Familienbande: Gero und Julia von Boehm

Sie nehmen's persönlich

Wie geht man mit prominenten Persönlichkeiten um? Gero von Boehm porträtiert sie, seine Tochter Julia kleidet sie ein. Was beide interessiert? Die Menschen hinter den großen Namen.

Gero und Julia von Boehm.

Julia von Boehm wäre es am liebsten, ihr Vater zöge auch nach New York.


Gero von Boehm, 62

Was mich an Menschen interessiert, ist, was sie antreibt. Die Höhen und Tiefen, die Abgründe. Ob ich selbst welche habe, weiß ich nicht. Und selbst wenn, würde ich das nicht verraten. Ich hasse es, Antworten zu geben. Deshalb frage ich ja so viel. Ich nehme mich gern zurück, Distanz ist mir wichtig, vor allem im Gespräch mit Menschen. Die Nähe schafft man dann über Vertrauen. Das Urvertrauen in meine Tochter, wie in alle unsere drei Kinder, ist grenzenlos – und es wurde kein einziges Mal enttäuscht. Wird schon schiefgehen, das ist unser Motto. Wenn ich die Angst zuließe, dann würde ich mich vielleicht sorgen, dass Julia an die falschen Leute gerät, dass sie zu viel Vertrauen hat und ausgenutzt wird. Das würde mir nicht gefallen. Aber das ist das Risiko der Freiheit. Und es ist gut, dass wir sie haben.

Freiheit muss man dosieren. Wir waren früher beispielsweise mit Drogen konfrontiert. Ich habe viel probiert und es dann sofort wieder gelassen. Marihuana fand ich stinklangweilig, LSD Ende der Siebziger in New York war ein einziger Horrortrip. Trotzdem habe ich später auch meinen Kindern gesagt: Immer alles ausprobieren! Ich hatte nie Angst, dass das in die falsche Richtung gehen könnte. Mit 12 oder 13 habe ich Julia ihren ersten Schluck Wein gereicht, zum Essen. Da trinkt man keinen Apfelsaft. Das war wunderbar, nur so lernt man, was die guten Sachen sind.

Große Egos kommen ohne Allüren aus

Bei Kindern ist es wichtig, nie den Faden zu verlieren. Man muss immer wissen, was sie umtreibt. Deshalb haben wir ständig Kontakt, jeden Tag mindestens einmal. Ich bin sehr stolz darauf, wie meine Tochter lebt, wie sie das alles völlig selbstständig bewältigt. Heute sehe ich sie – aus der Distanz – als erfolgreiche Frau, die ihren Job grandios beherrscht. Es ist eine Freude zu sehen, wie sie mit ihrem Team umgeht. Alles passiert auf Augenhöhe, es herrscht eine sehr menschliche Atmosphäre, die in der Modewelt eher ungewöhnlich ist. Dabei muss ich sagen: Die wirklich großen Egos kommen ganz ohne Allüren aus. Man muss sich davon freimachen, dass da ein Fellini, ein David Chipperfield oder ein Lars Eidinger vor einem sitzt. Dann noch ein bisschen was zu wissen und die Leute nicht zu langweilen hilft. In den schlimmsten Situationen rettet sowieso nur noch der Humor. Alles hat doch einen komischen Kern, das ist das Loriot-Prinzip. Meine Tochter und ich lachen unfassbar viel.

In meinen 40 Jahren Arbeit hat es noch nie Streit mit dem Team gegeben. Man muss sagen, wo es langgeht, und miteinander reden. Das ist alles. Ich liebe Harmonie und tue alles, um sie zu erhalten: Wieso soll ich mich mit dummen Sachen oder Leuten langweilen? Zeitverschwendung. Bei tollen Projekten bin ich hellwach, wenn ich aber merke, dass jemand nicht vorbereitet ist, schlafe ich ein. Eine Art Narkolepsie aus Langeweile. Meine Frau weiß dann, wo sie mich kneifen muss. Wenn sie dabei ist, ist es aber nie langweilig. Dieses Glück, das ist für mich der Kern des Lebens.

Stil, das ist der Mensch selbst

Wie meine Tochter bin auch ich ein absoluter Bauchmensch. Die Recherche für meine Arbeit ist nur das Beiwerk, das ich abrufen können muss. Aber im Gespräch muss ich das Konzept, das ich akribisch erstellt habe, in einer Sekunde wegschmeißen können, wenn ich merke, mein Gegenüber geht in eine andere Richtung. Dann lass ich mich von meinem Instinkt leiten.

Ich hoffe, dass meine Tochter nicht zu viel von mir mitbekommen hat, dass sich die Spuren langsam verwischen. Sie soll ja sie selbst sein. Über Stil denke ich nicht nach. Für mich ist Stil der Mensch selbst, das Gesamtbild. Stil ist auch zu wissen, was man nicht will, was man weglassen kann. Meine Tochter lässt mit der Zeit immer mehr weg. Sie wird klarer, das sieht man an ihrer großartigen Arbeit. Was ich nie weglassen würde, wäre gutes Essen. Und ein Schluck Sauvignon Blanc.

