Priscilla Chan im Porträt

Facebook's First Lady

Mark Zuckerberg und sein soziales Netzwerk Facebook stehen wegen Fake-News-Vorwürfen und dem Umgang mit Hasskommentaren in der Kritik. Gerade jetzt braucht er eine kluge, starke Frau an seiner Seite – wie Priscilla Chan.

Veröffentlicht am 16.02.2017
Priscilla Chan.

Blitzgescheit und bodenständig: Priscilla Chan.


Zum Glück hat ihr Mann Facebook erfunden. So erfährt man über die derzeit geheimnisvollste Wohltäterin der Welt immerhin ein paar nette Kleinigkeiten, über die sie bei ihren spärlichen öffentlichen Auftritten nie reden würde. Dass sie griechischen Joghurt mag, zum Beispiel, und dass ihr Bill Gates „gefällt“. Ihre Like-Häkchen hat sie außerdem gesetzt bei Harry Potter, Beyoncé, Rafael Nadal und ausgerechnet beim biederen Honda Fit.

Hätte ihr Mann nicht Facebook erfunden, würde man statt Fotos von Begegnungen mit Papst Franziskus und Barack Obama auf ihrer Facebook-Seite eher Schnappschüsse vom letzten Grillfest mit gänzlich unprominenten Gesichtern sehen. Priscilla Chan wäre nicht die First Lady of Facebook, wie sie die Presse nennt, sondern eine sympathische Grundschullehrerin und Kinderärztin aus Kalifornien, die es aus kleinen Verhältnissen nach oben geschafft hat und nun davon träumt, Kindern aus ähnlich unterprivilegierten Familien die gleichen Chancen zu geben. Sehr wahrscheinlich hätte die blitzgescheite Tochter chinesischer Einwanderer auch jenseits des Rampenlichts die gleichen Ziele im Leben. Die 31-Jährige will nichts Geringeres als das amerikanische Schul- und Gesundheitssystem revolutionieren.

Mehr als fünfzig Milliarden Dollar werden Priscilla Chan und Mark Zuckerberg im Lauf ihres Lebens in einen Trust speisen, der unter anderem die Erstellung eines menschlichen Zell-Atlas und die Eindämmung sämtlicher Krankheiten zum Programm hat.

Facebook und die Fake News

Die Chan Zuckerberg Initiative ist das jüngste und eindrucksvollste Beispiel von amerikanischem Philantrokapitalismus: So nennen Wirtschaftler das Phänomen, wenn Superreiche eigene Charity-Unternehmen gründen. CZI will sich neben medizinischer Grundlagenforschung „dem Fortschritt der Menschheit und der Förderung von Chancengleichheit“ widmen. Dieses Thema ist in letzter Zeit etwas aus dem Fokus gerückt – und wird von der heftigen öffentlichen Debatte über die Verantwortung des Unternehmens überlagert. Facebook wird die massenhafte Verbreitung von Fake News und mangelnde Transparenz im Umgang mit Hassbotschaften vorgeworfen. Was Zuckerberg da erschaffen hat, ist eben nicht nur eine harmlose Social-Media-Plattform. Es ist ein Kommunikationsgigant, der den Alltag von Milliarden von Menschen durchdringt. In ein Wort übersetzt bedeutet das: Macht. Zuckerberg spürt, dass die Stimmung der Nutzer und Meinungsmacher gerade kippt. Er hat reagiert und sich ungewohnt deutlich auf Facebook zu Wort gemeldet. In einem Post Mitte Dezember schreibt er: „Ich habe begriffen, dass wir eine größere Verantwortung haben, als Technologie zu entwickeln (...) Wir sind mehr als nur ein News-Distributor.“

Die Zuckerbergs als big spender

Wie viel Anteil seine Frau an der neuen Zuckerberg-Doktrin hat? Sicher ist, dass Priscilla Chan einer Mission folgt. Und die lässt sich wiederum gut auf Facebook ablesen. Dort stellten die beiden vor gut einem Jahr ihre Initiative vor. Priscilla und Mark sitzen auf einem Sofa und schwärmen davon, dass schon Ende dieses Jahrhunderts die Menschheit von Aids und dem Zika-Virus befreit sein könnte. In dem Video ist Priscilla noch hochschwanger und der werdende Vater ein plapperndes Nervenbündel. Töchterchen Maxima wird kurz darauf, im Dezember 2015, geboren. Ihr Kind und überhaupt alle Kinder sollen es einmal besser haben, verkünden die big spender – und wirken in ihrem glücklich glucksenden Optimismus selbst wie Kids im Spielzeugparadies Silicon Valley.

