Familienbande: Veronica und Jacopo Etro

Muster-Betrieb

Der Generationswechsel in Familienbetrieben ist oft schwierig, gerade in der Modebranche. Wie haben Veronica Etro und ihr Bruder Jacopo das so gut hinbekommen?

Veröffentlicht am 30.05.2017
Veronica und Jacopo Etro.

Veronica und Jacopo führen das italienische Luxuslabel, das 1968 von ihrem Vater Girolamo Etro gegründet wurde.


Veronica Etro, 42

Ich bin mit großen Brüdern aufgewachsen. Ippolito ist sieben, Kean zehn und Jacopo zwölf Jahre älter als ich. Als Kinder haben wir nicht viel Zeit miteinander verbracht oder zusammen gespielt wie andere Geschwister. Die Jungs waren auf einem Internat in der Schweiz. Wenn sie zu Besuch kamen, waren sie für mich eher wie Väter. Kean hat mir beim Essen manchmal Teller unter die Arme geklemmt, damit ich gerade sitze. Sie waren zwar streng, wollten aber nur mein Bestes.

„Ich hatte nie geplant, Modedesignerin zu werden”

Wir sind nicht die typische italienische Familie, in der Mütter über ihre Söhne und Väter stolz über ihre Töchter wachen. Ich habe als Teenager viele Freiheiten gehabt. Meine Mutter ließ mich mit 19 Jahren zu einer Gastfamilie im Schwarzwald ziehen. Zu meinem Vater habe ich eine sehr enge Bindung. Obwohl er inzwischen nicht mehr im Unternehmen ist, tauschen wir uns aus. Als ich sechs Jahre alt war, hat er mir Stoffproben gezeigt und mich mit in sein Atelier genommen. Für mich war dieser Ort wie ein großer Spielplatz. Aus den Stoffresten habe ich kleine Puppen gebastelt. Eine hängt heute noch in meinem Büro. Stoffe, Farben und Muster wurden zu meiner Leidenschaft, trotzdem wollte ich nie Modedesignerin werden. Das ist dann einfach so passiert.

Nach der Schule ging ich nach London, um am Central Saint Martins College zu studieren – übrigens aus eigenem Antrieb. Ich liebe diese Stadt. Die Zeit tat mir gut, um zu verstehen, wer ich bin und wer ich sein will. Ich finde, jeder sollte mal raus. Kean fragte mich ein Jahr vor meinem Abschluss, ob ich zurückkommen kann, um bei der Frauenkollektion zu helfen. Ich sagte: „Du weißt doch, ich lasse nichts stehen und liegen. Wartet noch ein bisschen.“ Nach dem Abschluss habe ich überlegt, ob ich noch einen Master dranhängen soll. Aber dann dachte ich mir: Es ist Mode, nicht Medizin. Also ging ich zurück nach Italien.

Die Geschwister arbeiten eng zusammen 

Heute arbeite ich mit meinen Brüdern zusammen. Jeder hat seinen eigenen Bereich. Das ist wichtig, damit wir uns nicht in die Quere kommen. Jacopo sehe ich öfter, weil er die Accessoires zu meinen Kollektionen macht. Früher fiel es mir schwer, meine Meinung zu sagen, wenn mir etwas nicht passte. Ich wollte niemanden verletzen. Bei einem Verwandten kann dir das schneller passieren als bei einem Kollegen. Inzwischen kann ich sehr direkt sein, im positiven Sinn. Schließlich will ich nur das Beste für unsere Firma.

Meine beiden Söhne besuchen, wie ich früher, die Deutsche Schule in Mailand. Ich gehe regelmäßig zu den Elternsprechtagen und helfe bei den Hausaufgaben. Was ihre Erziehung angeht, bin ich altmodisch. Ich würde sie nie den Unterricht schwänzen lassen, nur damit sie eine meiner Modenschauen sehen können. Wahrscheinlich sind sie auch die Letzten in ihrer Klasse ohne Handy. Sie sollen einfach wissen, dass es auch noch andere Dinge gibt: Bücher, Magazine und Kunst.

