Familienmodell Teilzeitmutter

Zur Hälfte Mutter

Es gibt viele Ratgeber, die einem erklären, wie man eine gute Mutter wird. Wie aber wird man eine gute halbe Mutter? Unsere Autorin sieht ihre Kinder nur jede zweite Woche. Ist sie deshalb eine Rabenmutter?

Veröffentlicht am 22.03.2017
Lisa Frieda Cossham.

Lisa Frieda Cossham ist dabei zu lernen, wie man eine gute halbe Mutter wird.


Jeden zweiten Montag verabschiede ich meine Töchter in die Schule und weiß, ich werde sie erst in acht Tagen wiedersehen. Ich bin Teilzeitmutter, ich teile Louise und Martha mit ihrem Vater: Sie leben eine Woche bei ihm, eine bei mir. Seit drei Jahren versuchen mein Ex-Mann und ich, auf diese Weise den Kindern nah zu bleiben. Wir haben uns immer gleichberechtigt um unsere Mädchen gekümmert. Nie haben wir die Welt für sie angehalten, keiner von uns hatte das Gefühl, verzichten zu müssen: auf Jobs, Wochenend-Trips, Fernreisen. Davon hatten wir als Studenteneltern ohnehin keine Vorstellung, wir sind gemeinsam mit unseren Töchtern gewachsen.

Das Leben als Teilzeitmutter

Als ich ihren Vater verlassen habe, waren sie elf und neun. Da sie uns als Eltern gleichermaßen forderten, schien uns das Wechselmodell normal. Schließlich wollte keiner den anderen zur Wochenend-Figur erklären. Wir mussten beide lernen zu verzichten – auf gemeinsame Zeit mit den Kindern. Auf Nähe. Im ersten Jahr habe ich Martha und Louise ständig vermisst. Es gibt viele Ratgeber, die erklären, wie man eine gute Mutter, ein guter Vater ist, wie man seine Beziehung zum Kind stärkt. Wie aber lockert man sie? Wie wird man eine gute halbe Mutter?

Ich habe versucht, das herauszufinden, und musste mich mit Vorurteilen und veralteten Idealen auseinandersetzen: Eine gute Mutter trennt sich nicht von ihrem Mann, sondern bleibt zum Wohl der Kinder. Sie ist präsent, bedingungslos verfügbar. Vor allem aber darf sie ihre Rolle nicht hinterfragen, Muttersein macht glücklich, Punkt. Während mein Ex-Mann dafür bewundert wurde, dass er ein ganzer halber Vater blieb, schien es anderen Müttern verdächtig, dass ich meine Kinder freiwillig mit ihm teile. Ich habe verstanden, dass Gleichberechtigung bei Paaren etabliert, bei Eltern wünschenswert ist. Für Getrennte aber scheint zu gelten: Sie macht’s. In Deutschland leben in neun von zehn Fällen die Trennungskinder bei einem Elternteil, meistens bei der Mutter.

Gemeinsame Zeit ist kostbar

Die bleibt zu Hause oder arbeitet halbtags, zahlt eklatant weniger in ihre Rente ein, ist oft erschöpft. Als Teilzeitmutter habe ich Zeiten, in denen ich mich erholen kann und meinem Beruf als Autorin nachgehe, den ich liebe. Was ich als selbstverständlich hingenommen hatte, nämlich die Möglichkeit, mich selbst zu verwirklichen, begreife ich jetzt als Chance. Natürlich muss jede Familie selbst herausfinden, was die beste Lösung für sie ist. Ich finde aber, wir sollten das ebenbürtige Rollenverständnis, für das wir sonst kämpfen, im Fall einer Trennung nicht aufgeben. Meinen Töchtern werde ich als arbeitende Frau in Erinnerung bleiben und ich glaube nicht, dass das ihre Meinung von mir als Mutter schmälert. Sie wissen, wie wichtig mir meine Arbeit ist. Sie wissen auch, dass ich unruhig werde, wenn ich zu oft in der Küche stehe, das Gefühl habe, Haushaltsdinge halten mich auf. Geh nur, setz dich an den Schreibtisch, sagen sie dann, in der Hoffnung, die Stimmung zu verbessern. Stolz bin ich darauf nicht, aber ich habe gelernt, mich anzunehmen, wie ich bin.

Unser Verhältnis ist heute nicht weniger eng als früher, es ist anders. Gemeinsame Zeit ist kostbar, deshalb wende ich mich Martha und Louise bewusster zu. Ich bin stolz auf sie, ein Gefühl, das ich erst nach der Auflösung unserer Familie entwickeln konnte, als ich um ihre Nähe bangen musste. „Eine gute Mutter ist eine, die ihre Kinder durchs Leben begleitet und ihnen vermittelt, dass ihnen die Welt offensteht“, hat die französische Philosophin Élisabeth Badinter mal gesagt. Es ist, wie ich finde, topaktuell und lässt Frauen die Chance, sich zu starken Müttern zu entwickeln – in welchem Familienmodell auch immer.

Lisa Frieda Cossham hat über ihr Lebensmodell ein erfrischend ehrliches Buch geschrieben. Das Beste: der optimistische Sound (Blanvalet).