Alicia Keys im Interview

„Es ist befreiend, schwach sein zu dürfen“

Mit ihrer #nomakeup-Kampagne zeigt Alicia Keys Gesicht. Wir haben mit der Musikerin über die Liebe zu sich selbst, den verkorksten US-Wahlkampf und ihr neues Album "Here" gesprochen, das im November erscheint.

Veröffentlicht am 13.10.2016
Alicia Keys Album

Alicia Keys neues Album "Here" erscheint am 4. November.


Frau Keys, in Ihrer aktuellen Single „In Common“ heißt es: „If you can love someone like me, you must be messed up too“, also frei übersetzt „Ganz sauber kannst du nicht sein, wenn du eine wie mich liebst.“ Sind wir alle ein bisschen verkorkst?
Ich denke ja. Wir laufen alle halbfertig und mängelbehaftet durch die Welt und versuchen permanent, uns zu verbessern, uns zu optimieren. Damit muss Schluss sein. Menschen sind keine Computerprogramme, die fehlerfrei laufen, wenn nur lange genug an ihnen herumgebastelt wurde. Niemand ist perfekt. Auch ich nicht. Perfektion ist eine Illusion. Nicht erstrebenswert.

Und das sagt ausgerechnet eine Klaviervirtuosin mit Mann und zwei Kindern, die klug, reich und engagiert ist?
Warum denn nicht? Ich habe all das nicht aus Berechnung getan. Ich kann nichts dafür, dass ich das Klavier spielen liebe. Ich will kein Vorbild für den perfekten Menschen sein. Wenn überhaupt, dann für den lernenden Menschen. Ich bin neugierig und sauge alles auf.

Wann haben Sie das letzte Mal so richtig Mist gebaut?
Leben bedeutet lernen und wachsen. Ich mache ständig Fehler, aber sie fallen mir immer weniger auf.

Für die Kampagne #nomakeup haben Sie viel Kritik geerntet. Ihre Beweggründe für das Abschminken haben Sie in Lena Dunhams Blog Lennelytter erklärt. Was hat den Ausschlag gegeben?
Die Idee kam während eines Fotoshootings mit der Fotografin Paola Kudacki. Wir trafen uns nach meinem Workout und sie meinte „Bleib so, wir fangen sofort an.“

Wie hat sich das angefühlt?
Ich kam mir vollkommen verletzlich vor. Es war ungewohnt und seltsam. Aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Man fühlt sich roh, offen, unverstellt. Make-up ist wie eine Rüstung, die dir vorgaukelt, stark zu sein. Dabei ist es viel befreiender, auch mal schwach sein zu dürfen.

Warum war es wichtig für Sie, gleich eine ganze Kampagne zu starten? Sollte sich nicht jede Frau schminken dürfen, so viel sie möchte?
Ich denke, dass ich vielen aus der Seele spreche. Ich wollte eine Debatte starten und ich freue mich, wenn Frauen schreiben „Mensch, Alicia, ich fühle mich genauso wie du.“ Früher war ich sehr unsicher, ich wusste nicht, was Schönheit ist. Bei #nomakeup geht es vor allem um eins: Man selbst zu sein. Sich zu akzeptieren und zu lieben. Das ist die Voraussetzung für alles Weitere im Leben.

Zur Schau gestellte Natürlichkeit als Aktivismus gegen den Perfektionswahn?
Ja. Ich will mich nicht mehr verstellen. Ich habe gelernt, wie wertvoll es ist, sich in der eigenen Haut wohlzufühlen. Nicht ständig nach Perfektion zu streben, sondern zu seiner eigenen Verwundbarkeit und Unzulänglichkeit zu stehen.

Wann haben Sie für sich beschlossen, dass die Jagd nach Perfektion ein Irrweg ist?
In den letzten drei Jahre, als ich an meinem neuen Album gearbeitet habe. Da habe ich meine großen Macken erkannt. Ich habe keine Lust mehr, den Leuten etwas vorzuspielen. Ich will niemand anderes mehr sein, als die Alicia, die ich nun mal bin.

Was sind denn Ihre Macken?
Ich war zu nett, ständig damit beschäftigt, nicht anzuecken und bloß niemanden zu enttäuschen. Ich wollte es allen recht machen. Das kostet Kraft. Ich habe gelernt, unbequem zu sein. Als Frau fällt das schwer, weil es leichter ist, immer erst mal "ja, okay" zu sagen. Aber es ist nicht immer alles okay.

Jetzt sind Sie also nicht mehr so nett?
Doch (lacht). IAber ich setze Grenzen. Ich bin nicht mehr so angepasst.

Was macht Sie glücklich?
Ich schaffe mir kleine Inseln. Früh morgens, wenn meine Familie noch schläft, meditiere ich. Dazu brauche ich totale Stille. Danach mache ich mir ein paar Notizen, dann beginnt der Tag.

Sie sind mit den Obamas befreundet, Barack verlässt bald das Weiße Haus. Sind Sie zufrieden mit dem, was er erreicht hat?
Ich sehe in der Bilanz ein halb volles und kein halb leeres Glas. Er hat einen guten Job gemacht. Und jetzt müssen wir sehen, wo das Land steht. Also, ich weiß zumindest, wo ich stehe.

Sie sind auf dem Parteitag der Demokratischen Partei aufgetreten und unterstützen Hillary Clinton. Machen Sie sich Sorgen, Donald Trump könnte die Wahl trotz seiner Eskapaden gewinnen?
Es wäre eine absurde Vorstellung, die es zu verhindern gilt. Wie? Ganz einfach. Die Leute müssen wählen gehen, auch die jungen, auch alle die, die sonst nicht viel für Politik übrig haben. Der Stimmzettel ist ein mächtiges Werkzeug, das mächtigste, das wir in einer Demokratie haben. Niemanden kann diese Wahl kalt lassen.

Ein Satz noch zum Album "Here", das im November erscheinen wird: Was kann man erwarten?
Das Album ist mein Liebesbrief an New York. Ich bin dort geboren und habe mein ganzes Leben in dieser Stadt verbracht. Sagen wir so: Wer es hört, wird es umhauen.

Frau Keys, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Steffen Rüth.