Sebastian Fitzek im Interview

„Ich kann nicht mehr über einen leeren Parkplatz gehen“

Andere Männer reden über ihren Job, Krimiautor Sebastian ­Fitzek bespricht mit seiner Frau beim Abendessen perfide Mordmethoden. Szenen aus einem Ehethriller.

Veröffentlicht am 08.12.2017
Sebastian und Sandra Fitzen.

Tatort Arbeitszimmer: Die Gesprächsthemen zwischen Sebastian Fitzek und seiner Frau Sandra sind nichts für schwache Nerven. 


Sebastian Fitzek, 46

Ideen für Krimis entwickeln kann jeder. Allerdings halten die wenigsten freiwillig Ausschau nach verhaltensauffälligen Menschen oder grausamen Taten. Ich bin Geschichtensammler und hatte schon immer Interesse an Menschen. Früher habe ich neben der Schule als Wachmann auf Messen gejobbt. Da kamen nachts die Putzkolonnen. Das waren vor allem Rentner, die mir dann ihre Lebensgeschichten erzählt haben – und das hat mich nicht mehr losgelassen. 

Ich bin grundsätzlich kein ängstlicher Mensch. Aber seit ich viel zu früh „Aktenzeichen XY … ungelöst“ gesehen habe, kann ich nicht mehr über einen leeren Parkplatz gehen, ohne mich zu gruseln. Es ist übrigens ein Klischee, dass jeder Thrillerautor nicht ganz richtig tickt. Im Gegenteil: Man muss sensibel sein, sich in andere Menschen einfühlen können. Als Autor kann ich dann in eine Situation eingreifen, sie verändern – das ist großartig. An Serienmördern oder Attentätern fasziniert mich nicht viel. Mich interessieren die Opfer. Spannungsliteratur funktioniert wie ein Blitzableiter: Sie bietet einem die Möglichkeit, sich in einer sicheren Umgebung den eigenen Ängsten zu stellen. 

Um Plots zu testen, stelle ich Sandra oft die Was-wäre-wenn-Frage: „Stell dir vor, das und das passiert, würdest du gern mehr darüber erfahren?“ Ansonsten bin ich in Schreibphasen eher sozial inkompatibel. Nachdem ich die Kinder in den Kindergarten und die Schule gebracht habe, gehe ich ins Büro und schreibe, solange es geht. Oft tauche ich dann nicht mal zum Abendessen auf, weil ich den Schreibfluss nicht unterbrechen will. Es würde auch wenig Sinn machen, denn ich wäre nur körperlich anwesend.

Die Geschichten leben in meinem Kopf weiter, oft bin ich selbst erstaunt, wie sich eine Figur entwickelt. Das ist ein leicht schizophrener Zustand, was einerseits schön ist, weil das Schreiben keine Reißbrettarbeit mehr ist. Andererseits ist es eine Reise ins Unbekannte, bei der ich die eigentliche Geschichte nicht aus den Augen verlieren darf. Das sind Momente, da sitze ich zu Hause und bin nervös.

Noch können meine Kinder nicht lesen, wenn sie aber eines Tages in meine Bücher reingucken wollen, hätte ich damit kein Problem. Wichtig ist, dass meine Frau und ich sie dabei nicht alleine lassen, damit sich die Bilder nicht in ihren Köpfen verselbstständigen. Neulich habe ich ihnen eine Gruselgeschichte über ein Monster erzählt, das im Schrank wohnt. Danach wollten sie nicht alleine schlafen – schön doof von mir. Meine Lösung war eine „Febreze“-Flasche mit Lavendelduft. Ich erklärte ihnen, dass das ein Anti-Monster wäre, das sie selbst versprühen können. Das ganze Zimmer hat wochenlang danach gerochen. Aber seitdem haben wir Ruhe.

Sebastian Fitzek bei der Arbeit.

Sebastian Fitzek sagt, mit seinen Büchern schreibe er sich die Ängste von der Seele.


Sandra Fitzek, 32, die Ehefrau 

Wenn Sebastian an einem neuen Thriller arbeitet, merke ich das daran, dass er auf Fragen mit „Mhm, ja …“ antwortet. Er ist mit seinen Gedanken weit weg, und ich muss alles zwei- bis dreimal wiederholen, bis er es registriert. Das sind Phasen, in denen es auch passieren kann, dass er abends um zehn noch mal schnell an den Computer muss. Meistens kenne ich die Geschichten aber schon, bevor er sie aufschreibt.

Wir reden viel über seine Plots und führen Unterhaltungen, die andere Paare vermutlich eher nicht führen. Als er an „Der Augenjäger“ arbeitete, haben wir zusammen überlegt, wie die Hauptfigur, ein psychopathischer Chirurg, die Augenlider seiner Opfer festkleben könnte. Ich schlug vor, sie einfach abzuschneiden – Sebastian guckte nur komisch. Neulich waren wir mit dem Auto unterwegs. Ich habe ein Sandwich gegessen, während er mir seine neuesten Einfälle geschildert hat. Irgendwann habe ich gesagt: „Bitte hör auf, sonst wird mir schlecht.“

Ich hatte keine Ahnung, wer Sebastian war, als ich ihn auf einer Buchhändler-Party in Berlin-Steglitz kennenlernte, zu der mich eine Freundin mitgeschleppt hatte. Er sagt, er hätte mich angesprochen, aber es war andersherum. Wir haben uns kurz danach wieder getroffen, bei mir hat es sofort klick gemacht. Ich war erst 22, aber mir war klar: Das ist der Mann, den ich heiraten und mit dem ich Kinder haben will.

Das hat sich auch nach knapp zehn Jahren nicht geändert. Ich grusele mich überhaupt nicht vor ihm. Aber manchmal habe ich Albträume. Sebastian sagt immer, er müsse sich seine Ängste von der Seele schreiben. Bei mir ist es ähnlich, nur dass ich mir Filme ansehe. Ich gucke einen Horrorschocker, und danach kann ich ruhig schlafen.

Was die Erziehung angeht, sind wir uns im Großen und Ganzen einig. Ich bin definitiv die Strengere, ich verbringe momentan ja auch die meiste Zeit mit den Kindern, da muss man manchmal ernster werden. Die wollen jeden Abend eine Geschichte von Sebastian hören. Für meinen Geschmack schmückt er sie etwas zu sehr aus. Einmal kam unsere Tochter in die Küche, da war sie vielleicht drei, und sagte: „Mama, ich habe ein langes Messer, ich muss dich jetzt töten!“ Was er da bloß wieder erzählt hat?

Sandra Fitzek.

Was Sandra Fitzek beim Einschlafen hilft? Horrorfilme – was sonst! 


Biografien

Sebastian Fitzek, am 13. Oktober 1971 in Berlin geboren, ist promovierter Jurist und mit neun Millionen verkauften Büchern Deutschlands erfolgreichster Thrillerautor. Seine bisher 15 Romane wurden in 24 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Gerade erschien „Flugangst 7A“ bei Droemer Knaur. Hobbys: Lesen, Schlagzeug, Tennis.

Sandra Fitzek, am 20. August 1985 geboren, ist gelernte Kauffrau. 2010 heiratete sie Sebastian Fitzek, zusammen haben sie drei Kinder: Char­lotte, 7, David, 6, und Felix, 4. Die Familie lebt im Berliner Westen. Hobbys: Joggen, Gymnastik, Fremdsprachen.