafür, dass unser Leben sinnlicher erfahrbar wird. Eine längst fällige Liebeserklärung.

Veröffentlicht am 06.02.2017
Zwei Hände berühren sich.

Das Schönste, was Hände tun können – einander berühren.


Kaum auf der Welt, greifen wir reflexartig nach der Mutter, die hingerissen unsere zehn Fingerchen mit den perfekten muschelrosa Miniaturnägeln durchzählt und streichelt. Wir wissen noch nicht, dass wir – momentan noch winzig, hilflos und bezaubernd weich – Handlanger des gerade geborenen Menschen sein werden. Erst recht nicht, welche Fähigkeiten und Macht uns zuwachsen und welche Verantwortung mal in uns liegen wird. Zu Babyfäustchen geballt liegen wir da, doch zur Sicherheit halten wir bald darauf kräftig an allem Geliebten fest: Fingern, Haaren, Pullovern; später an Fläschchen, Kuscheltieren, großen Händen, Keksen. Aus uns wird ein koordiniertes Paar, das gezieltes Greifen lernt, an- und ausziehen, Schnürsenkel binden, streicheln und schlagen, schreiben, Schere-Stein-Papier spielen, schminken, Teig kneten, vielleicht sogar Möbel (zusammen-)bauen, Menschen operieren, Musikinstrumente spielen und tausend Dinge mehr.

Gib' mir deine Hand

Als geborene Haptiker hassen wir die „Anfassen verboten“-Schilder in Museen, Parks und Läden. Nur durch Anfassen bekommt unser Mensch überhaupt erst Zugriff auf die Welt. Je dreckiger es dabei zugeht, desto inniger und sinnlicher die Erfahrung. Was für ein ganzkörperliches Wohlgefühl, mit beiden Händen Matsch durch die Finger zu pressen und Blumen zu pflanzen. Etwas Warmes, Weiches wie eine Katze oder einen Hund zu streicheln macht uns animalisch glücklich; Cashmere, Samt und Seide auch. Was nicht zu greifen ist, ist schwer zu begreifen. Wir tasten uns vor und werden abgetastet. Mit Glück findet ein Mensch fingerfertige Geliebte und Masseure, Ärzte und Handwerker, denn das Leben bleibt eine schwer in den Griff zu bekommende Baustelle. Wie gut ein Liebhaber sein wird, wissen Menschen instinktiv beim ersten Händedruck: Gib mir deine Hand, und ich kann sie lesen. Beim Händchenhalten und Hände-nicht-bei-sich-behalten-Können lieben sie feste, warme, trockene, muskulöse Hände, die nicht nur in Zeitungen blättern, sondern auch eine Blockhütte bauen können.

Das beste Sexspielzeug

Wenn wir massiert werden, ist das umwerfend erotisch. Akupressurpunkte liegen auf dem Daumenballen, der nicht umsonst Venushügel heißt, sowie in den weichen Zwischenräumen der Finger. Gut trainiert sind wir sowieso das beste Sexspielzeug: auf wie viele verschiedene Arten wir unsere Finger einsetzen, damit streicheln oder kneifen können, stufenlos, von sanft bis fest... Mit Fingerspitzengefühl erspüren wir Dinge, die man nicht sehen oder wissen kann. Wir sind ein Wunder, haben einen eigenen Puls und einen einzigartigen Fingerabdruck. Liebe geht bei uns nicht durch den Magen, sondern wie jede Energieübertragung durch unsere Innenflächen. Beim Yoga praktizieren wir eigene Übungen – mudras. Aneinandergelegte Fingerspitzen sind Energiesammelstellen, die auf die Psyche wirken. Wir Hände bitten und beten für unseren Menschen; wir stellen die Verbindung zu spirituellen Gesprächen her, ob in der Kirche oder beim Meditieren. Mutterhände können zudem Spielzeug und Welten heil machen, notfalls handgreiflich beschützen und Trost herbeistreicheln. Sie messen sogar ohne Thermometer Fieber. Kleine Kinder, die nicht angefasst, gewiegt und gestreichelt werden, verkümmern, manche sterben sogar. Fass! Mich! An!

Hand auf's Herz

Je weniger man eine Sprache spricht, desto mehr haben wir Hände zu sagen – ob beim Einkauf durch Draufzeigen oder, Hand aufs Herz, während einer Liebeserklärung. Für Stumme und Gehörlose gebärden wir sogar die komplette Sprache. Wir geben Zeichen, ob beim Volleyball oder im Straßenverkehr. Geöffnet zeigen wir uns frei und bieten Freundschaft an. Wenn wir uns erheben, ergeben wir uns oder schwören auf etwas. Per Handschlag werden die besten Geschäfte besiegelt. Wie wichtig wir sind, wird leider oft erst erkannt, wenn eine von uns mal ausfällt. Wir ziehen uns an Bergwänden hoch, tragen Lasten und Verantwortung, lenken Pferde und Autos. Wir sind Helden, Alleskönner, Spezialisten und nur selten arbeitslos. Zum Ausgleich lieben wir es, uns selber zu verwöhnen, mit Maniküre, Pflege und schönem Nagellack. Wir schmücken uns auch gern mit Ringen. Den Ehering tragen wir, wenn wir uns bei dem Mann in guten Händen fühlen. Irgendwann übergeben wir Pflichten und das Lebenswerk in jüngere Hände.

Und ganz am Ende, wenn Worte keine Verbindung mehr herstellen, weil der Geist kaum noch Körperkontakt hat, werden wir hoffentlich auch gehalten, fest und warm, während uns das Leben entgleitet. Im Vertrauen darauf, von noch größeren Händen aufgefangen zu werden, lassen wir ganz los.