Familienbande: Zigmunt Bauman

Neuanfang mit neunzig

Die Soziologen Zigmunt Bauman und Alexandra Kania kannten sich über 60 Jahre. Nach dem Tod ihrer Partner haben sie sich mit über 80 noch einmal verliebt – ineinander. Jetzt ist Zigmunt Bauman mit 91 Jahren gestorben

Veröffentlicht am 07.01.2017
Zygmunt Batman und Alexandra Kania.

So spät noch einmal zusammenzuziehen war für Zygmunt Baumann und Aleksandra Kania nicht einfach, aber sehr spannend.


Zygmunt Bauman, 91

Liebe, das ist der Wunsch nach Zwei­samkeit. Der Wunsch, jemanden zu ha­ben, dem man zuhören und mit dem man diskutieren kann. Nur so stößt man etwas an, nur so passiert etwas im Leben. Das sind zumindest die Gedanken des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig. Und ich finde, er hat recht. Kürzlich habe ich einen Vortrag zum Thema Angst gehalten. Und darüber, wie man im Alter mit Demütigungen und Igno­ranz umgeht – und dem Gefühl von Ohnmacht einer Welt gegenüber, die man immer weniger begreift. Und wie­der bin ich bei der Liebe gelandet.

Wie alles begann

Die Liebe hat mir geholfen, den Tod meiner ersten Frau zu verarbeiten. Das ist nun sieben Jahre her. Janina war ein Jahr jünger als ich, sie hat das Warschau­er Ghetto überlebt und die Shoa. Sie war Schriftstellerin und hat zwei Bücher über ihre Erfahrungen geschrieben. Zusam­men haben wir drei Töchter, wir waren über 62 Jahre lang die besten Freunde und beinahe unzertrennlich. Ich traf sie während des Studiums und fragte sie bereits nach neun Tagen, ob sie mich heiraten will. Janina war meine Inspira­tion, meine Muse. Ich hätte nie geglaubt, dass ich mich danach noch einmal so verlieben könnte. Und dann ist es doch passiert. Mit fast 90.

Meine Töchter haben verständnisvoll reagiert. Sie sind erwachsen und wissen, wie sich die Liebe anfühlen kann. Meine Tochter Lydia beispielsweise war 16 Jah­re alt und irrsinnig verliebt, als wir Polen 1968 verließen und nach Israel aus­wanderten. Ihren damaligen Freund hat sie jahrelang nicht mehr gesehen. Inzwischen sind die beiden verheiratet. Das meine ich, wenn ich sage: Liebe ist magisch.

Aleksandra kenne ich, wie meine erste Frau, aus Studentenzeiten. Sie und Jani­na waren sogar befreundet. In unserem Alter hat man eine Vergangenheit, eine Geschichte. Das akzeptieren wir beide.

Verliebt mit fast 90

Ich war glücklich mit Janina, und Aleksandra war es mit Albin, ihrem Mann. Und heute? Da gibt es eben nur noch Zygmunt und Aleksandra. Wir haben eine starke, innige Beziehung. Unsere Arbeit und die gemeinsamen Interessen verbinden uns ungemein. Und Freiheit ist uns sehr wichtig. Wir lassen dem anderen Raum, um sich zurückzuziehen, um vielleicht auch mal anders zu denken. Und wir versuchen beide, die Persönlichkeit des anderen zu respektieren.

Wenn man mit über achtzig zusammenzieht, ist es natürlich nicht einfach, weil man Gewohnheiten ändern muss. Dafür ist das Leben mit einem neuen Menschen plötzlich wieder sehr spannend, wie eine permanente Entdeckungsreise. Ich bewundere Aleksandras Intellekt und ihre wissenschaftlichen Analysen. Ihre Sicht auf die Welt ist eine ungeheure Inspiration, die meine Welt jeden Tag ein klein wenig verändert.

