Abenteurer Erling Kagge über Stille

„Wir sind alle süchtig nach Geräusch"

Überall Lärm: auf der Straße, zu Hause, im Kopf. Der Norweger Erling Kagge hat sich auf die Suche nach der Stille gemacht und fand sie am Südpol – und beim Abspülen. Im Interview erklärt er, wie man im digitalen Zeitalter lernt, Stille wieder auszuhalten.

Veröffentlicht am 25.10.2017
Porträt von Buchautor Erling Kagge.

Erling Kagge, 54, am Oslofjord.


Es ist zu laut hier. Der Wind, der den Oslofjord entlangweht, die Cafégespräche, das Tassengeklapper. Aber die Person, die das stört, ist nicht der Autor, der über das Bedürfnis nach Ruhe geschrieben hat, sondern die Interviewerin, die die Unterhaltung aufzeichnen möchte. „Kein Problem, dann ziehen wir einfach um“, sagt Erling Kagge und geht federnden Ganges weiter, vor das Museum für moderne Kunst. Hier hatte der Norweger, 54, Rechtsanwalt, Abenteurer und Kunstsammler, vor zwei Jahren eine große ­Ausstellung. Im Anschluss daran begann er, sein Buch zu schreiben, in vielen Ländern ein Bestseller. Gerade erschien „Stille. Ein Wegweiser“ (Insel Verlag) auf Deutsch.

Physikalisch gesehen, ist Stille die Abwesenheit von Schall. Aber diese Stille interessiert Sie gar nicht, oder?
Genau. Stille ist die Abwesenheit von viel mehr: von Ablenkung, von Erwartungen, von Smartphone-Nachrichten. All das ist für mich Lärm, Unruhe.

Sie waren an einigen der stillsten Orte der Welt. In der Antarktis, schreiben Sie, war es am stillsten. 
Ja, es fällt einem gleich bei der Ankunft auf, mit den Tagen und Wochen wird man hyperempfindsam für die Umgebung und hört besser. Die Stille wird stärker und stärker.

Ist das nicht bedrückend? 
Nein, bereichernd. Ich habe einige Expeditionen auf Ozeanen, im Eis, auf Berge unternommen. Es ging mir oft so, wie die Künstlerin Marina Abra­mović es einmal ausgedrückt hat: Du kannst dich in eine absolut stille Umgebung versetzen, aber dann ist da ja immer noch der Lärm in deinem Kopf. Den muss man überwinden. Das kann zwei Minuten dauern oder zwei Stunden oder zwei Tage.

Sie traten in einen Dialog mit der Natur. Was sagte sie Ihnen? 
Es war kein Frage-Antwort-Spiel, falls Sie das meinen. Die Natur erzählt einem vor allem Dinge über sich selbst. In der Stille trifft man auf sich, bekanntlich die schwierigste Begegnung im Leben. Deswegen ziehen die meisten Menschen den Lärm vor. 

Braucht man die Erfahrung absoluter Stille als eine Art Initiationserlebnis? Nicht jeder kann an den Südpol fahren.
Nein, gar nicht, jeder kann Stille finden. Wir sind nur alle süchtig nach Geräusch. 

Weil es beklemmend sein kann, nichts zu hören? 
Total. Deswegen machen die Leute immer erst mal den Fernseher an, wenn sie ins Hotelzimmer kommen. Wir müssen wieder lernen, Stille auszuhalten.

Erling Kagge steht an einem Gewässer im Schilf und blickt in die Ferne.

Erling Kagges Tipp: Smartphone zu Hause lassen, einfach loslaufen und drei Tage wegbleiben.


Wie machen Sie das? Sie leben und arbeiten in der Metropole Oslo. 
Na, zum Beispiel, indem ich, wie heute Morgen, eine halbe Stunde lang von meinem Haus zu meiner Arbeit laufe. Klar, das Privileg hat nicht jeder. Aber man kann auch einen Teil der Strecke mit der Tram zurücklegen und einige Stationen früher aussteigen. 

Aber die Umgebung ist doch laut. Keine Kopfhörer?
Nein. Einfach spazieren gehen. Oder gestern, als ich für Freunde gekocht habe. Bei meinen Vorbereitungen: Stille. Beim Abspülen danach: Stille. Manchmal gehe ich etwas früher zu Bett und genieße die Stille, bis ich ­einschlafe.

Und dann stört Sie kein summender Kühlschrank?
Man kann nicht darauf warten, dass die Welt still wird. Stille lässt sich auch neben der Landebahn eines Flughafens erfahren. Ernsthaft. Gestern hatte eine meiner Töchter einen Freund da. Ein Geplapper! Dann wachte die zweite Tochter auf, und es wurde noch lauter. Ich musste etwas schreiben, mich konzentrieren. Da habe ich laut Musik aufgelegt – ein mir bekanntes Stück, das meine Aufmerksamkeit nicht auf sich zog –, damit habe ich den anderen Lärm ausgeblendet. 

