Cem Özdemir und Pía María Castro

„Herzensbildung lernt man nicht in der Schule“

Bildung sollte die Basis einer demokratischen Gesellschaft sein, findet Cem Özdemir. Wir sprachen mit dem Grünen-Politiker und seiner Frau Pia Maria Castro über Bildungslücken und Rebellion – und die Chancen guter Erziehung.

Veröffentlicht am 19.10.2017
Cem Özdemir und seine Frau Pia Maria Castro.

Zwei Standpunkte, ein Team: Cem Özdemir und seine Frau Pía María Castro in der Bundesgeschäftsstelle der Grünen in Berlin. 


Cem Özdemir, 51

Wenn man in einem Kindergarten gearbeitet hat, wie ich, kommt man auch im Bundestag gut zurecht. In beiden Universen prallen unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander. Als jemand, der aus einer türkischen Migrantenfamilie stammt, war Erzieher kein Beruf, der mir in die Wiege gelegt wurde. Mein Vater hat gefragt: Warum geht jemand zur Schule, wenn er anschließend mit Kindern spielt?

Auch sonst war ich eine maximale Zumutung für meine Eltern: die grüne Partei, mit 16 habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, zur Armee wollte ich nicht, und dann wurde ich auch noch Vegetarier. Dabei wollten meine Eltern nur, dass es mir einmal besser ergeht als ihnen. Dass ich ein Auto kaufe, nicht wie ein Hippie rumlaufe, Fleisch esse. Und ich? Habe genau das Gegenteil gemacht.

Das war Teil einer Rebellion: einen alternativen Lebensstil pflegen, aus dem klassischen Rollenverständnis ausbrechen. Als ich dann 1994 erstmals in den Bundestag gewählt wurde, haben sich meine Eltern sogar vorher einbürgern lassen, um mich unterstützen zu können. Wahrscheinlich waren sie die zwei stolzesten Wähler in ganz Deutschland. Was zeigt, dass Erziehung und Lernen nichts Einseitiges sind: Erst erziehen die Eltern die Kinder, und irgendwann ist es manchmal auch umgekehrt.

Wenn mein Sohn und meine Tochter sagen, Papa ist der beste Vorleser, freue ich mich. Ich erfinde mittlerweile sogar eigene kleine Geschichten. Meine Eltern waren berufstätig, da blieb für Vorlesen nicht viel Zeit. Ich habe Mittlere Reife und Fachabitur, bin umgeben von Bildungsbürgern, und manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich manche Sachen, von denen wie selbstverständlich gesprochen wird, nicht kenne, da mir die gymnasiale Oberstufe fehlt. Goethes „Faust“ habe ich erst vor zwei Jahren im Griechenlandurlaub gelesen. Oder Oliver Twist und Tom Sawyer. Das lese ich jetzt meinen Kindern vor – und lerne selbst dazu.

Ich habe eine liberale Erziehung genossen, was auch an meiner Mutter lag, eine stolze Istanbulerin und eine sehr selbstbewusste und emanzipierte Frau, die allein nach Deutschland kam und erst hier meinen Vater kennenlernte. Erziehungsstile ändern sich, aber Werte wie Respekt und Neugier lehren wir unsere Kinder noch heute. Sie wachsen frei auf, ohne Dogmen.

Wenn meine Tochter in Berlin-Kreuzberg ein Mädchen in ihrem Alter sieht, das verschleiert ist, fragt sie mich, warum die das macht. Die Oma sei ja auch Muslima und trage kein Kopftuch. Erklären Sie das mal! Meine Frau ist Katholikin. Wenn es um religiöse Erziehung geht, haben wir uns in der Küchentheologie darauf geeinigt, dass Mohammed und Jesus gute Freunde sind. Den Rest lassen wir unsere Kinder selbst herausfinden.

Der beste Rat, den mir meine Eltern gegeben haben: mit offenen Augen auf andere Menschen zuzugehen. Mich faszinierte immer, dass mein Vater mit nur drei Jahren Volksschule so weise war. Eine gute Schulausbildung ist ein Privileg. Sie nicht zu haben ist aber keine Entschuldigung dafür, ein Depp zu sein. Herzensbildung lernt man nicht mit 13 Jahren Unterricht.

