„Familienbande“: Alina Süggeler

Reden ist Gold

Mit einem neuen Album meldet sich Frida-Gold-Sängerin Alina Süggeler zurück. Dass Musik nicht immer an erster Stelle kommt, erzählt sie im Gespräch mit Bruder Fabian. Über schwierige Zeiten und Krisemanagement.

Veröffentlicht am 26.10.2016
Sängerin Alina Süggeler alias Frida Gold.

Frida-Gold-Sängerin Alina Süggeler.


Alina Süggeler, 31

Meine Eltern sind uns drei Geschwistern auf ganz natürliche Weise mit der gleichen Aufmerksamkeit begegnet. Es kam weder zu Konkurrenzsituationen noch spielte einer von uns die Hauptrolle. Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum ich zu meinen Geschwistern schon immer ein so enges Verhältnis hatte und sie heute meine besten Freunde sind. Als wir noch unter einem Dach lebten, war ich die Große und Ninon und Fabian die Kleinen. Dabei ist meine Schwester, die in Budapest studiert, viel tougher und hat sich selbst und ihre Bedürfnisse gut im Blick. Fabi hat irre viele Talente, musste sich ausprobieren und wusste nie genau, was er als Nächstes machen wollte. Diese Orientierungsphase hat meine Eltern nervös gemacht. Ich bin dankbar, dass ich für ihn ein bisschen Leitbild sein konnte, weil ich das auch durchgemacht habe. Er brauchte einfach etwas Zeit.

Wir erden uns gegenseitig, indem wir viel miteinander sprechen. Wenn ich im Ruhrgebiet bin, passiert das meistens am großen Küchentisch meiner Mutter oder wenn wir mit unseren Hunden spazieren gehen. Wenn einen von uns etwas bedrückt, hören alle zu. Es gibt natürlich immer wieder Phasen, in denen die Öffentlichkeit auf mich schaut und ich gestresster bin, weil wir beispielsweise ein neues Album rausbringen. Meine Familie muss nicht mit jedem Frida-Gold-Song etwas anfangen können. Jeder pickt sich das raus, was er mag.

Wir haben auch schwierige Zeiten als Familie gehabt. Als unsere Eltern sich getrennt haben, sind sie emotional für uns weggebrochen, weil sie mit sich beschäftigt waren. Ich wurde als Große früh eingeweiht, die Kleinen nicht. Eine Weile hatte ich eine Vermittlerposition, die mich erst geehrt hat und dann ganz schnell überforderte. Mir war wichtig, dass meine kleinen Geschwister die Trennung ohne große Erschütterungen überstehen. Und egal, was war, am Ende hatten wir immer uns.

Ich liebe den Ruhrpott und wünsche mir, dass wir dort später alle in einem Mehrgenerationenhaus leben. Nach unserem Debütalbum brauchte ich aber einen Kulissenwechsel und bin nach Berlin gezogen. Dort kann ich für mich sein. Beim Schreiben und Produzieren ist das gut, weil ich dann manchmal anderen Menschen nicht so gerecht werden kann, wie ich das gern würde. In solchen Phasen tauche ich ab. Zum Beispiel in die Philharmonie. Obwohl ich mein Querflötenstudium abgebrochen habe, liebe ich klassische Musik immer noch sehr. Die Perfektion und das Handwerk faszinieren mich, das ist wie Training für mich.

Fabian Süggeler, 28, der Bruder

Als ich Alina irgendwann im Fernsehen in einem Video sah, kapierte ich schlagartig, dass sie nicht mehr nur meine große Schwester ist, sondern Sängerin. Sie hat das Musizieren von Anfang an mit Leidenschaft betrieben und nach dem Abitur einige Semester Querflöte an der Folkwang Uni in Essen studiert. Ich glaube allerdings, dass sie als Konzertmusikerin nicht glücklich geworden wäre. Alina muss sich kreativ ausleben und ihr eigenes Ding machen. Ich selbst spiele bis heute in einer Band Gitarre, aber nur zum Spaß.

An Alina habe ich miterlebt, dass es sich lohnt, für eine Sache einzustehen und sie zu verfolgen. Unsere Schwester Ninon ist das Nesthäkchen, geht sehr gradlinig ihren Weg und studiert Tiermedizin in Budapest. Sie zweifelt nicht so viel an den Dingen, wie Alina und ich das immer wieder tun. Als unsere Eltern sich getrennt haben, war das für uns alle schwierig. Meine Schwestern sind bei meiner Mutter geblieben, in dem Haus, in dem auch schon unsere Großeltern gelebt haben. Ich bin zu meinem Vater gezogen. Das Gute daran: Unsere Eltern sind auseinandergegangen, aber wir Geschwister sind emotional enger zusammengerutscht. Es gibt ein Grundvertrauen zwischen uns und ich weiß, wenn einer mich trösten kann, dann ist es Alina. Dann bin ich wieder einer der Ersten, die einen neuen Song zu hören bekommen, und mein Feedback ist gefragt. Zu Liedern wie „Breathe on“ habe ich eine besondere Beziehung, weil Alina über gemeinsam Erlebtes singt.

Anfangs bin ich einfach nur so mit auf Tour gegangen und habe die Konzerte gefilmt, damals war ich 14 Jahre alt. Dann habe ich die Making-of-Filme für Frida Gold gedreht und heute arbeite ich bei den Musikvideos mit. Mein Geografiestudium liegt inzwischen auf Eis. Als sich 2009 der Erfolg mit „Wovon sollen wir träumen“ einstellte, nahm das eine Weile viel Raum ein. Das war okay, weil jeder in einer Familie phasenweise Aufmerksamkeit braucht. Wir haben auch mitbekommen, was Alina alles leisten muss. So ein Popstar-Leben ist ja nur bedingt glamourös, die meiste Arbeit findet hinter verschlossenen Studiotüren statt. Ich glaube, wenn man sich nicht so nah wäre, wie wir es sind, bestünde die Gefahr, neidisch zu werden, weil man nur die Schokoladenseite sieht. Wir teilen aber auch die Rückschläge.

Ich wohne immer noch in Hattingen, unserer Heimatstadt, und will von dort auch erst mal nicht weg. Seit der Scheidung unserer Eltern sind zehn Jahre vergangen, die Wunden von damals sind verheilt und wir feiern als Familie wieder alle Feste zusammen. Da kann es sein, dass wir uns zum Frühstück treffen, das sich bis in den Abend zieht. Unsere Hunde sind immer mit dabei. Der erste, den wir hatten, war ein Soft Coated Terrier. Inzwischen hat jeder seinen eigenen. Alinas bellt übrigens am lautesten.

Protokolle. Antje Wewer