Tesla-Gründer Elon Musk

Mr. Cool und die Liebe

Er ist einer der größten Visionäre unserer Zeit, sozial scheint er aber gelegentlich etwas ungelenk zu sein. Kann man Elon Musk trotzdem lieben?

Veröffentlicht am 27.12.2017
Tesla-Gründer Elon Musk

Lässiger Stil, knallharte Attitüde: Milliadär Elon Musk


Ende September bei einem internationalen Astronauten-Kongress in Australien. „Wie wir eine multiplanetare Spezies werden“ steht hinter ihm auf der Bühne, daneben ein Foto vom Mars. Elon Musks Stimme zittert, nervös tritt der Multimilliardär und Superstar des Silicon Valley von einem Bein aufs andere. Fünf Jahre noch, sagt er, dann soll die erste Rakete starten, zunächst nur mit Fracht, zwei Jahre später mit Menschen an Bord. Man werde den Planeten bewohnbar machen und „in einen wirklich sehr angenehmen Ort verwandeln“.

Visionär? Einzelgänger? Narzisst?

Elon Musk ist der Visionär unserer Zeit. Ein jungenhafter Typ, der die Welt retten will. Der als neuer Edison gefeiert wird und in Extremen lebt. In jeder Hinsicht. Er will auf den Mars, seit 20 Jahren. Und keiner lacht mehr darüber. Weil sich die Autoindustrie auch mal totlachte, als er von leistungsstarken Elektro­autos redete. Jetzt treibt er die Branche mit Tesla vor sich her. Wer ist dieser Mann? Narzisst? Einzelgänger? Das sozial ungelenke Genie, das sich nach Nähe sehnt? Fest steht: Er ist kein Freund von Kompromissen. Wer ihm überflüssig erscheint, wird aussortiert, auch mitten in der Kurve. Seine langjährige Assistentin, die die Frechheit besaß, um eine Gehaltserhöhung zu bitten, hat er genauso schnell entsorgt wie seine erste Ehefrau Justine, mit der er fünf Söhne hat.

Sie lernen sich kennen, als er noch Student ist. Justine will Schriftstellerin werden (was ihr übrigens gelungen ist). Elon ist von ihrem Ehrgeiz beeindruckt, und Ehrgeiz ist eine Kategorie, die er versteht. Als sie in einem Buchladen stehen, gibt er ihr seine Kreditkarte. „Kauf dir alle Bücher, die du haben möchtest.“ So weit, so romantisch. Im Jahr 2000 heiraten sie. Noch beim Hochzeitstanz flüstert er ihr zu: „Ich bin das Alphatier in dieser Beziehung.“ Sie nimmt es nicht ernst. Als er acht Jahre später die Scheidung einreicht, wird ihre Kreditkarte noch am selben Tag gesperrt.

Vom Mobbingopfer zum Milliadär

Aufgewachsen ist Elon Musk in Südafrika, als ältestes von drei Kindern. Ein altkluger Junge – und Mobbingopfer. Seine Schulkameraden prügeln ihn schon mal bis zur Bewusstlosigkeit. Er flüchtet sich in Comics, in die Welt der furchtlosen Helden. Als er acht ist, trennen sich die Eltern; er bleibt zunächst bei seiner Mutter Maye, einem Fotomodell mit zwei Magister-Abschlüssen. Nach ein paar Jahren zieht er zum Vater, einem Ingenieur. Eine Zeit, die tiefe Wunden hinterlassen hat. „In der Schule haben sie versucht, mich windelweich zu schlagen. Wenn ich nach Hause kam, war es genauso furchtbar. Es war nonstop grausam.“

An so etwas geht man zugrunde – oder man kämpft. Elon geht mit 17 nach Kanada, der Heimat seiner Mutter, studiert später in den USA Physik. Er beginnt, in Stanford zu promovieren, gründet mit seinem Bruder das erste Unternehmen. Sie verkaufen es für über 300 Millionen Dollar, Musk ist keine 30 Jahre alt. Den Erlös investiert er in den Online-Bezahldienst Paypal, das Unternehmen wird 2002 von Ebay gekauft – für 1,5 Mil­liarden Dollar. Heute steckt sein Geld im Raumfahrt-Start-up SpaceX, in Tesla, Hyperloop und der Ökostromfirma ­Solarcity.

