Familienbande: Douce Steiner

Talent zum Genießen

Douce Steiner kocht nicht für Sterne, sondern für die Gäste. Die ausgezeichnete Köchin führt den „Hirschen“ in Sulzburg in zweiter Generation und lebt jetzt ihrer Tochter die Liebe zum Essen vor.

Veröffentlicht am 10.12.2016
Douce Steiner und Justine Weiler.

Douce Steiner, die den „Hirschen“ in zweiter Generation führt, mit ihrer Tochter Justine Weiler.


Douce Steiner, 45

Wenn mir Justine erzählt, wie viele Mädchen ihres Alters auf dem Fitness-Trip sind und sich von Eiweiß-Shakes ernähren, dreht sich mir der Magen um. Heute geht’s nur noch darum: Wie sehe ich aus? Wie stelle ich mich dar? Wie dünn bin ich? Und viel zu selten um die Frage: Was tut mir wirklich gut? „Fang bloß nicht mit diesem ungesunden Mist an, iss lieber eine Portion Fisch!“, habe ich zu meiner Tochter gesagt. Aber ich denke, Justine ist nicht gefährdet. Klar, auch sie wird ständig mit diesem unbarmherzigen, extrem lustfeindlichen Schlankheitsdiktat konfrontiert. Aber sie hat ein gesundes, sinnliches Verhältnis zum Essen. Niemals würde sie zu irgendwelchen minderwertigen Pülverchen greifen und sich den Spaß an einem guten Stück Fleisch mit Gemüse nehmen lassen.

Kinder lernen von uns schmecken, riechen, genießen. Ihre Essgewohnheiten, ihre Vorlieben und Abneigungen werden im Elternhaus geprägt. Mein Mann und ich haben unserer Tochter von klein auf die Liebe zum Essen vermittelt. Ganz spielerisch, ohne Verbote, ohne Zwang, mit viel Lust am Genuss. So wie auch meine eigenen Eltern mich an das Thema herangeführt haben. Wir kochen alles frisch, es gibt keine Fertigprodukte, keine künstlichen Aromen. Justine hat nie Babynahrung aus Gläschen bekommen, stattdessen habe ich Pürees gemacht. Dazu gab’s ausschließlich Wasser. Wenn man einem Baby von Anfang an nur Wasser gibt, dann bleibt es dabei. Justine trinkt auch heute noch am liebsten Wasser. Eine Freundin von mir hat Apfelsaftschorle in die Babyflasche gefüllt, eine andere gesüßten Tee. Später haben sie sich dann gewundert, dass ihre Kinder nur süße Getränke mochten. Ab und zu haben auch wir mal Süßattacken. Dann haut man sich eben eine Tüte Gummibärchen rein und gut ist.

Als Justine größer war, habe ich sie oft in die Restaurantküche mitgenommen. Sie saß auf dem Tisch, und wenn ich ein neues Gericht gekocht hatte, habe ich gesagt: „Justine, probier doch mal, ob ich das auf die Karte setzen kann.“ Wichtig war mir, dass sie offen für Neues ist. Neugier überwindet Skepsis. Aber ich hab nie gesagt: Du musst deinen Teller leer essen. Heute probiert sie alles, mag alles, genießt jede Mahlzeit. Genau wie ich auch. Wir essen nicht nur Wachteleier und Ochsenschwanzpralinen, sondern auch ganz normale Sachen: Spaghetti, Pizza, Kartoffelsalat – immer alles selbst gemacht.

Es gibt doch nichts Schöneres, als sich abends mit der Familie oder mit Freunden an einen Tisch zu setzen und zusammen zu essen. Die Ruhe, die entspannte Stimmung, die Geschichten, die man sich erzählt, all das wird mit dem Duft und Geschmack der Speisen verbunden und so zu einem sinnlichen Erlebnis, auf das man sich jeden Tag aufs Neue freut.

Justine Weiler, 17, die Tochter

Wenn ich in den Sommerferien ohne meine Eltern bei meinem Opa in der Eifel war, habe ich zusammen mit meinem Cousin literweise Cola getrunken. Die Schule war vorbei und diese kleinen Cola-Partys waren unsere Belohnung. Bei uns zu Hause gab es so was nicht. Mit 13 bin ich öfter mal zu McDonald’s gegangen, weil alle aus meiner Klasse das gemacht haben, aber jetzt brauch ich das gar nicht mehr. Ich habe die gesunden Sachen zu schätzen gelernt. Und das, was meine Eltern für mich kochen, schmeckt sowieso meistens am besten. Sie haben mir beigebracht, was gutes Essen ist, aber gleichzeitig haben sie mir die Freiheit gelassen, selbst zu entscheiden, was ich mag. Viele Mädchen in meinem Alter sind Vegetarierinnen. Nicht nur, um abzunehmen, sondern vor allem wegen der Massentierhaltung. Ich verstehe das, könnte es aber nicht. Bei uns ist alles frisch, wir essen nur Tiere aus Freilandhaltung.

Natürlich kenne ich einige Mädchen, die dem Schönheitsideal hinterherjagen und extrem dünn sein wollen. Eine gute Bekannte von mir ist magersüchtig. Sie war immer so gesund wie ich, selbstbewusst, lebensfroh, ein richtiger Genussmensch. Jetzt ist sie in der Klinik. Durch die Sucht wird man ein anderer Mensch. Essen macht einen ja glücklich, und wenn dieses tolle Gefühl nach einer guten Mahlzeit fehlt, dann ist das schade.

Nach dem Abi will ich eine Lehre bei der Zwei-Sterne-Köchin Tanja Grandits in Basel beginnen. In ihrem Restaurant „Stucki“ hab ich letztes Jahr ein Praktikum gemacht, da hat’s mir richtig gut gefallen. Auch weil sie eine Frau ist, die sich in diesem harten Männerjob durchbeißen musste und trotzdem nett und entspannt geblieben ist. Wie meine Mutter. Ich glaube, Spitzenköchinnen gehen oft gelassener mit dem Druck um als Männer. Meine Mutter kocht nicht für die Sterne, sondern für ihre Gäste und den eigenen Spaß. So möchte ich das später auch gern machen.

(Protokolle: Susanne Schäfer)