Ich bin der Klebstoff unserer Familie, ich halte sie zusammen. Tochter, Ehefrau, Schwester, Mutter und Chefin. Das Leben einer Frau besteht aus vielen Rollen. Mir gefällt das. Sogar mein Hund ist ein Rüde. Ich bin wirklich allein unter Männern!

Veronica Etro in ihrem Atelier in Mailand.

Veronica Etro in ihrem Atelier in Mailand.


Jacopo Etro, 54, der Bruder

Mit 18 Jahren wartete ich auf die Einberufung zum Militärdienst. Aber der Brief kam nie an und so fing ich mit einem Aushilfsjob bei meinem Vater an. Ich stand im Musterraum und katalogisierte und archivierte Stoffe. Eigentlich wollte ich Redakteur werden und ein Lifestyle-Magazin für Männer gründen. So etwas gab es damals noch nicht. Aber dann habe ich mich in die Welt der Stoffe eingearbeitet und mich in sie verliebt. Wie sie sich anfühlen, wie viel Handarbeit in ihnen steckt und wie uralt manche der Techniken sind. Das fasziniert mich. Die Schnitte und Formen der Kleidung interessieren mich eigentlich nicht. Ich bin ständig unterwegs, um Stoffe zu finden, in Asien, Indien, Schottland. Wenn ich von meinen Trips zurückkomme, dann meistens mit 30 Kilo Übergepäck durch Stoffmuster.

Ein Familienunternehmen hat viele Vorteile

Ich kümmere mich um Textilien, Homewear, Accessoires und um die Kommunikation. Kean macht die Männer-, Veronica die Frauenkollektion. Oft haben sie ganz unterschiedliche Ideen. Am Ende muss aber alles zusammenpassen. Ich vermittle dann zwischen den beiden. Das ist nicht immer einfach. Der Vorteil eines Familienunternehmens liegt ja darin, dass man Entscheidungen schnell treffen kann, notfalls auch am Esstisch. Dabei muss man diplomatisch vorgehen, sonst kann es schon mal krachen, vor allem in einer italienischen Familie.

Ich bin der Älteste. Auf Veronica habe ich schon immer besonders aufgepasst. Als Junge fällt es dir leicht, netter zu deiner Schwester zu sein als zu den Brüdern. Unter uns herrschte immer Wettstreit, wir haben uns gegenseitig geärgert. Das ist bis heute so.

Zu Veronica habe ich eine enge Beziehung. Ich wohne ein Stockwerk unter ihr und höre, wenn ihre Jungs spielen und durch die Wohnung rennen. Abends gehe ich oft hoch und verbringe Zeit mit ihnen. Das ist großartig! Wenn ich mir meine Schwester anschaue, wie sie ihre Familie organisiert und in der Firma Verantwortung übernimmt, macht mich das stolz. Sie ist eine Prinzessin und drauf und dran, unsere Königin zu werden. 

Porträt Jacopo Etro.

Textil-Enthusiast mit großer Stoffsammlung: Jacopo Etro.


Biografien

Veronica Etro, geboren am 19. April 1974 in Mailand, kam 1998 als letztes ihrer Geschwister ins Familienunternehmen. Ihre erste eigene Kollektion präsentierte sie 2000, seither entwickelt sie das für Etro typische Paisleymuster ständig weiter. Mit ihrem Mann hat sie zwei Söhne, die Familie lebt in Mailand. Hobbys: Skilanglauf, Fotografie. Sternzeichen: Widder.

Jacopo Etro, geboren am 22. September 1962 in Mailand, ist 1982 ins Unternehmen eingestiegen. 2010 wurde er in den Vorstand der Camera Nazionale della Moda Italiana, des italienischen Modeverbands, berufen. Er lebt in Mailand. Hobbys: Reisen, Kunstsammeln, Gourmetküche. Sternzeichen: Jungfrau.