Gero von Boehm.

Steht nur, wenn er nicht sitzen kann (nach Winston Churchill): Gero von Boehm.


Julia von Boehm, 37, die Tochter

Zwischen meinem Vater und mir gibt es keine offenen Fragen. Wenn ich etwas wissen will, kläre ich das gleich. Ich war schon als Kind sehr direkt, das hilft mir heute in meinem Job, weil ich keine Geheimnisse habe – das wissen meine Kunden zu schätzen. Und dass ich kritisch bin, dafür werde ich schließlich bezahlt. Vielleicht bin ich mir selbst gegenüber manchmal zu streng. Bei den Menschen, mit denen ich arbeite, kommt Ehrlichkeit und Offenheit an erster Stelle. Freundlichkeit und Sensibilität kommen gleich danach. Das sind auch die Eigenschaften, die ich an meinem Vater schätze. Ich vertraue ihm und seiner Meinung blind. Er versteht einfach, was in meinem Beruf passiert. Zusammen mit meiner Mutter ist er der beste Wegweiser in meinem Leben.

Ich war ein Papakind, wahrscheinlich weil wir uns so ähnlich sind. Von ihm habe ich das Einfühlungsvermögen für die großen Egos, die mir tagtäglich unterkommen. Bei Interviews mit bekannten Persönlichkeiten hat er zu allererst ihr Vertrauen gewonnen. Das habe ich mir von ihm abgeschaut. Dass uns berühmte Leute nicht beeindrucken, auch. Wir verstellen uns nicht, wir sind wir selbst. Das ist sehr wichtig, wenn ich mit Stars wie Nicole Kidman zusammenarbeite, deren persönliche Stylistin ich bin. Man kommt sich sehr nah, wenn sie sich plötzlich vor einem ausziehen. Darauf bereite ich mich – anders als mein Vater – aber nicht vor. Ich bin lockerer, wenn ich nicht weiß, wie viele Oscars im Regal stehen. Ich will die Person lieber als Mensch kennenlernen und ich bin dann das weiße Blatt, das sich mit Ideen füllt. So versuche ich eine Person intelligent einzukleiden.

Frauen packen an, ohne ihre Weiblichkeit zu verlieren

Die Liebe zum Detail habe ich ebenfalls von meinem Vater. Er legt viel Wert auf Stil, auch wenn er das bestimmt verneinen würde: klassisch, aber mit einem kleinen Twist. Raffinessen sind ihm wichtig, ein schönes Einstecktuch, ein Pullover aus einem angenehmen Material, ein eleganter Flakon. Meine Mutter ist eher pragmatisch – und manchmal genervt, wenn wir uns in dekorativen Details verlieren. Die Liebe zur Mode habe ich dagegen selbst entdeckt. Ich war ein sehr entschiedenes Kind. Dass ich in Paris Mode studieren würde, wusste ich mit zehn, und als es darum ging, mit Anfang 20 weiterzustudieren oder abzubrechen, um mit Carine Roitfeld zur französischen Vogue zu gehen, habe ich einfach aus dem Bauch heraus entschieden. Mein Instinkt hat mich selten im Stich gelassen.

Mein Stil hat sich über die Jahre verfeinert, ich bin sicherer geworden. Von Paris ist die Eleganz geblieben, die Liebe für feines Essen. Ich bin aber immer noch eine sehr deutsche Frau, sehr bestimmt und arbeitswütig. Frauen von heute packen an, ohne dabei ihre Weiblichkeit zu verlieren. Das ist das Wunderbare. In New York ist bei mir die Schnelligkeit dazugekommen, die Fähigkeit, Dinge in Sekunden zu regeln. Das wiederum habe ich von meiner Mutter. Ich saß früher unter ihrem Schreibtisch und habe ihr dabei zugehört, wie sie die Produktionen für meinen Vater organisiert hat. Wir arbeiten nach der Devise: Ich mach das mal.

Ich fühle mich stark

New York ist heute mein Zuhause, ich will nicht weg von hier. Am besten wäre es, meine Eltern zögen her. Wenn ich sehe, dass sie seit 41 Jahren glücklich verheiratet sind, fühlt sich das sehr gut an. Es gibt mir Sicherheit. Als ich mich von meinem Mann trennte, bekam ich Panik. Panik, dass meinen Kindern genau diese Stabilität fehlen würde. Aber wir haben das sehr gut hinbekommen. Das Gefühl, dass ich es mit der glücklichen Ehe nicht so geschafft habe wie meine Eltern, rüttelt einen kurz durch. Aber dann macht es einen stärker. Ich jedenfalls fühle mich stark.

Julia von Boehm in ihrem New Yorker Apartement.

Julia von Boehm in ihrem New Yorker Apartement.



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