Ein Leben wie in einer Seifenoper

Im Gegensatz zum zurückhaltenden Bill Gates und dem solide wirkenden Mark Zuckerberg gleicht Elon Musks Privatleben einer Soap-­Opera. Achtung, jetzt bitte konzentrieren: 2010, zwei Jahre nach der Scheidung von Justine, heiratet er die Schauspielerin Talulah Riley. Scheidung zwei Jahre später, begleitet von dem Tweet: „Ich werde dich ewig lieben. Du wirst eines Tages jemanden sehr glücklich machen“, im Juli 2013 erneute Hochzeit, an Silvester 2014 reicht Musk wieder die Scheidung ein, zieht sie aber ein halbes Jahr später zurück. Ende März 2016 ist es dann Riley, die die Scheidung verlangt. Nur um vier Monate später auf die Frage nach einer dritten Hochzeit zu sagen: „Man soll niemals nie sagen.“

Ihren Platz übernimmt dann Amber Heard, die Ex von Johnny Depp. Nach nur einem Jahr ist auch diese Liaison im August vorbei. Er lässt sich intensiv auf seine Frauen ein. Affären gibt es nicht. Interessant ist, dass sich alle drei Ex-Partnerinnen loyal verhalten. Selbst Justine Musk, Ehefrau Nummer eins, sagt, sie werde ihn für seinen herausragenden Geist immer respektieren. Es existiert ein langer Artikel, in dem sie schreibt, wie sehr sie den Elon von früher vermisst, der einfach losgeht und ein Eis für sie kauft.

"Ich sehe immer nur, was falsch ist"

Elon Musk, reich und mächtig, zeigt sich gleichzeitig verwundbar. Ein Versehrter, der offen über seine traumatische Kindheit und Ängste spricht. Das weckt Mutterinstinkte und Erlösungsfantasien. Ein weibliches Spezialgebiet. Und doch tut er sich schwer, echte Nähe herzustellen – weil er im Flugzeug sitzt oder mit seinem Kopf ganz woanders ist. Nicht nur bei der nächsten Tesla-Präsentation, sondern Lichtjahre entfernt im All. Und immer wieder mit sich selbst zu kämpfen hat. „Wenn ich ein Auto, eine Rakete oder ein Raumschiff sehe, sehe ich nur, was falsch ist. Ich sehe nie, was richtig ist. Das ist kein Rezept, um glücklich zu werden.“

Vor ein paar Monaten hat er auf Twitter öffentlich gemacht, an einer bipolaren Störung zu leiden. Gequält von „furchtbaren Tiefs und unerbittlichem Stress“. Er schont weder sich noch andere. Aber für jemanden, der ganze Industrien umkrempelt, ist der Beziehungsalltag mit den immer gleichen Problemen und Zugeständnissen womöglich eine Zumutung. Als Justine Musk, genervt von seiner ständigen Kritik, mal sagte: „Ich bin deine Ehefrau, nicht deine Angestellte“, gab er zurück: „Wärest du angestellt, würde ich dich feuern.“

Einer gegen alle

Der Wirtschaftsjournalist Ashlee ­Vance hat 2015 eine Biografie über Musk geschrieben. Ihm gegenüber hat er sein Dilemma umrissen: Klar wünsche er sich eine Frau an seiner Seite. Aber wie solle man das bewerkstelligen, rein logistisch? „Wie viel Zeit will eine Frau pro Woche haben? Vielleicht zehn Stunden?“ Ashlee Vance hat an Elon Musk eine eigenartige Form der Empathie diagnostiziert. „Zwischenmenschlich ist da nicht viel, aber er hat viel Empathie für die Menschheit.“ Weil sein ganzes Denken um die Sorge kreist, dass das menschliche Leben womöglich ausgelöscht wird. 

Womit wir wieder beim Mars wären, dem Ausweichquartier für uns Erdbewohner. Vielleicht wird ihm diese Erklärung am ehesten gerecht: dass Elon Musk ohne die Kälte nicht da wäre, wo er ist. Kurs halten trotz Druck, einer gegen alle, vielleicht geht das nur, wenn man die Außenwelt stumm schalten kann.