Mark Zuckerberg mit seiner Frau Priscilla Chan und ihrem gemeinsamen Kind Maxima.

Mark Zuckerberg mit seiner Frau Priscilla Chan und Töchterchen Maxima.


„Wir haben riesige Ziele“, sagt Priscilla in einem Fernsehinterview, die sich sonst lieber im Hintergrund hält wie ihr Mann. Kinder in der sonnigen CZI-Zukunft werden „hundertmal mehr lernen als heute“. Wenn Mark Zuckerberg solche Dinge sagt, klingt er wie viele dieser kauzigen Hightech-Milliardäre, die glauben, alles Mitmenschliche lasse sich mit Codes und Algorithmen regeln. Priscilla ist da anders: Eine sanfte Ernsthaftigkeit geht von ihr aus, eine Zielstrebigkeit, die nicht großspurig ist, sondern pragmatisch. „Mark ist der Techniker, ich bin die Lehrerin“, sagt sie dazu. Viertklässler hat sie früher unterrichtet, daher hat die Frau ihre Engelsgeduld. Sie ist eine hübsche Frau mit weichem Mund und pechschwarzen Haaren, schlank, aber nicht hollywoodmäßig ausgemergelt. Chinesische Blogger, die ihren Aufstieg eifersüchtig verfolgen, giften, sie sehe „bäuerlich“ aus, wie eine Durchschnittschinesin, Zuckerberg sei da attraktiver.

Priscilla Chan gibt die Richtung vor

Tatsache ist, dass einem das Power-Paar nicht gerade wie Jay Z und Beyoncé vorkommt, eher wie zwei Studenten, die noch Bafög abstottern. Wenn man sie mal auf den Straßen von San Francisco erwischt, dann meist in Kapuzenanorak und Turnschuhen (er) bzw. in Yoga-Pants und braven T-Shirts (sie). „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack“, sagt Priscilla. Noch vor ihrer Hochzeit war sie einmal mit Marks älterer Schwester Randi einkaufen, verguckte sich in ein Paar Schuhe – und stellte sie mit Blick aufs Preisschild (600 Dollar) still zurück. „Ach, komm, das kannst du dir doch leisten!“, rief Randi. Darauf Priscilla: „Vergiss nicht, es ist nicht mein Geld.“

Dass Zuckerberg, den selbst engste Freunde als „überprogrammiert“ beschreiben, sein Vermögen nun an Schulen und Krankenhäuser verteilt, liegt hauptsächlich an den Wertvorstellungen seiner Frau. Klar redet der Internet-Mogul davon, der Gesellschaft, die ihn schwerreich gemacht hat, „etwas zurückzugeben“. Das Schlüsselwort in seiner Branche lautet „ethisches Investment“. Doch es ist Priscilla Chan, die als Erste in ihrer Familie eine weiterführende Schule besucht hat und die Zuckerbergs guten, wenngleich vagen Absichten die emotionale Grundlage gibt. Kurz: die aus persönlichem Antrieb die Milliarden in die richtige Richtung lenkt.

Mark Zuckerberg und Priscilla Chan bei einem Treffen mit Papst Franziskus im Vatikan.

Ein Treffen mit Papst Franziskus im Vatikan.


In Palo Alto, im Herzen des Silicon Valley, hat sie im vergangenen August eine Privatschule gegründet für Kinder aus Familien, die der Hightech-Boom an den Rand gedrängt hat. Der Unterricht ist umsonst, auch die medizinische Versorgung. Armut, sagt Priscilla Chan, sei mit das Schlimmste, was einem Kind widerfahren kann, sie ersticke Neugier, Ehrgeiz, Hoffnung. Dass die Industrie, in der ihr Mann so erfolgreich ist, diesen Spalt zwischen Arm und Reich ständig vertieft, kann sie nicht ändern. Und doch empfindet sie Verantwortung – sie weiß aus eigener Erfahrung, wie hart es ist, sich nach oben zu kämpfen. Und wie wichtig der Rückhalt und die Hilfe von Lehrern sind. Ihre Eltern waren Boatpeople, Flüchtlinge aus Vietnam und Angehörige einer chinesischen Minderheit, die Ende der 70er auf Umwegen in die USA kamen. In Boston eröffneten die Chans ein kleines Lokal, „The Taste of Asia“, wo sie achtzehn Stunden am Tag schufteten. 1985 wurde Priscilla in einem Vorort südlich von Boston als älteste von drei Töchtern geboren. Man sprach Kantonesisch zu Hause, die chinesischen Großeltern lernten nie Englisch.