Warum werden manche Menschen zu Fanatikern und andere nicht? Warum schlagen manche ihre Frauen und Kinder und andere nicht? Natürlich hat das damit zu tun, was man vorgelebt bekommt. Wir sind alle Geiseln unserer Erziehung. Aber wir haben die Chance, Dinge infrage zu stellen. Und neu zu denken.

Cem Özdemir sitzt lachend auf einem Tisch.

Cem Özdemir versucht bis heute, s­einer Frau Rock und Heavy ­Metal näherzubringen. Led ­Zeppelin geht. The Who noch nicht.


Pía María Castro, 45, die Ehefrau

Wenn mein Mann und ich uns streiten, dann auf Englisch, weil ich so die Möglichkeit habe zu gewinnen. Es geht dann meist darum, dass er furchtbar unpünktlich ist. So sparsam. Und so penibel. Zu Hause macht er immer überall das Licht aus, das macht mich manchmal wahnsinnig. Wenn wir mit unseren Kindern am Strand sind, ist das Erste, was er macht: eincremen. Bis zum Gehtnichtmehr. Und was macht er, während ich schwimmen gehe? Die Kinder nehmen und Müll sammeln. Ich versuche, das Schöne zu sehen. Mein Mann guckt, was er besser machen kann. Das sind oft unterschiedliche Perspektiven.

Als wir uns kennenlernten, sagten unsere Freunde: Ach, wie weit weg ist Argentinien von Deutschland und Deutschland von der Türkei. Die Distanz, die Kultur, die Werte. Dabei ist Argentinien ein offenes Land. Das war auch die Türkei damals noch, vor 15 Jahren. Unsere Familien sind südländisch geprägt. Wir vermitteln unseren Kindern die Werte, die wir von unseren Eltern mitbekommen haben, allen voran Respekt und Offenheit. Unsere Welt endet nicht in Deutschland.

Es tut gut zu gucken, was links und rechts von uns passiert. Womit ich ein Problem habe, sind die Erdoğan-Anhänger hier. Ich spüre ihre bösen Blicke, vor allem als Frau. Ich frage mich oft: Wer kümmert sich um ihre Kinder? Wer macht mit ihnen Hausaufgaben? Ist das der Islam meiner Schwiegermutter?

Dann sehe ich meinen Mann. Er ist ein exzellenter Vater. Als Erzieher hat er mehr Geduld als ich. Gute Erziehung bedeutet für mich gemeinsame Zeit. Gemeinsam essen. Wir haben gerne viele Gäste. Dann koche ich, und das hat nichts mit fehlender Emanzipation zu tun. Mein Mann ist einfach schlecht in der Küche, da fehlt ihm das Gefühl. Dafür isst er gerne und ist ein guter Gast.

Wir versuchen, die gemeinsame Zeit, die wir haben, möglichst gut zu nutzen. Wenn er von der Arbeit kommt, kann er meist schnell abschalten. Das mag ich. Und wenn ich arbeiten oder verreisen muss, ist er da. Wir helfen uns, auf Augenhöhe. Das ist wichtig.

Porträt von Pia Maria Castro.

Die Journalistin Pía María Castro lernte ihren Mann beim Interview kennen. ­Dabei ging es nicht um ­Politik, sondern Musik.


Biografien

Cem Özdemir, geboren am 21.12.1965 im schwäbischen Urach als Sohn türkischer ­Einwanderer. Er machte eine Ausbildung als Erzieher und studierte Sozial­päda­gogik. 1981 wurde er Mitglied der Grünen, bei der aktuellen Bundestagswahl geht er mit Katrin Göring-Eckardt als Spitzenkandidat ins Rennen. Hobbys: Wandern, ­Lesen, Musik. 

Pía María Castro, geboren am 29.4.1972 in Buenos Aires, kam mit 18 Jahren nach Deutschland. Die Journalistin arbeitet für das spanische Programm der Deutschen Welle, wo sie ihre eigene Talk-Sendung hat: „¡Aquí Estoy!“ Mit ihrem Mann und zwei Kindern (7 und 11) lebt sie in Berlin-Kreuzberg. Hobbys: Joggen, Musik, Lesen.