Jean-Carl Honoré über Entschleunigen

„Nehmen Sie sich Zeit“

Badewanne statt Multitasking: Theoretisch weiß jeder, wie man auf die Bremse tritt. Doch wieso fällt es in der Praxis so schwer? Wie es gelingt, erklärt Entschleunigungsexperte Jean-Carl-Honoré.

Veröffentlicht am 11.01.2017
Frau drückt auf einen rosafarbenen Wecker.

Entschleunigung bedeutet vor allem: Prioritäten im Umgang mit der Zeit setzen.


Warum gelingt es manchen Menschen besser, sich zu entspannen, als anderen?
Eine Frage der Veranlagung und der Sozialisation. Wer als Kind gelernt hat, sich nicht hetzen zu lassen, bleibt auch als Erwachsener eher entspannt.

Gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern?
Höchstens bei der Ausprägung von Stress. Männer glauben, sie müssten im Job auch dann noch Gas geben, wenn sie das Tempo nicht mehr mitgehen können. Frauen dagegen bearbeiten viele Baustellen gleichzeitig und versuchen dabei, auch noch allen möglichen Erwartungen gerecht zu werden.

Ist Zeitmanagement eine Lösung?
Ich halte nichts davon, weil man dabei noch öfter auf die Uhr schielt als sonst. Unser Verhältnis zur Zeit ist neurotisch genug. Seit die ersten Sonnenuhren gebaut wurden, glaubt der Mensch, die Zeit renne ihm davon.

Wie sähe ein gesundes Verhältnis zur Zeit aus?
Man muss sich klarmachen: Schneller ist eben nicht immer besser. Nur passt das nicht in eine Gesellschaft, in der man auf die Frage „Wie geht's?“ ständig zu hören bekommt: „Viel los.“ Nichts gegen ein erfülltes Leben, aber eine lange To-do-Liste als Statussymbol ist ein Teil des Problems.

Und die Lösung heißt Entschleunigung?
Genau, aber Entschleunigung bedeutet nicht, das Tempo grundsätzlich zu drosseln. Stress kann ja durchaus beflügeln. In Maßen ist Stress sogar gesund. Die Dosis macht das Gift. Wir müssen lernen zu entscheiden: Wo will ich Gas geben, wo bin ich lieber langsam unterwegs? Und wo klinke ich mich ganz aus?

Schwierig in Zeiten von WhatsApp, Facebook und Netflix …
Ich kenne das Bedürfnis, permanent online zu sein. Nur halten wir dieses Tempo und den Input auf Dauer nicht aus. Es ist wie beim Essen. Wenn die Steinzeitmenschen ein Mammut erlegten, schlugen sie sich den Bauch voll, weil sie nicht wussten, wann sie wieder so ein Festmahl bekommen würden. Heute haben wir bei uns Lebensmittel im Überfluss – und die Leute kämpfen mit ihrer Ernährung. Unser Körper ist programmiert auf das Wechselspiel aus viel und wenig. Mit dem ständigen Zuviel kommt er nicht klar. Das gilt fürs Essen wie für Stress.

Wie findet man den Ausstieg?
Indem man sich fragt, was einem wichtig ist. Und indem man versucht, eben diese Dinge nicht so schnell wie möglich, sondern so gut wie möglich zu erledigen. Wenn Sie für Ihre Freunde kochen, konzentrieren Sie sich aufs Kochen, ohne nebenher noch zu telefonieren. Wenn Sie Ihren Kindern vorlesen, achten Sie auf die Geschichte, statt an die Arbeit zu denken. Wenn Sie im Restaurant sitzen, lassen Sie das Handy in der Tasche.

Theoretisch weiß das jeder. Warum fällt es in der Praxis trotzdem so schwer, auf die Bremse zu treten?
Weil wir nicht autark über unsere Zeit verfügen. Schuld daran sind aber nicht nur Job und Freizeitstress, sondern auch wir selbst. Vielen kommt das hohe Tempo der Gesellschaft ganz gelegen. Da muss man sich höchstens mal fragen, warum das Internet nicht funktioniert oder wo der Schlüssel steckt, statt ernsthaft darüber nachzudenken, welchen Stellenwert die Arbeit hat, welchen die Familie und welchen gar ich selbst? Antworten darauf zu finden ist anstrengend.

Haben Sie konkrete Tipps?
Ich selbst trage seit Jahren keine Uhr und verwende immer öfter den Flugmodus meines Smartphones. Unternehmen Sie etwas mit Menschen, die Ihnen wichtig sind. Liebe und Freundschaft lassen sich nicht beschleunigen, man muss sich dafür Zeit nehmen. Yoga und Meditation sind natürlich super. Oder man geht in die Badewanne.

Aber in der Wanne rasen einem die Gedanken ja erst recht durch den Kopf.
Weil sich das Gehirn wieder an die Ruhe gewöhnen muss. Hören Sie den Vögeln draußen zu, wenn Sie in der Wanne liegen. Oder zünden Sie eine Kerze an und konzentrieren Sie sich auf die Flamme. Zehn, fünfzehn Sekunden reichen für den Anfang. Hauptsache, Sie richten Ihre Aufmerksamkeit nur auf eine Sache statt auf drei gleichzeitig.

Zu Hause funktioniert das vielleicht noch, aber was, wenn Kollegen und Vorgesetzte im Büro Hektik verbreiten?
Bevor man loslegt, sollte man erst mal fragen, ob es wirklich so dringend ist. Sonst kämpft man womöglich gegen einen Zeitdruck, der gar nicht existiert.

Und wenn zu Hause der Teufel los ist, die Brote für die Kinder nicht geschmiert sind, der Bus gleich fährt und dann auch noch der Partner meckert – was dann?
Zehn, zwanzig Minuten früher aufstehen, damit der Tag ruhiger beginnt und entspannter weitergehen kann.

Also doch Zeitmanagement?
Nein, Prioritäten im Umgang mit der Zeit setzen. Das ist der Kern von Entschleunigung.

Der schottische Journalist Jean-Carl Honoré, 49, ist Autor des Bestsellers „Slow Life“.