Sie ist der American Dream

Sie sei ein angespanntes kleines Mädchen gewesen, sagt Priscilla lächelnd. Wissensdurstig, strebsam, durchdrungen vom Wunsch, ihre Eltern stolz zu machen. Mit dreizehn fragt sie ihren Lehrer, wie man nach Harvard kommt. Für die Chans ist die Lehrstätte mehr als nur Karrieresprungbrett, sie ist der American Dream. Die junge Priscilla studiert Biologie und Spanisch. Auf einer Party lernt sie Mark kennen, in der Schlange vor der Toilette. Sie findet ihn „ein bisschen seltsam“, ein Computer-Nerd halt. Ein schmaler Rotschopf in Adidas-Schlappen, Kommilitonen beschreiben ihn als schwer erträgliche Mischung aus arrogant und schüchtern. Beim ersten Date hat Mark mit dem Campus eigentlich schon abgeschlossen, er hat gerade Facebook gegründet; 2005 schmeißt er endgültig hin und reist nach Berkeley und an die Tech-Uni MIT, um Programmierer für sein Start-up zu rekrutieren.

Priscilla mag ihn. Doch ganz die gute Tochter, macht sie 2007 zuerst ihren Abschluss, ehe sie ihm an die Westküste folgt, wo er das Hauptquartier von Facebook aufschlägt. An der Universität von San Francisco beginnt sie ihr Medizinstudium. Sie hat eine kleine Wohnung nahe dem Golden Gate Park, vor der oft Zuckerbergs schwarzer Acura parkt. Die beiden kochen zusammen, spielen „Die Siedler von Catan“. Manchmal gehen sie rudern im Park, aber immer in getrennten Booten, Mark mag den Wettkampf.

Die Kate Middleton des Silicon Valley

Längst ist aus dem verdrucksten College-Jungen das meistgejagte Computergenie geworden: MTV, Microsoft, alle wollen ihm Facebook abkaufen. 2006 schlägt Mark das Yahoo-Übernahmeangebot von einer Milliarde Dollar aus. „Es geht nicht ums Geld“, sagte er, „Facebook ist doch mein Baby!“ Nein, Protzer sind die beiden gewiss nicht. Ihre Hochzeit im Mai 2012 findet im Garten ihres Hauses in Palo Alto mit nicht mal hundert Leuten statt. Kurz zuvor hat Priscilla ihren Doktor in Pädiatrie gemacht. „Ich bin so stolz auf dich – Dr. Chan :)“, säuselt Mark auf Facebook. Die Gäste mampfen Sushi und Tacos, wollen auf die Promotion anstoßen und erfahren den eigentlichen Grund der Einladung. Zu der Zeit ist der Bräutigam laut Forbes bereits 19 Milliarden Dollar schwer. Trotzdem hat er nicht bei Tiffany geshoppt, sondern den Ring für Priscilla selbst entworfen. „Nur“ 25 000 Dollar sei der wert, die Klatschpresse nennt ihn einen Geizkragen. Mit Tochter Maxima, 1, und Strubbelhund Beast, 5, wohnen sie noch immer in der gleichen baumgesäumten Straße in Palo Alto. Nur hat Zuckerberg inzwischen die Nachbarhäuser aufgekauft, damit ihnen keiner in den Hinterhof stieren kann.

Hochzeitsfoto von Priscilla Chan und Mark Zuckerberg.

Ein perfektes Power-Paar: Priscilla Chan und Mark Zuckerberg an ihrem Hochzeitstag.


Die klatschsüchtige Website „Buzzfeed“ hat Priscilla zur „Kate Middleton vom Silicon Valley“ erklärt, doch der Titel blieb nicht haften, Priscilla wird, wenn sie in den Laboren der CZI oder in der Schule vorbeischaut, nicht als Mrs. Zuckerberg wahrgenommen. Sondern als Dr. Chan. Auch Trophy Wife wurde sie schon genannt, was nur im ersten Moment albern klingt. Im Silicon Valley versteht man darunter nicht Melania Trump und andere Beautys an der Seite alternder Mogule. Sondern hochqualifizierte, supersmarte Frauen, die sich aus nie ganz ersichtlichen Gründen in Nerds verlieben, sie an die Hand nehmen – und dann tun, wozu ihnen ein paar Millionen gefehlt haben: die Welt verbessern.

Text: Christine Kruttschnitt