Aleksandra Kania, 84, die Ehefrau

Zygmunt hört nicht gut. Ich habe Probleme mit den Augen. Da ergänzen wir uns wunderbar. Zygmunt ist 91, ich bin 84. Früher konnte man besser schummeln, was das Alter angeht. Heute steht das ja überall. Na ja, zumindest höre ich manchmal, dass ich nicht aussehe wie 84.

Damals und heute

Ich habe Zygmunt in den 50er-Jahren während des Studiums kennengelernt. Er ist sieben Jahre älter, musste seine Ausbildung wegen des Kriegs unterbrechen und hat dann rasend schnell promoviert und sich habilitiert. Ich habe meine Doktorarbeit bei ihm geschrieben. Damals waren wir beide verheiratet. Zygmunt mit Janina und ich mit Albin, auch ein Soziologe. Wir waren alle vier an derselben Universität in Warschau. Albin, Zygmunt und Janina haben geraucht wie Vulkane! Ich will gar nicht darüber nachdenken, wie viele Zigaretten ich passiv inhaliert habe. Ich habe mit Zygmunt zusammengearbeitet, bis er mit seiner Familie nach Israel auswanderte. Wir haben uns in all den Jahren regelmäßig gesehen.

Albin starb 1994. Nach Janinas Tod 2010 kam Zygmunt immer öfter nach Warschau und hielt Seminare. Ich half ihm und wir waren wie früher ein Team. Daraus wurde Liebe. Es ist unglaublich, sich mit fast 80 noch einmal zu verlieben. Es fühlte sich an wie damals mit 16. Na ja, fast. Beziehungen sind komplex, schwierig und ungeheuer fragil. Im Alter ist man sich dessen eher bewusst. Und was das Thema Sexualität angeht: Es stimmt einfach nicht, dass man im Alter nicht mehr fähig ist, ähnlich intensiv zu fühlen wie früher, als man noch jung war.

Das gemeinsame Leben

Zygmunt und ich haben 2014 geheiratet. Oder war es im Frühling 2015? Ach, egal. Das Schwierigste war, es meiner Tochter zu sagen. Das klingt verrückt, schließlich ist sie eine erwachsene Frau. Aber sie hing sehr an ihrem Vater und wir haben ein symbiotisches Verhältnis. Sie lebt in Warschau, ich pendle zwischen Polen und England. Mittlerweile bin ich aber die meiste Zeit bei Zygmunt in Leeds.

Wir wohnen in dem Haus, in dem Zygmunt mit Janina und seinen Töchtern gelebt hat. Das ist nicht immer einfach, obwohl ich mit Janina befreundet war. Aber hier erinnert einfach alles an sie, ihre Möbel, die Bilder, alte Briefe. Um meine Sachen unterzubringen, musste ich persönliche Dinge von ihr umstellen, teilweise auch ganz wegräumen. Trotzdem hatte ich bisher nie den Eindruck, dass Zygmunt noch in irgendeiner Weise in der Vergangenheit lebt, dass sie ihn stört. Ich bin weder eifersüchtig noch fürchte ich seine Erinnerungen an früher. Die sind in unserem Alter nicht wegzudenken.

Sich an den unterschiedlichen Lebensrhythmus des anderen anzupassen ist mit über 80 Jahren überaus schwierig. Zygmunt steht um vier Uhr morgens auf. Wenn ich gegen sieben Uhr wach werde, sitzt er längst in seinem Arbeitszimmer und hat schon einen halben Roman geschrieben. Ich komme erst nachmittags so richtig in Schwung. Und abends gegen 22 Uhr, wenn ich am aktivsten bin, geht Zygmunt meistens schlafen. Ich sitze dann oft noch bis morgens am Computer. Es braucht Selbstbewusstsein und Vertrauen in den Partner, dann findet man für alles eine Lösung.

Was unseren Biorhythmus angeht, haben wir es so gelöst: Wir haben jetzt drei Schlafzimmer – jeder ein eigenes und dann noch ein gemeinsames.

(Protokolle: Mariangela Mianiti)