Sie schreiben: „Stille ist ein Ausweg, wenn man alles satthat.“ Ist der Weg ins innere Exil nicht irgendwie asozial?
Dieser Punkt ist mir wichtig: Die Stille, von der ich spreche, hat nichts Egoistisches. Ein Freund von mir ging ins Schweigekloster, klinkte sich von der Welt aus und sprach 365 Tage nicht. Die Stille, die ich meine, ist alltagskompatibel. Man wird durch sie wieder zugänglich und ein Teil der Welt. 

Ihre Töchter sind 21, 18 und 14 Jahre alt. Was sagen die zu Ihrem Stille-Fimmel?
Als die zwei Älteren das Buch gelesen haben, wussten sie, was ich meinte. Aber meine Jüngste, die hält es für einen Riesenschwachsinn. 

Kränkt Sie das?
Nein. Ich muss einfach akzeptieren, dass ihre Welt aus Kommunikation besteht. Die Chancen, dass dein Kind Neurochirurg wird, steigen nicht, wenn du ihm das Telefon wegnimmst. Aber sie werden zu einem Punkt kommen, an dem sie verstehen, dass sie einen Teil ihres Lebens schlicht verpassen. Aber wir können das Rad nicht zurückdrehen. Es wird sich eher noch beschleu­nigen. Wichtig ist, eine reflektierte ­Beziehung zu alldem zu entwickeln. 

Würde ein Schulfach helfen, das jungen Menschen ein Bewusstsein über die psychosozialen Folgen der Digitalisierung beibringt?
Ach, ich glaube, in Schulen wird schon zu viel gelehrt. (lacht) Wir müssen uns einfach bewusst werden, was die Technik mit uns anstellt. Ich bin Optimist. Der Homo sapiens ist irre gut darin, sich an neue Umstände anzupassen. Er wird es auch diesmal schaffen.

Ist Stille ein Luxusprodukt?
Absolut. An Lärm manifestiert sich ein neuer Klassenunterschied. Die Welt wird immer lauter, aber nur Wohlhabende können dem entfliehen. Sie wohnen an Orten mit weniger Lärm und besserer Luft, ihre Autos und Waschmaschinen sind leiser. Sie können sich Urlaub an einsamen Stränden leisten.

Kann die Sehnsucht nach Stille obsessiv werden? Eine Freundin erzählte, sie habe eine Nachbarin, die sich beschwere, meine Freundin gehe zu laut, sie habe einen „Fersentritt“. 
Meine Großmutter wuchs in einer winzigen Wohnung im Osten Oslos auf, drei Generationen in zwei hellhörigen Räumen. Das hat jeden genervt drumherum. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, es anzusprechen. Lärmempfindlichkeit ist ein Luxus­problem. Und es trifft auf den grenzen­losen Willen der Menschen, sich zu beschweren. Das hat nichts mit dem Wunsch nach Stille zu tun, das sind Charaktereigenschaften. 

Sie waren auf Expeditionen immer wieder alleine unterwegs. Da fällt einem das Schweigen leichter. Wie ist das in Ihrer Beziehung? Schweigen Sie da auch?
Nicht übermäßig. Aber ich glaube, dass man sich mit seinem Partner nicht über jedes Detail austauschen muss. 

Sie meinen, die älteren Paare, die sich im Restaurant anschweigen, tun das nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie es können?
Genau. Ich muss nicht mehr alles, was mir auffällt, aussprechen, weil der andere die Welt auch durch meine Augen sieht. Das Paar ist seit 40 Jahren zusammen, hat jede Art von Mist zusammen durchgemacht, die müssen sich nicht mehr drüber unterhalten, was der eine mag und was der andere. Die wissen, dass sie zusammenpassen: Sie können den Restaurantbesuch genießen.

Was entgegnen Sie einer berufstätigen Mutter mit zwei kleinen Kindern, wenn sie sagt: Stille? Wie bitte?
Ich glaube, es geht trotzdem. Stille ist immer da. Wir müssen nur unseren Fokus weg vom Geräusch lenken. Ich wollte mit meinem Buch keine Techniken lehren, aber natürlich hilft be­wusstes Atmen. Es hilft, das Smart­phone auszumachen. Das Beste wäre, alle elektronischen Geräte zu Hause zu ­lassen und in eine Richtung zu laufen. Drei Tage und drei Nächte irgendwo zu bleiben. Aber auch Abspülen hilft. Stricken. Holz hacken. 

Seit Neuestem gibt es Unterwasser-Funkkopfhörer.
Es hilft, sie nicht zu benutzen. Schwimmen ist der perfekte Sport für alle, die die Stille lieben.